DüSSELDORF - DÜSSELDORF/DPA - Seelen-Taumel zwischen großem Glück und großer Trauer: Auf die Fans der Fußball-Bundesliga wartet ein Schlussspurt der Marke Hitchcock – so wie 1992. Damals entschied der VfB Stuttgart die Meisterschaft im Fotofinish für sich. Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt schauten in die Röhre. „Uns hatte keiner auf der Rechnung“, erinnert sich Guido Buchwald, der in der 86. Minute den Siegtreffer zum 2:1 für Stuttgart in Leverkusen köpfte.
Und der Ex-Weltmeister sieht Parallelen zum aktuellen Titelkampf zwischen Schalke (65 Punkte), Stuttgart (64) und Werder (63). „Der VfB hat jetzt wieder den psychologischen Vorteil, weil von dieser Mannschaft keiner etwas erwartet, Schalke aber Meister werden muss“, sagte Buchwald.
Frankfurt ging vor 15 Jahren als Favorit in die Endphase einer Mammutsaison mit 20 Clubs. Die Hessen zeigten aber Nerven. Am 37. Spieltag kam das Team von Trainer Dragoslav Stepanovic gegen Bremen nicht über ein 2:2 hinaus. Stuttgart patzte beim 1:1 gegen die SG Wattenscheid, so dass Frankfurt (+ 36 Tore), Stuttgart (+ 29) und Dortmund (+ 18) mit jeweils 50 Pluspunkten (2-Punkte- Wertung) in die Schlussrunde am 16. Mai 1992 gingen.
Frankfurt unterlag jedoch bei Absteiger Rostock 1:2, dem BVB reichte ein 1:0 beim MSV Duisburg nicht, weil Stuttgart mit 2:1 in Leverkusen triumphierte. 150 000 Mark Meisterprämie hatte Stuttgarts Trainer Christoph Daum ausgehandelt und seine Spieler mit einer deftigen Ansprache zur Höchstform motiviert: „Fightet bedingungslos – wir wollen und wir werden siegen.“
Und der „Spielfilm“ der letzten 90 Saisonminuten war an Dramatik schwer zu überbieten. Schon nach neun Minuten verlor Frankfurt in der „Blitztabelle“ seine Spitzenposition. Stephane Chapuisat brachte den BVB gegen die um den Klassenverbleib kämpfenden Duisburger in Führung. Frankfurt mühte sich vergeblich. „Sieben Torchancen waren es in Rostock, Edgar Schmitt hatte die größte. Und die landete am Pfosten“, erinnert sich Stepanovic. Sehr zur Freude der Stuttgarter, bei denen Matthias Sammer in der 79. Minute „Rot“ sah, nachdem er Schiedsrichter Dellwing hämisch Beifall gezollt hatte.
Nach dem Coup stürmten die VfB-Fans auf den Rasen. „Ein unbeschreibliches Gefühl, ich wusste vor lauter Glück nicht, was ich machen sollte“, sagt Buchwald. Wie es heißt, mussten die Schwaben den Titel mit von Leverkusen spendiertem Sekt feiern, weil sie nicht vorgesorgt hatten.
In Duisburg und Rostock dagegen flossen Tränen – beide Teams stiegen ab.
