BREMEN - Es läuft die 86. Minute im Bundesliga-Spiel von Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen. Die Gäste klären eine Flanke von der linken Seite, doch der Ball kommt zu Florian Hartherz, der aus rund 20 Metern abzieht. Leverkusens Torhüter Bernd Leno kann den Schuss gerade noch zur Ecke abwehren. Beim nächsten Mal treffe ich den Ball bestimmt besser, sagte Hartherz später zu der Szene.
Führung durch Pizarro
Der Siegtreffer wäre die Krönung der Leistung des 18-Jährigen gewesen. Er wäre die Krönung eines bemerkenswerten Fußball-Nachmittags im Weserstadion gewesen. Zwar blieb es vor 40 060 Zuschauern gegen biedere Gäste vom Rhein nach den Treffern von Claudio Pizarro (29.) und Stefan Reinartz (57.) beim 1:1 (1:0), doch wo sonst die Diskussionen aufgekommen wären, ob dies für die Ansprüche von Werder nicht zu wenig ist, gab es diesmal nur Lob. Ich bin sehr zufrieden mit der Leistung. In unserem Spiel war viel Leben drin, sagte Trainer Thomas Schaaf, und Geschäftsführer Klaus Allofs ergänzte: Es ist höchst erfreulich, dass die jungen Spieler die Vorgaben aus dem Training unter dem Druck einer Bundesliga-Partie umsetzen konnten.
Eine Aussage, mit der Allofs fast die gesamte Mannschaft hätte meinen können. Denn der angespannten Personalsituation geschuldet begann Schaaf am Sonnabend mit sieben Spielern, die 23 Jahre oder jünger sind. Ein niedrigeres Durchschnittsalter hat es in der Bundesliga-Historie von Werder nur ein einziges Mal gegeben vor 33 Jahren. In Hartherz, dem Schweizer Zugang Francois Affolter und dem später eingewechselten Niclas Füllkrug kamen gleich drei Akteure zu ihrem Bundesliga-Debüt. Zudem standen zwischen der 63. und 77. Minute in Hartherz, Füllkrug und Tom Trybull sogar drei 18-Jährige gemeinsam auf dem Platz. Letzterer hatte in der ersten Hälfte das 1:0 durch Pizarro vorbereitet. Und dass in Torhüter Tim Wiese einer der ganz erfahrenen Spieler beim 1:1 schlecht aussah der 30-Jährige kam bei einem Eckball gegen Torschütze Reinartz zu spät passte zum starken Bild, dass die jungen Akteure am Sonnabend vermittelten.
Natürlich waren nach dem Spiel alle begehrt, doch welches dieser neuen Gesichter gehört denn nun eigentlich zu welchem Namen? Affolter verriet da sein französischer Dialekt. Das war ein guter Start für mich. Ich bin zufrieden, auch wenn es um das Resultat schade ist, sagte der Schweizer. Der Innenverteidiger spielte neben dem überragenden Sokratis. Der Grieche wiederum war erst kurz vor Saisonbeginn aus Italien nach Bremen gekommen, zählt angesichts der vielen neuen Kameraden aber bereits als etablierte Kraft.
Mit Sokratis habe ich mich auf deutsch, englisch und italienisch verständigt, aber es gibt im Fußball auch gewisse Basisabstimmungen, die überall gleich sind, sagte Affolter, der mit der Umstellung bestens zurecht kam. Der Rhythmus ist schneller, und Technik sowie Taktik sind viel besser als in der Schweiz. Aber dass bei Werder jeder für jeden gekämpft hat, hat es mir einfach gemacht, sagte der 20-Jährige.
Allofs bremst Euphorie
Die vielen jungen Spieler eröffnen glänzende Perspektiven, die Allofs allerdings nicht für die ganz nahe Zukunft sieht. Begeisterung über junge Spieler lässt schnell nach, wenn nicht gewonnen wird, sagte der Geschäftsführer. Wir möchten schon mit unserer stärksten Elf auflaufen. Aufgrund der besonderen Situation ist das 1:1 in Ordnung, aber die ersten vier Plätze dürften nun weg sein. Um die Euphorie nicht ausufern zu lassen, war es vielleicht gut, dass Hartherz den Ball in jener 86. Minute nicht besser traf.
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