ATHEN - Der sensationelle EM-Triumph 2004 hat sich tief in das Gedächtnis der eigentlich schnell vergessenden Griechen eingegraben. Hätte man an der Akropolis vor dem Turnier 2004 auf einen EM-Sieg des Außenseiters gewettet, wäre man zunächst in die Psychiatrie im westlichen Athener Vorort Dafni eingeliefert worden – um dann am

Abend des 4. Juli 2004 dank einer Traumquote einen Riesen-Wettgewinn einzustreichen.

Heute gibt es nicht wenige Griechen, die eine Wiederholung der Sensation für möglich halten. Bei der EM trifft der Titelverteidiger in der Vorrunde auf Schweden, Russland und Spanien.

Für die 14 (!) Athener Sporttageszeitungen ist das Nationalteam ein Dauerthema – die Erwartungen sind entsprechend hoch. Dass dies so ist, liegt an Otto Rehhagel. Der gebürtige Essener, der am 9. August seinen 70. Geburtstag feiert, ist trotz zeitweiliger Medienschelte das Sinnbild für den Erfolg. Dümpelten die Griechen vor der Amtsübernahme des Ex-Werder-Trainers im August 2001 auf Platz 60 der Weltrangliste, sind sie nun Zehnter.

Rehhagel stellte zudem einen Rekord auf: Mit nunmehr 78 Partien als Griechen-Trainer zog er am ehemaligen Berufskollegen Alketas Panagoulias vorbei. Die Bilanz des Deutschen mit 43 Siegen, 16 Unentschieden und 19 Niederlagen ist beeindruckend.

Die Spieler, die Rehhagel auch auf Griechisch „meine Jungs“ nennt, schätzen den Deutschen. Den 23-köpfigen Kader für das „Projekt Titelverteidigung“ hat Rehhagel bereits im Kopf, wie er beim jüngsten Testspiel Ende März in Düsseldorf gegen Portugal (2:1) erklärte.

Zwar waren nur zehn Akteure schon beim EM-Titelgewinn dabei. Doch die große Stärke von Rehhagel und Co. wird wieder der Teamgeist sein, ein überragender Star fehlt wie schon vor vier Jahren. Glänzte beim EM-Triumph vor allem die Defensive um Torhüter Antonios Nikopolidis (Olympiakos Piräus) und den Abwehrhünen Traianos Dellas von AEK Athen (Rehhagel: „Mein Koloss von Rhodos“), ist der Europameister nun auch im Angriff stark. Die Bundesliga-Profis Theofanis Gekas (Leverkusen), Angelos Charisteas (Nürnberg) und Ioannis Amanatidis (Frankfurt) gehen auf Torejagd. Von zentraler Bedeutung sind für Rehhagel ferner die Mittelfeldspieler Angelos Basinas (Real Mallorca), Kostas Katsouranis (Benfica Lissabon) und Georgios Karagounis (Panathinaikos Athen).

Die Taten von Rehhagel und seinen Schülern vor und bei der EM werden nach dem Vorbild von Sönke Wortmanns „Sommermärchen“ im Herbst in den griechischen Kinos zu sehen sein. Ein Kamerateam begleitete die Griechen schon beim Kick gegen Portugal, um einen Blick in die von Rehhagel bisher hermetisch verschlossene Welt zu werfen.

In dieser Serie werden die teilnehmenden Mannschaften an der Fußball-Euromeisterschaft vorgestellt.