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Es gibt die EM in der Schweiz – man muss sie nur suchen

Christian Brand

(36) spielte für den VfB Oldenburg, Werder Bremen und Hansa Rostock. Er lebt in der Schweiz und macht den Trainerschein. Exklusiv für diese Zeitung berichtet er von der EM.

Und es gibt sie doch – die EM in der Schweiz. Man muss nur ein wenig suchen. Zugegeben: In meinem Heimatort Luzern suchte ich bisher vergebens. Es ist hier schwierig, ins EM-Fieber zu geraten.

Die Public-Viewing-Zone, die diese Bezeichnung nicht wirklich verdient, ist menschenleer und Stimmung kommt nur dann auf, wenn Kroatien oder Portugal gewonnen haben.

Luzern ist eine schöne Stadt. Im Sommer säumen Touristen die Seepromenade. Sie kommen wegen der fantastischen Aussicht auf die Alpen und den Vierwaldstättersee.

Nur mit großem Fußball hat das hier alles gar nichts zu tun. Vor zwei Jahren waren immerhin die Brasilianer in der Innerschweiz zu Gast. Das Vorbereitungscamp zur WM brachte bekanntlich nicht den gewünschten Effekt und hatte wohl abschreckende Wirkung auf andere Mannschaften. Nicht ein Team ließ sich hier blicken.

Die Stadtoberen in Luzern haben auf das chronische Fußballdesinteresse reagiert. Sie bereiten sich akribisch auf das anstehende Jodlerfest vor. Dazu ist das schweizerische Militär aufgeboten, um Bühnen und Stahlrohrtribünen aus dem Boden zu stampfen. Es erinnert ein wenig an die Militärparaden in der ehemaligen DDR.

Mein Freund Christoph, ich erwähnte ihn bereits, lacht auch wieder mit. Er ist nach dem Ausscheiden der Schweiz für drei Tage untergetaucht und war für niemanden zu sprechen. Er hatte sich für die EM extra eine Woche Ferien genommen.

Als wir uns trafen, ließ er zuerst seinen Frust über das klägliche Scheitern seiner Landsleute ab. Peinlich, einfach nur peinlich sei das, als erste Nation und dazu als Gastgeber rauszufliegen. Ich sagte lieber nichts, stimmte aber durch Kopfnicken zu.

Anschließend hat er mir erzählt, wo wirklich die Party abgeht. In Bern brenne der Baum, wenn die Holländer spielen. Beim letzten Spiel waren 150 000 Menschen in der Innenstadt, 60 000 aus den Niederlanden – und Christoph, mittendrin. Die ganze Stadt sei orange gewesen.

Die Leute hätten unaufhörlich gesungen und getanzt, wildfremde Menschen hätten sich umarmt. Er habe auch bei einer Dame in den Armen gelegen, wusste aber ihren Namen nicht mehr.

Ich kann mir das alles gar nicht so richtig vorstellen, denn ich sehe in meiner Fantasie in Luzern immer nur Parteisekretäre auf Stahlrohrtribünen, die auf die Militärparade warten. Und asiatische Touristen, die zum Jodlerfest gehen.

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