NWZ
beantwortet nach dem EM-Aus die zehn wichtigsten Fragen.Nein! Die überraschende Aufstellung von Toni Kroos war kein Ausdruck von Arroganz oder Eitelkeit, sondern von Überzeugung. Der 52-Jährige glaubte, die italienischen Strategen so austricksen zu können. Er vertraute auf den Willen von Kroos, dieses Turnier mit einer überzeugenden Leistung an sich zu ziehen. In beiden Fällen ließ ihn sein Gefühl im Stich. Löw hatte zuvor alles richtig gemacht und dafür auch reichlich Lob kassiert.
Ja! Wochenlang hatte Löw gepredigt, die Spielausrichtung werde nicht von der gegnerischen Stärke bestimmt, sondern nur von der eigenen. Ausgerechnet im Halbfinale wich er von dieser Linie ab und löste so die jahrelang einstudierten Automatismen auf. Als seine Mannschaft nach gutem Beginn plötzlich zurücklag, wusste sie nicht mehr, was sie tun sollte.
Der „Sechser“ selbst war es, der in einem Interview eine Pause anregte. Löw ignorierte den ungewöhnlichen und kaum versteckten Hilferuf von Schweinsteiger – und muss sich nun vorwerfen lassen, seinen Anführer nicht ausreichend geschützt zu haben.
Michael Ballack äußerte diesen Vorwurf nach dem Aus gegen Italien – und zielte damit ins Leere. Nicht die Häufigkeit der Wechsel war im Halbfinale das Problem, sondern die individuelle und taktische Ausfüllung: Kroos, Gomez und Podolski lieferten nicht das, was der Bundestrainer von ihnen erwartete – und erwarten durfte.
Diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten. Fest steht: In einem Jahr, in dem die Münchner dreimal „Vize“ wurden, fiel es dem achtköpfigen Bayern-Block schwer, voranzugehen. Im Halbfinale wurde dieses Manko besonders deutlich. Den Münchnern fehlten die Kraft und der Glaube, zurückzukommen.
Schon vor dem Turnier hatte Löw angekündigt, den Kader nach der EM weiter zu optimieren – unabhängig vom Abschneiden. Junge Spieler wie Mario Götze, Lars Bender, Marco Reus oder Ilkay Gündogan, die in Polen und der Ukraine nur in Nebenrollen auftraten, erhalten künftig mehr Verantwortung. Talente wie Julian Draxler oder Tony Jantschke rücken nach und machen Druck auf die Etablierten.
Ja – auch wenn dieses Urteil angesichts von drei Turniertreffern des Münchners überhart klingt. Ins lauf- und passintensive Spiel des Bundestrainers passt der kantige Mittelstürmer alter Schule jedoch einfach nicht. Niemand sollte ihm deshalb aber seine Strafraum- und Vollstrecker-Qualitäten absprechen. Doch diese Stärken genießen in der Nationalelf nicht die oberste Priorität. Dazu ist das Spiel viel zu flexibel angelegt.
Ja! In der Bundesliga zeigt Borussia Dortmund, wie man gegen jeden Gegner seinen Stil durchdrücken kann. International sind Spanien und der FC Barcelona, die konsequentesten Vertreter einer einheitlichen Spielweise, weiterhin das Maß aller Dinge. Denn ein klarer Stil hilft Mannschaften, auch an schwachen Tagen ins Spiel zu finden. Die Spielweise gibt Halt. Und genau der fehlte Deutschland im Halbfinale durch die neue, ausschließlich am Gegner orientierte Taktik.
Aktuell ja, denn es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es der DFB-Elf gegen Italien an Typen mangelte, die nach dem Rückstand den Rücken durchdrückten und sich mit aller Macht gegen die Niederlage stemmten. Bastian Schweinsteiger kämpfte zu sehr mit sich selbst. Kapitän Philipp Lahm ist schon allein aufgrund seiner Position nicht in der Lage, sein Team am Schopf zu packen. Doch in Sami Khedira deutete ein neuer Kandidat bei dieser EM an, die Lücke füllen zu können.
Nein! Der Bundestrainer hat gegen Italien vieles falsch gemacht und sich damit selbst einen der bittersten Tage seiner Trainer-Karriere beschert. Doch eine Diskussion über den Job des Bundestrainers loszutreten, wäre nicht nur fahrlässig, sondern auch hochgradig daneben. Löw ist nach wie vor der richtige Mann für den Job. Nach dem vierten gescheiterten Titel-Anlauf in Serie wird Fußball-Deutschland bei der WM 2014 mehr denn je auch auf seine Person schauen.
