DORTMUND - Zum ersten TV-Interview erschien der Meistercoach klatschnass und mit riesigem Bierhumpen. Auf Etikette legte Jürgen Klopp schon zu Beginn des Partymarathons keinen Wert mehr. Gewohnt authentisch und emotional kommentierte der von zahlreichen Gerstensaft-Duschen verunstaltete Fußball-Lehrer den zweiten Dortmunder Titelgewinn in Serie.
Neben Freude empfand Klopp Dankbarkeit. Die vielen Glückwünsche gab er direkt an seine Profis und die Vereinsführung weiter: Ich danke Zorc, Watze und Rauball, dass sie mir dieses Team zusammengestellt haben. Diese Mannschaft kann jeder trainieren, sie hat einen außergewöhnlichen Charakter.
Mit Rampenlicht hat Klopp gemeinhin wenig Probleme. Kaum einer seiner Kollegen meistert Fernsehauftritte ähnlich souverän wie der Dortmunder. Doch der Hype um seine Person nach dem überraschenden Titelgewinn 2011 war selbst dem Medienliebling zwischendurch zu viel. Selbst Monate später tat er sich mit Fragen nach seinem gewachsenen Stellenwert noch schwer: Für mich persönlich ist es immer noch unangenehm, wenn gesagt wird ,He, da kommt der Meistertrainer. Dann gucke ich immer und denke, wo isser denn?, hatte Klopp im Januar gesagt.
An den Adelstitel Meistercoach wird sich Klopp gewöhnen müssen. Anders als von vielen Fachleuten prognostiziert, blieb der Titelcoup kein One-Hit-Wonder. Mit dem 2:0 über Borussia Mönchengladbach erreichte der BVB am Sonnabend vorzeitig sein Ziel. Zehntausende Fans feierten die ganze Nacht in der Dortmunder Innenstadt. Die organisierte Party mit einem Autokorso folgt am 13. Mai, einen Tag nach dem Pokalfinale gegen den FC Bayern.
Dortmund hat eine sehr gute Saison gespielt, die Mannschaft hat Klasse und Konstanz bewiesen und ist deshalb verdient deutscher Meister geworden, gratulierte Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Bundestrainer Joachim Löw findet es imponierend, dass es die Borussia zum zweiten Mal mit dieser jungen Mannschaft geschafft hat.
Die Gier, mit der die Mannschaft nach drei Punkten lechzt, ist schon cool. Ich kann mein Glück kaum fassen, dass ich als Trainer mit solch einer Mannschaft arbeiten darf, sagte Klopp in der für ihn typischen Diktion.
Zum zweiten Mal nacheinander hält der erst 44-Jährige die Meisterschale in Händen. Dieses Kunststück ist bisher nur acht Bundesliga-Trainern gelungen. Im Wissen um seinen Kultstatus bei den Fans hatte die BVB-Führung den Vertrag mit Klopp zu Beginn des Jahres bis 2016 verlängert.
Klopp überzeugt nicht nur als medienkompatibler Entertainer, sondern auch als geschätzter Fachmann. Vor allem sein Umgang mit Talenten sucht seinesgleichen. Unter der Regie des Diplom-Sportlehrers schafften Mats Hummels, Kevin Großkreutz, Marcel Schmelzer, Mario Götze, Ilkay Gündogan und Sven Bender den Sprung in die Nationalmannschaft. Mit Geduld und Geschick gelang es ihm in dieser Saison, Zugänge wie Gündogan und Moritz Leitner in den Kader zu integrieren.
Unter schwierigen finanziellen Bedingungen beim Amtsantritt 2008 leitete Klopp in Zusammenarbeit mit Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Manager Michael Zorc einen beispiellosen Umbruch ein. Die kollegiale und autoritäre Arbeit des Trainers kommt an: Kein Profi stellt seine auf Opferbereitschaft und Gemeinsinn basierende Spiel-Philosophie infrage. Mit der zweiten Meisterschaft avancierte Klopp zum wohl gefragtesten deutschen Fußball-Lehrer.
