BREMEN - Er kam in der Winterpause 1986/87, und sein Einstand war alles andere als begeisternd. „Länge allein reicht nicht“, lästerten die Trainingsplatz-Besucher, als sie den 1,92-m-Riesen Rune Bratseth – am Ball noch etwas unfertig – erstmals sahen. Und sein Bundesliga-Einstand im Abwehrzentrum von Werder Bremen ging auch gründlich schief: 1:5 hieß es beim Abpfiff in Nürnberg.

Doch acht Jahre später, als Rune Bratseth nach 230 Spielen und zwölf Toren für Werder auf eigenen Wunsch in seine norwegische Heimat zu Rosenborg Trondheim zurückkehrte, stand schon lange fest: Werder verlor einen der größten Glücksgriffe in seiner Transfer-Geschichte.

Auch für Rune Bratseth waren die Bremer Jahre prägend. „Die schönste Zeit meiner Fußballer-Laufbahn“, sagte er kürzlich, als er mit einer Trondheimer Jugendmannschaft zu einem Trainingslager an der Weser weilte. In Bremen hat er Freunde fürs Leben wie Marco Bode, Andreas Herzog oder Wynton Rufer gefunden, in Bremen wurden auch seine drei Kinder Avin, Christine und Fredrick geboren, die letztlich den Grund für seine Rückkehr lieferten: „Sie sollten ihre Schulausbildung in Norwegen erhalten.“

Musterbeispiel an Fairness

„Rune ist unsere Lebensversicherung“, sagte Trainer Otto Rehhagel einmal, und das hieß: Es waren die Jahre, in denen Werder seine großen Erfolge vor allem der Stabilität der Abwehr und deren Chef Rune Bratseth verdankte. Ein Blick auf die Abschlusstabellen jener Jahre zeigt: Werder kassierte fast immer die wenigsten Gegentore, viermal war kein anderer Club in diesem Punkt besser. Das Erstaunlichste daran: Bratseth überstand seine Bremer Jahre mit nur einem Platzverweis, Verwarnungen waren sehr selten. Denn Bratseth war ein Musterbeispiel an Fairness, gestützt auf zwei ganz besondere Eigenschaften: Der Verteidiger, der auch heute mit 48 Jahren noch sein „Kampfgewicht“ von 86 Kilo hält, sprang bei Kopfball-Duellen höher als alle anderen. Außerdem war er extrem schnell. Die Szenen, in denen er scheinbar enteilten Gegnern nachsetzte und den Ball dank seiner

Schnelligkeit eroberte, dürften vielen Stammgästen unvergesslich sein.

60 Länderspiele

Als Mirko Votava abtrat, wurde der Norweger auch Kapitän Werders, ebenso wie übrigens der norwegischen Nationalmannschaft, für die er 60 Länderspiele bestritt. Als er die Zeit für gekommen hielt, auch bei Rekordmeister Rosenborg Trondheim die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen, war es fast selbstverständlich: Bratseth wurde Manager des Vereins, mit dem er jahrelang einen Stammplatz in der Champions League hatte. Das machte er Jahre lang, dann hielt er die Zeit für einen Rücktritt für angebracht: „Ich merkte, dass mein Interesse weniger wurde, ich wollte mal wieder etwas anderes machen.“

Seither ist der Mann, der immer noch perfekt Deutsch spricht, Kommentator beim norwegischen Fernsehsender Viasat 4, Spezialität Europacupspiele.

Bei seinem jüngsten Bremen-Besuch stand er im Werder-Museum schmunzelnd vor der Trophäen-Vitrine und verkündete: „Das hab ich alles gewonnen.“ In der Tat: Zwei Meisterschaften, zwei Pokalsiege und ein Europacup-Triumph – es gibt keine erfolgreichere als die Bratseth-Epoche. Naheliegend, dass auch eine sehr persönliche Trophäe des Norwegers im „Wuseum“ ihren Platz gefunden hat: Das Elchgeweih, das Bratseth eines Tages in der Spielerkabine über seinem Platz anbrachte.

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