Oldenburg/Paris - Gemeinsam mit seiner Ehefrau Laurette verfolgte Daniel Nivel das Spiel auf der Tribüne des Stade de France in Paris. Als Ehrengast hatte ihn der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am Mittwochabend zum Freundschafts-Länderspiel Frankreich gegen Deutschland (1:2) eingeladen. Von deutschen Hooligans war der damals 43-jährige Gendarm bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich brutal zusammengeschlagen worden und erlitt dabei schwerste Kopf- und Hirnverletzungen. An den Folgen wird der 58-Jährige Zeit seines Lebens leiden.

„Dennoch strahlt er Zuversicht und Freude aus. Die größte Freude für mich ist, zu registrieren, dass Nivel einen fitten Eindruck macht“, sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der das Ehepaar Nivel am Rande des Länderspiels begrüßte. „Aber man darf nie vergessen, was geblieben ist“, sprach Niersbach vom „schwarzen Tag in der Geschichte des deutschen Fußballs“.

„Es ist unverzichtbar, daran zu erinnern, um zu zeigen, wie schnell Gewalt rund um den Fußball eskalieren kann“, sagte der Hannoveraner Sportwissenschaftler und Fanforscher Gunter Pilz dieser Zeitung. Er ist Mitglied der Daniel-Nivel-Stiftung, die der DFB aufgrund der großen Betroffenheit im Jahr 2000 mitgründete, um der Familie des Gendarmen wenigstens finanziell zu helfen. Der zweifache Vater lebt heute mit seiner Familie in einem behindertengerechten Haus in Nordfrankreich, das mit Spendengeldern für ihn gebaut wurde.

Nivel ist rechtsseitig gelähmt, spricht stockend und kann nicht mehr riechen und schmecken. Die Familie meidet die Öffentlichkeit weitgehend, da die Nivels nicht ständig an den Gewaltexzess erinnert werden möchten, heißt es aus Stiftungskreisen. Die Stiftung selbst existiert weiterhin, auch wenn Nivel inzwischen nicht mehr finanziell unterstützt wird. Zweck ist heute die Bekämpfung von Gewalt und Aggression im Fußball.

„Wir müssen Programme entwickeln und eine Atmosphäre schaffen, damit so etwas nicht noch einmal passiert“, fordert Pilz mit Blick auf die rasche Abfolge von Empörung und Verdrängen: „Es ist alles sehr kurzlebig. Am Anfang ist der Schock über so eine Tat groß, ehe sie dann genauso schnell in Vergessenheit gerät.“ Die wichtigste Aufgabe sei es, Feindbilder zu entkräften und das gegenseitige Verständnis von Polizei und Fans zu stärken. „Polizisten sind auch Menschen und nicht alle Fans Chaoten“, appelliert Pilz an beide Gruppen. „Interessanterweise werfen sie sich dasselbe vor, unter anderem Respektlosigkeit.“

Die Stiftung hat deutsche und französische Fans sowie Polizisten und Gendarmen zum Erfahrungsaustausch an einen Tisch geholt. Schließlich findet in drei Jahren erneut ein großes Turnier im Nachbarland statt – die Europameisterschaft 2016. So wichtig das Erinnern auch sei, eine Verhaltensänderung werde allein dadurch noch nicht bewirkt, meint Pilz. Denn Gewalt gegen Polizisten ist auch 15 Jahre nach der brutalen Tat von Lens noch ein Thema von trauriger Aktualität.