Hamburg - Uwe Seeler kramt in der Brusttasche seines Jackets, sein Smartphone klingelt. Mal wieder. „Schön, nech?“, fragt er, bevor er rangeht, und tippt mit seinem typischen Seeler-Grinsen auf die HSV-Raute auf der Rückseite: „Die hat meine Frau darauf geklebt.“ Seeler feixt wie ein kleiner Junge. Auch in der wohl größten Krise der Vereinsgeschichte trägt er seinen Club wie kein Zweiter im Herzen: „Da ändert sich auch nichts dran.“
Appell an HSV-Profis
Seeler lacht viel dieser Tage, aus jeder Pore dringt pure Lebensfreude. Das große Hamburger Fußball-Idol genießt die Zeit mit seiner Frau Ilka und den sieben Enkelkindern. Alles könnte perfekt sein, wäre da nicht der schleichende Niedergang seines sportlichen Erbes, der kurz vor Seelers 80. Geburtstag am Samstag mal wieder auf die Stimmung drückt.
„Zurzeit sieht es ziemlich bedrohlich aus“, sagt Seeler und appelliert angesichts des furchtbaren Saisonstarts (zwei Punkte aus neun Spielen) an die Ehre der HSV-Spieler: „So wie in den letzten Spielen kann man sich eigentlich nicht präsentieren. Man darf ja nicht vergessen, dass es gut bezahlte Vollprofis sind. Da darf man zumindest erwarten, dass die Spieler anderthalb Stunden kämpfen, laufen und marschieren.“
Seeler legt den Finger in die Wunde. Und Seeler darf das. Auf dem Feld war er in seinen 476 Partien für den HSV und 72 Länderspielen für Deutschland stets vorbildlicher Kämpfer und Vollstrecker, abseits gilt er seit jeher als Musterbeispiel für Bodenständigkeit und Bescheidenheit. Zwischen 1953 und 1972 verbreitete sein Name bei den gegnerischen Abwehrspielern Angst und Schrecken.
Seit 57 Jahren ist „Uns Uwe“ ohne Skandale mit seiner Ilka verheiratet, er fuhr nie die größten Autos und schätzt Steckrübeneintopf, Kartoffelsuppe und Grünkohl. „Er ist eigentlich viel zu gut für diese Welt“, sagte Jochen Meinke, Kapitän der Hamburger Meistermannschaft von 1960. Seit 1958 wohnt Seeler im selben Bungalow in Ochsenzoll.
Legendäre Tore
Seeler erhielt als erster Sportler überhaupt das große Bundesverdienstkreuz, er ist Hamburger Ehrenbürger, Ehrenspielführer der Nationalmannschaft, war dreimal Fußballer des Jahres und erster Bundesliga-Torschützenkönig. Vor dem Hamburger Stadion steht sein rechter Fuß, in Bronze gegossen und vier Tonnen schwer.
Trotz seiner unzähligen Tore für den HSV und die Nationalmannschaft bleiben besonders zwei Spiele für immer mit Uwe Seeler verbunden. Nur sechs Monate nach einem Achillessehnenriss im Februar 1965 schoss der „Dicke“ Deutschland gegen Schweden (2:1) zur WM nach England. Und bei der WM in Mexiko 1970 erzielte er seinen legendärsten Treffer – gegen England mit dem Hinterkopf. Weltmeister wurde er nicht, 1966 stand er im sagenumwobenen Finale von Wembley gegen England auf dem Platz.
Nur einmal traf Seeler eine unglückliche Entscheidung, als er sich 1995 zum HSV-Präsidenten wählen ließ. Finanzskandale und sportliche Misserfolge kratzten an seinem bis dahin makellosen Image. Enttäuscht von alten Weggefährten trat er 1998 zurück.
Als Fehler bezeichnet er seine Entscheidung rückblickend nicht, auch nicht seine legendäre Absage an Helenio Herrera. 500 000 Mark Jahresgehalt netto, eine Villa und ein Auto offerierte ihm der Coach von Inter Mailand im Frühjahr 1961 – doch Seeler sagte ab und blieb seinem HSV treu: „Heute bin ich froh, dass ich es so gemacht habe.“
Was er sich zu seinem Ehrentag wünscht? „Ich will nur gesund bleiben, damit ich noch ein paar schöne Jahre hab“, sagt Seeler: „Zum 80. Geburtstag kann man sich nichts Besseres wünschen.“
