Hamburg - Sein Foto hängt immer noch in der HSV-Arena, und gäbe es Uwe Seeler nicht, Kevin Keegan wäre bis heute der populärste Fußballer, der je das Trikot des Hamburger SV getragen hat. Nur drei Jahre flitzte die englische „Mighty Mouse“ über den Rasen des alten Volksparkstadions, prägte aber dabei eine der erfolgreichsten Perioden der Vereinsgeschichte. Am Sonntag wird der einstige Weltklassestürmer 65 Jahre alt.

Oftmals verklärt ja die Erinnerung, aber Günter Netzer, seinerzeit Manager des Hamburger Traditionsklubs, schwärmt immer noch in Superlativen von dem Sohn eines britischen Kumpels: „Speziell seine Einstellung war vorbildlich und nicht zu überbieten.“ Für 2,2 Millionen Mark hatte Netzers Vorgänger Dr. Peter Krohn den begnadeten Dribbler vom Europapokalsieger FC Liverpool losgeeist. Nach heutigen Maßstäben eine lächerliche Summe, seinerzeit der teuerste Transfer der Bundesliga-Geschichte.

Und der charmante Keegan, der mit Hilfe seiner deutschsprachigen Frau Jean erstaunlich schnell die Sprache seines neuen Gastlandes lernte, verzückte die HSV-Anhänger. Rasante Dribblings, feine Pässe und wuchtige Kopfstöße - nach einem Jahr der Eingewöhnung entpuppte sich das nur 1,69 m große Ausnahmetalent nicht nur als kompletter Fußballer. Tausende von neuen, mehrheitlich weiblichen Fans, die bis dahin mit Fußball wenig anfangen konnten, strömten nur wegen des knuddeligen Wuschelkopfs in die ungemütliche Betonschüssel am Volkspark.

In einer Zeit, als Fußball-Profis eigentlich nur Fußball spielten, war Keegan schon ein Pop-Star - und das war durchaus wörtlich zu nehmen. Zusammen mit Smokie nahm er den Titel „Head over heels in love“ auf, ein Ohrwurm weit über die Hansestadt hinaus. 15 Wochen lang hielt sich der Song in den deutschen Charts, Höchstnotierung Rang zehn.

„Das war eine Zeit, in der alles gelang. Wir wurden deutscher Meister, ich wurde Europas Fußballer des Jahres, und die Single war ein Hit in Deutschland“, erzählte Keegan später. Geboren in Anthorp in der Nähe von Doncaster/Yorkshire gelang ihm beim FC Liverpool der sportliche Durchbruch, ehe er den damals ungewöhnlichen Weg von der Insel auf den Kontinent einschlug.

Keegans Nationalmannschafts-Laufbahn konnte mit seiner nahezu märchenhaften Vereinskarriere nicht Schritt halten. Zwar kam er zwischen 1972 und 1982 auf 63 Einsätze, doch bei Welt- und Europameisterschaften spielte er bei den „Three Lions“ nur eine Nebenrolle.

Und auch als Trainer blieben die ganz großen Erfolge aus. Bei Newcastle United, dem FC Fulham und Manchester City, aber auch als Nationalmannschafts-Manager. Fast schon tragisch, dass ausgerechnet das Team des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) dafür sorgte, dass er auch bei der Auswahl Englands vorzeitig seinen Platz räumen musste: nach einer 0:1-Niederlage gegen die DFB-Elf im Jahr 2000 im alten Wembley-Stadion.

In einem Herrenhaus nahe Manchester genießt Keegan mittlerweile als passionierter Golfspieler seinen Ruhestand, unterbrochen nur von gelegentlichen TV-Auftritten. Anders als früher völlig ausreichend für ihn: „Ich habe lange genug auf der großen Bühne gestanden.“