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Historie Fußballer eilen großer Politik voraus

Oldenburg - Im Januar 2009 spielten die EWE Baskets im Europapokal gegen die israelische Mannschaft von Hapoel Jerusalem. Dass die Oldenburger Basketballer mit 79:70 gewannen, war nicht weiter aufregend. Ungewöhnlich waren an diesem Abend die strengen Sicherheitsvorkehrungen in der kleinen Arena. Jeder Besucher wurde von mehreren Ordnern abgetastet, jede Tasche, jeder Rucksack wurde durchsucht.

Trauma von 1972

Dass sich deutsche und israelische Sportmannschaften auf dem Feld miteinander messen, ist inzwischen nahezu Normalität. Die Rahmenbedingungen sind allerdings – siehe Oldenburg – noch immer besondere. Nicht zuletzt wegen des Anschlags auf das israelische Team bei den Olympischen Spielen 1972 in München durch palästinensische Terroristen ist der Besuch einer Mannschaft aus Israel hierzulande für die Sicherheitskräfte eine große Herausforderung.

Als die Bundesrepublik Deutschland und Israel vor 50 Jahren, am 12. Mai 1965, diplomatische Beziehungen aufnahmen, hatte der Sport bereits Vorarbeit geleistet. „Der deutsche Sportfunktionär Willi Daume hat sich sehr für Israel interessiert und war bereits 1957 dorthin eingeladen worden“, erzählt Ronny Blaschke. Der in Berlin lebende freie Journalist und Autor beschäftigt sich seit Jahren mit den deutsch-israelischen Sportbeziehungen. Dass Daume (1913 - 1996) während der Nazi-Herrschaft Mitglied der NSDAP gewesen war, habe diesen Besuch offenbar nicht belastet, berichtet Blaschke: „Vielmehr gingen beide Seiten wohl sehr pragmatisch vor und wollten einfach die Beziehungen verbessern.“

Ebenfalls 1957 reiste eine Gruppe israelischer Fußballtrainer nach Köln, um sich im Lande des damaligen Weltmeisters weiterzubilden. Zu den Dozenten an der Deutschen Sporthochschule gehörte in jener Zeit Hennes Weisweiler (1919 - 1983), der später vor allem mit Borussia Mönchengladbach große Erfolge feierte. „Weisweiler hat sich sehr für den Austausch mit Israel eingesetzt“, sagt Blaschke: „Die Gladbacher sind 1970 als erste deutsche Profimannschaft dorthin gereist und haben in Tel Aviv ein Freundschaftsspiel gegen die israelische Nationalmannschaft mit 6:0 gewonnen.“

Deutsche Worte im Radio

Bei der Ankunft am Flughafen war Weisweiler von Hörfunk-Journalisten interviewt worden. Dass seine deutsche Stimme dabei live im israelischen Radio zu hören war, sei außergewöhnlich gewesen, erzählt Blaschke. Nach dem von Nazi-Deutschland ausgehenden Massenmord an den Juden sei die deutsche Sprache noch Jahrzehnte nach Ende des Holocausts in den israelischen Medien ein Tabu gewesen.

Zwei Jahre später war es auch Weisweiler, der den ersten israelischen Profi nach Deutschland holte. 1972 wechselte Shmuel Rosenthal von Hapoel Petah Tikwa nach Mönchengladbach. Dort konnte sich der Abwehrspieler, der 1970 in Mexiko bei der ersten und bis heute einzigen WM-Teilnahme Israels dabeigewesen war, aber nicht durchsetzen. Nach nur einer Saison, in der er 13-mal in der Bundesliga zum Einsatz kam, kehrte der heute 68-Jährige nach Israel zurück.

Es dauerte bis 1987, bis die beiden A-Nationalmannschaften erstmals gegeneinander spielten. In Tel Aviv gewann die deutsche Auswahl mit 2:0. Frei von Spannungen war dieser Besuch aber nicht, berichtet Blaschke. So habe Arieh Kraemer, Vizepräsident des israelischen Verbandes, beim Abspielen der deutschen Hymne aus Protest das Stadion verlassen. Angeführt wurde die deutsche Delegation – zum Programm gehörte auch ein Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem – von DFB-Präsident Hermann Neuberger (1919 - 1992). Der wiederum hatte nur neun Jahre zuvor, bei der WM 1978 in Argentinien, noch den in Südamerika lebenden ehemaligen Kampfpiloten Hans-Ulrich Rudel (1916 - 1982/er war im Zweiten Weltkrieg mit hohen NS-Auszeichnungen versehen worden) ins deutsche Quartier eingeladen.

Merkel profitiert von WM

Dass der Sport für die Politik Vorarbeit leisten kann, habe laut Blaschke auch Angela Merkel erfahren. Das positive Bild von Deutschland, das durch die Fußball-WM 2006 entstanden sei, habe 2008 beim Israel-Besuch der Kanzlerin eine Rolle gespielt. Merkel sprach damals vor dem israelischen Parlament, der Knesset – auf Deutsch. „Viele israelische Wissenschaftler und Journalisten meinten, das sei nur möglich gewesen, weil sich das Bild Deutschlands durch die WM geändert hatte“, sagt Blaschke.

Wie politisch der Sport auch sein kann, erfuhr 2013 der FSV Frankfurt. Der Fußball-Zweitligist wollte sich von einer saudi-arabischen Fluggesellschaft sponsern lassen. Die Airline hatte es sich zum Prinzip gemacht, keine israelischen Staatsbürger zu befördern. Es hagelte Proteste gegen das geplante Engagement, auf das die Frankfurter schließlich verzichteten.

Hauke Richters
Hauke Richters Sportredaktion (Leitung)
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