BREMEN - Michael Kutzop (56) hat längst keine schlaflosen Nächte mehr. Vor 25 Jahren konnte er allerdings gar nicht gut schlafen. In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1986 machte er kein Auge zu. Kutzop hatte wenige Stunden zuvor die Chance besessen, Werder Bremen mit seinem Elfmeter im direkten Duell gegen den FC Bayern zum Meistertitel zu schießen. Der Rest ist Legende: Kutzop, der zuvor noch nie einen Strafstoß in der Fußball-Bundesliga verschossen hatte, traf in der 89. Minute den Pfosten, die Partie endete 0:0. Werder verlor das letzte Saisonspiel in Stuttgart, die Bayern gewannen gegen Mönchengladbach – die Meisterschaft war futsch.

Schlafen konnte Kutzop nicht, weil er sich Vorwürfe machte – obwohl er von den Kollegen nie welche zu hören bekam. Und weil er nachts ständig angerufen wurde. Es waren Bayern-Fans, die ihm zu seinem Fehlschuss gratulieren wollten. Bald legte er sich eine neue Nummer zu.

Man kann nicht wirklich von einem Trauma sprechen, Kutzop ist kein Mensch, der lange Trübsal bläst. Der Fehlschuss verfolgt ihn dennoch bis heute. Nicht nur, weil er gelegentlich noch das Geräusch im Ohr hat. Dieses Geräusch, wie der Ball an den Pfosten klatscht.

Seit 1997 leitet Kutzop die Rudi-Völler-Fußballschule in Cala Millor an der Ostküste Mallorcas. Kutzop und Völler verbindet seit mehr als 30 Jahren eine Freundschaft. Die beiden haben schon 1978 gemeinsam bei Kickers Offenbach in der Zweiten Liga gespielt – später bei Werder in der Ersten Liga. „Rudi hat seinen Namen hergegeben, ich mache die Arbeit“, sagt Kutzop. Er hat damit kein Problem. Die Kinder zwischen 6 und 18 Jahren, die am Fußballcamp teilnehmen, können unfallfrei „Es gibt nur ein’ Rudi Völler“ singen – von Michael Kutzop und dem ominösen Elfer haben die meisten von ihnen noch nie gehört.

Dumm nur, dass sich einige der Eltern erinnern. Die erzählen es weiter und schon wollen die Nachwuchskicker beim nächsten Training von Kutzop wissen, wie das war, damals beim Elfmeter. Längst hat sich Kutzop eine Standardantwort parat gelegt. Er sagt dann: „Wisst ihr was, ich bin damals ganz frei zum Schuss gekommen.“ Die Kleinsten gucken verwirrt, die Größeren lachen.

Auch Kutzop nimmt es inzwischen meistens mit Humor. Aber als neulich das Video für die Fußballschule aktualisiert wurde, da ist er dann doch zu seinem Freund Rudi gegangen und hat ihn gebeten: „Lässt Du die Szene vom Elfmeter bitte weg.“ Und er gesteht, dass er sich niemals ein Video von dem Spiel am 22. April vor 25 Jahren angesehen hat.

Bald nach dem Ende der Karriere 1994 hat Kutzop seine A-Lizenz gemacht, den Fußballlehrerschein sparte er sich. Als Trainer im Profigeschäft wollte er nie arbeiten. Rund 22 Wochen im Jahr ist er nun auf Mallorca. Ganz übersiedeln aber will er nicht. „Ich mag die Insel, aber ich fühle mich in Deutschland einfach viel zu wohl.“ Die Zeit in Deutschland verbringt er mit seiner Frau Petra und den zwei Kindern in Großwallstadt, der Heimatstadt seiner Ehefrau.