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NWZonline.de Sport Fußball

DFB-Präsident scheitert an sich selbst

03.04.2019

Frankfurt Nach fünf Minuten hatte Reinhard Grindel sein Mea-culpa-Statement hinter sich gebracht. Fünf Minuten, in denen der gescheiterte DFB-Präsident sich auch selbst die Frage stellte: „Wie ist das passiert?“ Eine geschenkte Luxus-Uhr von einem umstrittenen Funktionärs-Kollegen aus der Ukraine hat den viel kritisierten Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) letztlich endgültig stolpern lassen. Nur 1082 Tagen nach seiner Wahl zum DFB-Präsidenten ist die Amtszeit des selbst ernannten Erbauers eines „neuen DFB“ schon wieder vorbei – kürzer war in 119 Jahren DFB nur Friedrich Wilhelm Nohe von 1904 bis 1905 an der Verbandsspitze.

Schon der erste große Wunsch von Grindel als DFB-Präsident war nach wenigen Monaten passé. Aus dem EM-Titel 2016, den er sofort nach seiner Wahl als Ziel ausrief, wurde bekanntlich nichts. Vorzuwerfen war ihm zumindest das nicht. Aber Grindel ist im höchsten deutschen Fußball-Amt vor allem an sich selbst gescheitert. Der Prediger eines moralisch unantastbaren Fußball-Funktionärswesens musste sich letztlich an seinen Maßstäben messen lassen. Ob er mit diesem Malus seine Posten bei Uefa und Fifa noch bis zum Ablauf der Amtszeiten in zwei und vier Jahren behalten wird, darf ernsthaft bezweifelt werden.

Seilschaften fehlten

Die Uhr aus der Ukraine war aber nur Auslöser und nicht Kern des Problems. Ausgerechnet der einstige Berufspolitiker mit Bundestagsmandat stürzte schnell im Fußball-Geschäft, weil ihm in entscheidenden Situationen der richtige Instinkt und vor allem die nötigen Seilschaften fehlten. Mit seinem Führungsstil machte sich Grindel angreifbar – auch deshalb sickerten seine gravierenden Fehler nun nach und nach an die Öffentlichkeit durch.

Glaubwürdigkeit zurückgewinnen und Zusammenhalt sichern, predigte Grindel als oberstes Ziel für den DFB und fiel letztlich über das Geschenk von Grigori Surkis, seinen für Ethikzweifel bekannten Uefa-Kollegen aus der Ukraine. Die wenige Tage zuvor publik gewordenen Bonuszahlungen von 78 000 Euro als Aufsichtsrat einer DFB-Tochterfirma erwähnte Grindel in seinem Rücktritts-Statement gar nicht mehr. „Ich entschuldige mich dafür, dass ich durch mein wenig vorbildliches Handeln im Zusammenhang mit der Uhr Vorurteile bestätigt habe. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich nicht geldgierig bin“, sagte Grindel.

Geldgier wäre auch lange nicht der Vorwurf gegen den gebürtigen Hamburger gewesen. Eher enorme Ungeschicklichkeit in Führungsfragen wie die unnötige Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw vor der WM 2018 und fehlendes Rückgrat, als es darum ging Mesut Özil in der Erdogan-Affäre vor rechten Parolen zu schützen, kreidete man ihm an. Schnell waren Aussagen des Politikers ausgekramt, die ihn als Integrationsgegner outeten – konträr zur ausländerfreundlichen DFB-Politik.

Sportliches Desaster

Immer wieder mussten Grindel selbst oder seine Medienleute Statements einfangen, von missverständlichen Kommentaren zum Videobeweis bis zur Löw-Ausmusterung der WM-Helden Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng. Der einstige TV-Moderator Grindel war sich der Durchschlagskraft seiner Worte offenbar nicht bewusst.

Als Grindel an die Macht kam, war der DFB durch den Skandal um das Sommermärchen 2006 im Kern erschüttert. Der CDU-Mann nutzte das Machtvakuum nach dem Rücktritt von Wolfgang Niersbach ganz geschickt. Bei den Amateurverbänden durch seine Kontakte in Niedersachsen geschätzt und bei der Profiabteilung akzeptiert, erfüllte der heute 57-Jährige die Ansprüche – und er war im Gegensatz zu anderen zaudernden Kandidaten bereit, die Scherben zusammenzufegen. Diese Karriere hatte dem oft recht spröde wirkenden Grindel niemand zugetraut, als er 2013 zum Schatzmeister des Verbands aufstieg.

Doch was Grindel auch anfasste, als strahlender Sieger konnte er sich nie präsentieren und hatte zudem noch das Pech, dass der sportliche Niedergang der Nationalmannschaft nach dem rauschenden WM-Sieg 2014 genau in seine Amtszeit fiel – kulminierend im Desaster in Russland im Sommer 2018. „Natürlich wäre meine Arbeit leichter, wenn sich sportlicher Erfolg einstellt“, konstatierte Grindel noch vor wenigen Wochen.

Der Freshfields-Bericht zur Aufklärung der Machenschaften um die WM-Vergabe 2006 lieferte als erste große Aufgabe seiner Amtszeit keine befriedigenden Antworten. Grindel erklärte das Thema dennoch einfach für beendet. Vollen Fokus richtete Grindel auf die EM-Bewerbung 2024. Der Zuschlag im September 2018 gab ihm Auftrieb. „Ich freue mich, dass ich einen Beitrag leisten konnte, die Euro 2024 nach Deutschland zu holen. Das ist eine hervorragende Perspektive für den Fußball an der Spitze und an der Basis“, sagte Grindel.

Heim-EM trotz Grindel

In kleineren Gesprächskreisen bezeichnet sich Grindel auch gerne als der Garant für die Heim-EM. Bei der Uefa heißt es hingegen hinter vorgehaltener Hand schon lange: Deutschland bekam die EM nicht wegen Grindel, sondern trotz Grindel. Beim Kontinentalverband soll er als zuständiger Mann für gute Unternehmensführung mit seiner verbissenen Haltung gegen jedes Fehlverhalten viele Funktionäre genervt haben.

Umso erstaunlicher, dass Grindel selbst nun gerade über solch ein Fehlverhalten stürzte.

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