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NWZonline.de Sport Fußball

Alleine unter jubelnden Engländern

20.05.2010

OLDENBURG 30 Engländer, die über den 4:2-Sieg nach Verlängerung ihres Team im WM-Finale jubelten – dazwischen ein enttäuschter deutscher 14-jähriger Heranwachsender vor dem Fernsehgerät im englischen Küstenort Mundesley-on-Sea. Als sei es gestern gewesen, erinnere ich mich an den Moment, als der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst am 30. Juli 1966 das Endspiel der Gastgeber gegen eine starke deutsche Mannschaft abpfiff und mir die Tränen über die Wangen liefen. Es fiel schwer, nach so einem Spiel, das durch das „Wembley-Tor“ in die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften eingehen sollte, fair zu bleiben.

Uwe Seeler, Deutschlands Idol, zeigte Sportsgeist, als er bei der Ehrung noch mit Königin Elisabeth II – sie war wirklich schon Regentin – kurz plauderte. Dabei wäre so viel zu besprechen gewesen. Zum Beispiel das Verhalten des russischen Linienrichters Tofik Bachramow, der den Ball von Geoff Hurst hinter und nicht auf oder vor der Linie gesehen haben wollte und Dienst auch noch überzeugte.

Rückblick: Dass Deutschland so weit kommen würde, hatte zwei Jahre zuvor keiner gedacht. Helmut Schön hatte Sepp Herberger als Trainer abgelöst, das Gros der Nationalspieler hatte sich zurückgezogen. Neuaufbau war das Stichwort. Dazu heftiges Bangen bei allen Fans, ob die nach Italien gewechselten Albert Brülls, Karl-Heinz Schnellinger und Helmut Haller von ihren Vereinen eine Freigabe für die Qualifikationsspiele gegen Schweden erhalten würden – sie bekamen sie. Und mit den Skandinaviern stand ein Klotz im Weg nach England, gegen den die Bilanz trübe aussah. Das 1:1 aus dem Hinspiel war alles andere als ein Wunschergebnis. „Wie sollen wir das schaffen?“ fragte mein Freund Dieter deprimiert.

Und dann das: Seeler zog sich fünf Monate vor dem Rückspiel einen Achillessehnenriss zu. „So ein Mist“, fluchte Dieter. „Das war’s dann wohl!“ Aber wir hatten „Uns Uwe“ unterschätzt. Drei Wochen vor dem Spiel kehrte er zurück. Schön pokerte hoch, setzte auf Seeler und ließ das 20-jährige Bayern-Talent Franz Beckenbauer debütieren. Fußball-Deutschland wollte es nicht glauben. Das konnte nicht gut gehen. Denkste! Deutschland siegte 2:1 – Seeler schoss den entscheidenden Treffer. Schön war der Beste!

1966 war die Zeit des vielfältigen Aufbruchs. Die Koalition von CDU und FDP unter Kanzler Ludwig Erhard stand auf der Kippe und wurde im Dezember durch die erste große Koalition abgelöst, die Beatles rückten in die Spitze der Charts, die Jugend begehrte auf, stemmte sich gegen die Notstandsgesetzgebung, die Außerparlamentarische Opposition (APO) erwachte.

Für mich, den 14-Jährigen, der im tiefsten Nordhessen nicht über das Auestadion in Kassel und das Frankfurter Waldstadion hinausgekommen war, war es wie ein Traum, bei WM-Spielen vor Ort sein zu dürfen. Meine Vorbilder aus der Nähe zu sehen – unglaublich. Nachmittags auf der Wiese in unserem 500-Seelen-Dorf schlüpfte jeder in die Rolle seines Idols. Ich hatte zwei: Petar Radenkovic, den Keeper von 1860 München, weil ich zwischen den Pfosten überzeugen konnte, oder Lothar Emmerich, weil ich der einzige „Linksfuß“ war.

Stolz wie Oskar verließ ich das Stadion in Birmingham, als „Emma“ den 0:1-Rückstand gegen Spanien mit einem „unmöglichen“ Tor wettgemacht hatte. Von der Grundlinie aus hämmerte er das Leder in die kurze Ecke. Gut, dass Bachramow nicht an der Linie stand. Der hätte wohl ein Loch im Netz entdeckt. Unvergessen das 5:0 gegen die Schweiz, als die Elf feinen Offensivfußball bot und der Stern von Beckenbauer am Fußballhimmel weiter stieg. Deutschland glänzte auch danach, kam ins Endspiel. Der Rest ist bekannt.

Nachlese: Als sich in dem Jugendcamp an der englischen Küste das Kontingent der Deutschen erhöhte, stellten wir eine Mannschaft beim wöchentlichen Fußballturnier. Wir siegten. Vorbei war die Zeit der gehässigen Kommentare, vorbei die der Tränen. Meine Fußballwelt war wieder in Ordnung.

Fried-Michael Carl Berne/Lemwerder / Redaktion Elsfleth
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