München/Madrid - Carlo Ancelotti war bestens gelaunt, er scherzte und lachte - und das hatte gute Gründe. Der Trainer von Real Madrid hatte sich im Abschlusstraining für das Halbfinal-Hinspiel der Champions League gegen Bayern München am Mittwoch (20.45 Uhr/ZDF und Sky) davon überzeugen können, dass die teuerste Flügelzange der Welt wieder bereit ist, zuzuschnappen. Cristiano Ronaldo sprintete und grätschte (!), als hätte es seine Oberschenkel- und Knieprobleme nie gegeben, und Gareth Bale wirkte nach überstandener Grippe ebenso fit.
Er sei zuversichtlich, was Weltfußballer Ronaldo anbelangt, meinte Ancelotti, schränkte aber ein, dass der 29 Jahre alte Portugiese erst nach letzten Tests am Spieltag grünes Licht erhalten werde. „Wenn ein Risiko besteht, wird er nicht spielen, dieses Duell wird nicht im Hinspiel entschieden“, sagte Ancelotti.
Doch Ronaldo ist zu wichtig, um auf den ersten Ersatz Isco zurückzugreifen. Beim 2:1-Triumph im spanischen Pokalfinale am vergangenen Mittwoch gegen Erzrivale FC Barcelona habe die Mannschaft zwar bewiesen, dass sie es ohne Ronaldo könne, sagte Mittelfeldarbeiter Xabi Alonso, „aber Cristiano ist für uns von fundamentaler Bedeutung. Er gibt uns Explosivität und die Möglichkeit, Chancen zu kreieren sowie Tore zu erzielen“.
Ronaldo (14 Saisontore in acht Champions-League-Spielen) soll die Münchner im Zusammenspiel mit Bale (5/9) in Angst und Schrecken stürzen. Bale strotze nach seinem Siegtor gegen Barcelona nur so vor Selbstvertrauen, meinte Ancelotti. Aber Angst? „Ich glaube nicht, dass sein Tor den Bayern sehr viel Angst gemacht hat.“ Dennoch: Ronaldo (94 Millionen Euro Ablöse) und Bale (91 Millionen), dieses 185 Millionen Euro teure Duo, soll, ja muss Real Madrid der Décima, dem seit zwölf Jahren vergeblich gejagten zehnten Triumph in der Königsklasse ein Stückchen näher bringen.
185 Millionen Euro - dafür kann man 13,63 Prozent der Anteile am FC Bayern oder gleich einen ganzen mittelständischen Fußball-Klub wie etwa den FC Fulham mit Teammanager Felix Magath kaufen, ein Freizeit- und Geschäftszentrum wie jenes am Nürburgring - aber nicht die Champions League. Der Henkelpott hat einen Materialwert von rund 2500 Euro, 72.000 Stück bekäme man für Ronaldo/Bale. Aber so einfach ist es eben nicht.
„Wir haben die große Hoffnung, dass wir es schaffen“, sagte Ancelotti über die Décima, den ersten Sieg seit dem Final-Erfolg gegen Bayer Leverkusen mit dem Traumtor von Zinédine Zidane am 15. Mai 2002 in Glasgow. Große Trainer wie Fabio Capello, Manuel Pellegrini oder José Mourinho versuchten sich seither vergeblich. „Es ist keine Obsession dieses Vereins, es ist eine Motivation, die Décima zu gewinnen“, sagte Ancelotti am Dienstag.
Dass zuvor die Bayern, der historische Angstgegner der Madrilenen besiegt werden muss, stört ihn angeblich nicht. „Die Bayern sind vielleicht die „Schwarze Bestie“ von Real Madrid, aber nicht meine. Ich habe gegen sie gute Ergebnisse erzielt“, sagte er. Der Italiener (54) hat keines seiner sechs Spiele gegen die Bayern verloren (vier Siege).
„Es wird ein großes Spektakel, aber wir werden auch leiden müssen auf dem Platz, auf der Bank“, prophezeite er. Die Bayern unter Pep Guardiola ähnelten Guardiolas Barcelona, will er beobachtet haben, aber: „Sie haben Probleme, wenn man in den Sechzehner vorstößt.“
Einen Favoriten, entgegnete Alonso allzu ängstlichen spanischen Fragestellern, gebe es am Mittwoch nicht. „Ich glaube nicht, dass Real Madrid ein Opfer sein wird. Wir sind zum vierten Mal in Folge im Halbfinale, wir wollen endlich ins Endspiel.“ Und die Sehnsucht von der „Zehnten“ erfüllen.
