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NWZonline.de Sport Fußball

Pro & Contra Zum Videobeweis Beim Confed Cup: Mehr Gerechtigkeit oder Verwirrung pur?

27.06.2017

Sotschi Die Traditionalisten befürchteten schon das Ende aller Stammtisch-Diskussionen, doch trotz des Videobeweises wird beim Confed Cup in Russland weiter heftig debattiert. Ein nicht gegebener Elfmeter, eine Verwechslung beim Platzverweis und immer wieder fragende Blicke Richtung Schiedsrichter nach umstrittenen Szenen – beim technischen Fortschritt besteht noch Nachholbedarf.

„An den Videobeweis müssen wir uns erst mal gewöhnen. Vielleicht braucht es noch ein bisschen Zeit und man kann das optimieren“, sagte Bundestrainer Joachim Löw nach dem Halbfinaleinzug bei der Mini-WM durch das 3:1 (0:0) gegen Kamerun.

Für den Aufreger des Spiels sorgte Schiedsrichter Wilmar Roldán. Der Kolumbianer zeigte in der 65. Minute zunächst Kameruns Sébastien Siani nach einem vermeintlichen Foul an Emre Can Gelb. Dann mischte sich der „Video Assistant Referee“ (VAR), der Zugriff auf alle TV-Kameras hat, per Funk ein – und Roldán zeigte Rot. Das Problem: Dem falschen Spieler.

Roldán korrigierte nach Rücksprache seine Entscheidung erneut und schickte Ernest Mabouka für das Foul an Can vom Platz. „Das war ein bisschen komisch. Es war kurios“, erklärte Joshua Kimmich verwundert. Kameruns Trainer Hugo Broos fügte verärgert an: „Alle waren verwirrt, auch ich. Wir wussten nicht, was da passiert.“

Grundsätzlich stößt das neue technische Hilfsmittel bei Verantwortlichen und Spielern auf Zustimmung, doch die Test- und Eingewöhnungsphase ist für alle noch nicht abgeschlossen. „In einigen Fällen hat er sich bewährt – Tor oder nicht Tor, Abseits oder kein Abseits. Wenn schnelle Entscheidungen getroffen werden können, finde ich das schon gut“, sagte Löw.

Der VAR kann bei vier Situationen eingreifen: Tor, Elfmeter, Platzverweis und Spielerverwechslung. „Es ist unmöglich, immer die perfekte Entscheidung zu treffen – weil es bei vielen Szenen um Interpretationen geht. Aber es geht darum, klare Fehler zu vermeiden. Das ist gut für den Fußball. Und da sind wir auf einem guten Weg“, sagte der Niederländer Marco van Bas-ten, Technischer Direktor des Weltverbandes Fifa.

DFB-Teammanager Oliver Bierhoff warnte aber davor, den Videobeweis zu oft einzusetzen. „Wenn sie es konsequent durchführen, wird es doch zu häufig, aber bei wichtigen Entscheidungen ist es schon beruhigender.“

Der Videobeweis wird ab der kommenden Saison auch in der Bundesliga genutzt. Projektleiter Hellmut Krug erwartet weniger Diskussionen als beim Confed Cup. „Wir üben seit einem Jahr sehr, sehr fleißig“, sagte der ehemalige Weltklasse-Schiedsrichter am Montag. Dagegen seien die Teams in Russland „in neun, zehn oder vielleicht elf Tagen ausgebildet“ worden: „Dass da nicht alles funktionieren kann, ist klar.“

Lars Stindl steht der Sache positiv gegenüber. „Ich halte das für sinnvoll. Es darf aber nicht den Fluss eines Spiels stören“, sagte der Gladbacher. Bierhoff betonte, „wenn es einmal gelebt wird, werden die Spieler verstehen, dass Diskutieren sinnlos ist“. Davon ist man beim Confed Cup noch ein gutes Stück entfernt.

Pro: Spiel wird gerechter! (NWZ-Redakteur Lars Blanke): Allein die häufige Anwendung des Videobeweises in Russland demonstriert seine Bedeutung. Der Confed Cup hat bewiesen: Der Blick auf den Monitor ist wichtig, er macht das Spiel gerechter – auch wenn die Abläufe verbessert werden müssen.

Das Turnier widerlegt zudem die Befürchtung, dass der Videobeweis das Ende aller Diskussionen ist. Die Fans streiten auch jetzt über Foul oder Handspiel. Und glauben Sie mir: Sobald Ihr Lieblingsteam ein strittiges Gegentor kassiert, werden Sie gern 40 Sekunden warten, um dann zu jubeln, wenn der Gegner knapp im Abseits stand.

Contra: Grandiose Schnapsidee! (NWZ-Redakteur Christopher Deeken) Spieler, die nicht wissen, ob sie nach einem Tor jubeln dürfen. Ein Schiedsrichter, der dem falschen Spieler die Rote Karte zeigt. Zuschauer, die nicht durchblicken, was da unten auf dem Rasen eigentlich vor sich geht.

Die ständige Verwirrung beim Confed Cup zeigt eindrucksvoll, wie sehr der Videobeweis den Charakter des schönen, weil einfachen Fußballspiels zerstört. Die Einführung der Technik war eine grandiose Schnapsidee – die Konsequenz kann nur lauten: Rote Karte für den Videobeweis!

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