München - Zu seiner Zeit gab es kein Fachchinesisch wie die „diametral abkippende Sechs“. Für Siege hingen „die Trauben hoch“, Spieler mussten „auf dem Platz Gras fressen“. Intellektuell war die Fußballsprache noch nicht einmal bei den Intellektuellen. So schrieb der Schriftsteller Wolf Wondratschek über ihn, er sei „geboren für das Einfache“ und „eckig wie eine leer gegessene Pralinenschachtel“. Gemeint war Hans-Georg Schwarzenbeck, der an diesem Mittwoch 65 Jahre alt wird.

Hat ihn diese Beschreibung gewurmt? Schwarzenbeck sitzt in einem Münchner Café und sagt mit einem stillen Lächeln: „Iwo, damit kann ich leben. Ich denke mir, anscheinend bist du so prominent, dass ein Dichter über dich ein Gedicht macht.“ Auch stimme es ja: „Ich war ein eckiger Spielertyp.“

Vielleicht ist er auch deshalb für alle Welt nur der „der Katsche“. Ein Spitzname, der sich kantig anhört, der ein passendes Synonym ist für eine immer noch imposante Erscheinung. Ein Ur-Bayer, Sohn eines Ringers, gelernter Buchdrucker. Bis vor ein paar Jahren führte er einen kleinen Zeitungskiosk, kickte gelegentlich noch in einer Promi-Elf. Bis zu einer Hüft-OP. Jetzt radelt er nur noch.

Seine große Taten im Fußball werden im Laufe der Jahrzehnte immer mehr zu verschwommenen Lichtern im Nebel der Vergangenheit – vergessen aber sind sie nicht. Der Abwehrspezialist trug 44-mal das Nationaltrikot, er wurde 1974 Weltmeister und 1972 Europameister, mit seinem FC Bayern gewann er in Deutschland und in Europa alle Meisterschaften und Pokale, die es für ihn zu gewinnen gab. Immer in einer Elf mit Franz Beckenbauer, dem Libero. Ihm hielt er als „Putzer des Kaisers“ zehn Jahre so souverän den Rücken frei, dass dieser noch heute von seinem Mitstreiter schwärmt.

Von 1961 bis 1979 spielte Schwarzenbeck in 416 Bundesliga-Partien (21 Tore) für den FC Bayern, zuverlässig und immer ohne jegliche Allüren. „Katsche“ stand bei seinen vielen Erfolgen meist nur im Schatten von Stars wie Beckenbauer, Sepp Maier oder Gerd Müller. Er war einer, der am Gegner kleben konnte, so lästig wie ein Kaugummi, den man nicht wegkriegt von der Schuhsohle.

Ein Image, das er gerne mal korrigiert: „Es wird eigentlich vergessen, dass ich in der Saison 73/74 zehn Tore für die Bayern geschossen habe.“ Darunter dieses historische am 15. Mai 1974 im Europacupfinale der Landesmeister in Brüssel gegen Atletico Madrid: Sekunden vor Schluss trabte „Katsche“ über die Mittellinie, hielt einfach drauf – 1:1 in der 120. Minute! Die Wiederholung des Spiels gewannen die Bayern 4:0. „Jo mei“, sinniert er jetzt, „des war scho a Wahnsinn.“

Eine Frau kommt im Café an den Tisch. „Tschuldigung, Herr Katsche,“ sagt sie leicht verlegen, „könnten Sie mir bitte ein Autogramm geben für meinen Enkel?“ Der „Herr Katsche“ kramt nach einem Filzstift, schreibt lächelnd „Hans-Georg Schwarzenbeck“. Wohl schon zehntausendmal zu Papier gebracht, aber noch immer auffallend schnörkellos und gradlinig.

Typisch für einen wie ihn, denn so wie er seinen Namen schreibt, beschreibt er sich selbst: Ein bodenständiger Mensch, den der Fußball zu einer Persönlichkeit gemacht hat und der doch als Person immer der Gleiche geblieben ist, fern ab von Glanz und Glamour. „Katsche“ Schwarzenbeck ist halt ein Weltmeister der Zufriedenheit.