BOZEN - Wenn es um die „Azzurri“ geht, kennen die Italiener keinen Wettskandal und keine Polemiken. Nach dem Sieg im Elfmeterschießen gegen England träumt man auf der Halbinsel vom EM-Titel.

Gut, auf dem Weg dahin muss zunächst im Halbfinale an diesem Donnerstag Deutschland bezwungen werden. In jeder Bar, auf den Straßen, im Familien- und Freundeskreis erinnert man sich in diesem Zusammenhang an 2006, als sich Italien im WM-Halbfinale von Dortmund gegen Deutschland in der Verlängerung mit 2:0 durchsetzte und wenige Tage später Weltmeister wurde. Jenes Halbfinale macht den Fans Mut, die aber generell stolz auf die Statistik verweisen, die besagt: „Wir haben gegen Deutschland bei einer EM oder WM noch nie verloren.“

Das südländische Temperament kommt mit jedem Erfolg bei der EM mehr und mehr zum Vorschein. Denn wenn ihre Mannschaft Erfolg hat, schlägt sich das sofort auf die Gemütslage der Tifosi nieder. „Wir glauben an uns. Mit Pirlo ist alles möglich. Gegen Deutschland wird Balotelli explodieren“, lauten die entsprechenden Sprüche.

Am 21. Juni 1995 hat Italien zum letzten Mal gegen Deutschland verloren (0:2 in einem Testspiel). Doch dieses Mal scheinen Özil & Co. favorisiert zu sein. Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli meint vor dem Spiel an diesem Donnerstag (20.45 Uhr/ARD): „Deutschland ist sehr spielstark, organisiert, jung und voller Dynamik. Doch wir wollen uns nicht verstecken und eine Spielidee präsentieren, die zum Tor und zum Sieg führen soll. Die Mannschaft hat sich gesteigert, alle Spieler sind heiß und gewillt ins Finale einzuziehen.“

Italien kann wohl auf den angeschlagenen Giorgio Chiellini zurückgreifen. Der Abwehrspieler von Juventus Turin soll links anstelle von Federico Balzaretti auflaufen. Auch Ignazio Abate und Daniele de Rossi, die über Blessuren klagten, sollen von Beginn an spielen.

Allerdings ist die italienische Presse sehr verärgert darüber, dass Italien zwei Tage weniger Pause hat. „Wie immer entscheiden wirtschaftliche Interessen. Das ist fast beschämend. Uefa-Präsident Michel Platini war selbst ein genialer Fußballer und hätte eingreifen müssen“, monieren italienische Journalisten.

Die Kritik an Platini ist bemerkenswert. Er genießt in Italien noch immer ein hohes Ansehen. Schließlich hat der Franzose in den 80er-Jahren als Mittelfeldspieler bei Juventus Turin große Erfolge errungen.

Prandelli verweist in dieser Diskussion lieber auf die starke Physis seines Teams. „Wir haben erst zwei Gegentore in vier Spielen bekommen. 19 Spieler kamen schon zum Einsatz, wir haben in jeder Partie dreimal gewechselt“, sagt der 54-Jährige: „Athletisch haben wir unser höchstes Niveau erreicht, und auch die Psyche könnte besser nicht sein. Wir werden uns gegen Deutschland nicht in der Abwehr verkriechen.“ Selbst Sorgenkind Mario Balotelli wirkte zuletzt im Training sehr konzentriert. Er bleibt aber ein Pulverfass, wenngleich man ihm in Italien (fast) alles verzeiht.

Besonders gespannt schauen die Südtiroler wie hier in Bozen auf dieses Spiel. Während in den übrigen Regionen Italiens die Sympathien klar zugunsten der „Azzurri“ verteilt sind, ist die Situation hier anders. In der „deutschen“ Region Italiens hat das DFB-Team ebenfalls viele Fans.