Santo André - Keine Ablenkung mehr! Schon am dritten harten Arbeitstag im heißen Brasilien hat Turniertrainer Joachim Löw vollständig in den Wettkampfmodus geschaltet. „Eine WM ist etwas ganz anderes als ein normales Länderspiel. Da steigt die Dramatik ins Unermessliche“, erklärte der Chef der deutschen Titelmission. Er zählt bereits die verbleibenden Stunden bis zum extrem wichtigen Turnierstart am kommenden Montag gegen Portugal.
Obwohl das 100. WM-Spiel einer DFB-Auswahl erst die Gruppenphase einleitet, betonte der Bundestrainer schon jetzt in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa: „In jedem Turnierspiel weißt du als Trainer, dass in 90 oder 120 Minuten alles zu Ende sein kann.“ Ob Löw selbst wie bisher vertraglich vereinbart seinen Job bis 2016 fortsetzt, ist eines der Rätsel, das die WM in Brasilien lösen wird.
Konsequent zieht Löw im abgeschiedenen deutschen Stammquartier weit weg von allem Weltmeisterschaftsrummel seine Ideen und seine Linie durch. Dabei vermittelt der Bundestrainer weiter den Eindruck, dass er sein viertes Turnier auch als eine persönliche finale Chance angeht. Mit einem Schnitt von 2,20 Zählern in 105 Länderspielen ist Löw der punktbeste Bundestrainer vor den Europameistern Berti Vogts (2,18) und Jupp Derwall (2,15) sowie Helmut Schön (2,10), der als einziger sogar Welt- und Europameister wurde.
In die Ruhmeshalle kommen jedoch nur Champions. „Es gibt kein Patentrezept für einen Titelgewinn“, betonte der selbsternannte Turniercoach zwar. Alle Störungen der Konzentration auf Fußball möchte Löw aber ausschließen. Die Frauen und Familien der Spieler dürfen frühestens nach dem ersten Spiel zu Besuch ins Campo Bahia kommen. Beim öffentlichen Training, das der Weltverband FIFA jedem der 32 WM-Teilnehmer einmal vorschreibt, mussten sich seine Spieler ein abschließendes Tänzchen mit einheimischen Indianern erst mit harter Arbeit verdienen. Auch am Dienstag stand konzentriertes Üben als wichtigster Punkt auf dem Tagesprogramm.
Das Gerüst für die Startelf steht in Löws Überlegungen sechs Tage vor dem Showdown gegen Weltfußballer Cristiano Ronaldo. „Natürlich gibt es Planspiele, natürlich weiß ich in etwa, wer spielen wird“, sagte der 54-Jährige. Doch die letzten Trainingseindrücke seinen noch besonders wichtig: „Die Frage ist: Welche Spieler machen bis zum Spiel gegen Portugal noch Fortschritte, technisch, taktisch, körperlich“, erklärte Löw.
„Die Positionen sind doppelt besetzt. Jeder will, wenn er reinkommt, die Chance nutzen. Das ist natürlich ein Vorteil“, sagte Miroslav Klose. Der 36-Jährige muss bei seiner vierten WM wohl zunächst eine Jokerrolle übernehmen.
Löw hält die Spannung hoch, auch wenn er in den Übungseinheiten schon deutliche Signale gab. So deutet alles auf eine Mittelfeldrolle für Kapitän Philipp Lahm hin. In einer Abwehrreihe mit vier gelernten Innenverteidigern dürfte Lahms Münchner Kollege Jérome Boateng wie schon bei der EM 2012 gegen Portugal die Aufgabe zufallen, als Rechtsverteidiger Ronaldo zu stoppen. In der Offensive bevorzugt Löw offenbar das System mit einem „falschen Stürmer“.
„Wir haben so viele Spieler, die alle spielen wollen, und viele Systeme, die wir spielen können. Wir sind nicht so berechenbar für die Gegner“, beschrieb Klose einen möglichen Vorteil. Allerdings wird Löw noch einige unbequeme Entscheidung treffen müssen. So dürften nach ihren verletzungsbedingten Zwangspausen die Antreiber Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger nicht wie bei den Turnieren 2010 und 2012 zusammen in der Startformation stehen.
Wer von beiden Leistungsträgern im Kampf um die Topform im Vorteil ist, wollte Löw nicht sagen. „Beide sind nicht am Maximum. Wir werden weiter intensiv mit ihnen arbeiten in den nächsten Tagen“, antwortete der Bundestrainer und ergänzte: „Gerade bei einem Spieler wie Sami Khedira, der eine längere Pause hinter sich hat, müssen wir sehen, wie das Turnier insgesamt verläuft, welche Belastungen er verträgt.“
Der Frage nach einer möglichen Reserverolle von Schweinsteiger wich Löw ganz aus und gab stattdessen das WM-Motto vor: „Alle Spieler können auch wichtig sein, wenn sie ins Spiel kommen, jedem Spieler kommt eine Hauptrolle zu.“
In Brasilien dürfe niemand erwarten, „dass er immer über 90 Minuten spielen kann“, betonte Löw: „Wer das glaubt, macht einen Fehler. Bei diesen Bedingungen, diesen Temperaturen um 13.00 Uhr Ortszeit, wird es Wechsel geben müssen im Spiel.“ Manager Bierhoff ist überzeugt davon, dass die Spieler dem Trainer folgen werden: „Alle sind sehr konzentriert und fokussiert, sehr reif. Sie wissen, welch große Chance es ist, die wollen sie nutzen.“
Wenn es richtig schief geht in Brasilien, „dann ist doch klar, dass sich die ganze Kritik auf den Trainer fokussiert“, bemerkte Löw. Schon Berti Vogts hatte gesagt, ein Bundestrainer komme „als Held oder Vaterlandsverräter“ von einem Turnier zurück. „Ich kann das alles realistisch einschätzen. Es ist aber kein Thema in meinen Gedanken“, erklärte Löw zu diesen Extremen. Zu jedem seiner 23 Spieler habe er Vertrauen: „Ich bin sicher, wir werden uns in einer guten Verfassung präsentieren.“
