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NWZonline.de Sport Fußball

Warum sich das Reklamieren der Fußballer doch lohnt

07.07.2018
Frage: Herr Plessner, bei der WM in Russland wird gefühlt noch mehr Theater gespielt als jemals zuvor. Brasiliens Neymar trieb es auf die Spitze, vorher waren Portugals Pepe und Uruguays Suarez auch übliche Verdächtige. Warum machen sich die Spieler so lächerlich?
Henning Plessner: Ich schätze, weil sie vermuten, dass es irgendwann mal was bringt. Der Italiener Filippo Inzaghi hatte das perfektioniert. Der hat sich ständig fallenlassen, und beim zehnten Mal hat der Schiedsrichter gesagt: „Das kann ja nicht sein, dass der schon wieder simuliert“, und hat einen Freistoß gegeben. Und als Zuschauer hat man gedacht: „Nein, der hat sich auch beim zehnten Mal nur fallen lassen.“ Deshalb versuchen es Spieler immer wieder – weil es irgendwann belohnt wird.
Henning Plessner BILD: privat

Psychologe und Sportwissenschaftler

Prof. Henning Plessner (53) ist Psychologe und Sportwissenschaftler an der Universität Heidelberg. Im Fokus seiner Forschung stehen das Urteilen und Entscheiden im Sport. Er arbeitet unter anderem an der Optimierung von Schiedsrichterleistungen.

Frage: Sportlich ist das aber nicht…
Plessner: Natürlich, das ist eine Täuschungsabsicht. Aber das machen ja viele, auch die deutschen Spieler lassen sich fallen, wenn sie im Strafraum berührt werden. Der Grat zwischen Cleverness und Unfairness ist im Fußball ein sehr schmaler. Sich unlauter einen Vorteil zu verschaffen wird eben sehr häufig belohnt, und nicht bestraft. Nicht jeder Einzelfall, aber in der Summe. Deshalb testen die Spieler diese Grenze häufig aus. Das wäre ein lerntheoretischer Ansatz.
Frage: Gibt es noch einen anderen?
Plessner: Es machen ja nicht alle Spieler in der Form, wie jetzt im Extremfall Neymar. Da gibt es auch kulturelle Unterschiede. Wenn man sich die Japaner anschaut, Schweden, Dänen – oder auch in den Frauenfußball. Da gibt es so ein Verhalten kaum.

Was in puncto Videoschiedsrichter schief läuft

Frage: Wie lässt sich das erklären?
Plessner: Im Spiel gibt es zwei unterschiedliche Belohnungssysteme: Eines bezieht sich rein auf das Spielergebnis, das zweite dreht sich darum, wie man von außen wahrgenommen und bewertet wird. Da spielt Kultur eine Rolle: Wenn jemand im englischen Fußball sich so verhält, wird er sofort ausgepfiffen und sein Marktwert sinkt. Deshalb verzichten Engländer eher auf solche Aktionen, weil die Bestrafung durch die Zuschauer sozusagen schwerer wiegt als die Belohnung innerhalb des Spiels.
Frage: Die Spieler riskieren mit übertriebener Theatralik aber doch, sich den Ruf eines Schauspielers zu erarbeiten. Sollten sie das in Zeiten des Videobeweises nicht lieber lassen?
Plessner: Da ist der Videobeweis wohl noch zu frisch, um zu sagen, ob das einen langfristigen Effekt hat. Das zu beurteilen, ist schwierig. Ich hatte das Gefühl, dass es zu Beginn der WM noch gut geklappt hat. Aber je länger die WM dauert, desto inkonsistenter wird das System genutzt. Und dann gerät es aus dem Ruder. Der Höhepunkt war das Spiel England gegen Kolumbien, bei dem man gar nicht mehr wusste, wer jetzt eigentlich die Entscheidungen trifft.
Frage: Woran lag das?
Plessner: An der Unsicherheit und der schlechten Kommunikation des Schiedsrichters. Eigentlich sollte der Videoschiedsrichter ja nur bei krassen Fehlentscheidungen eingreifen. Aber das stimmt ja nicht – die beiden kommunizieren ständig. Das stellt die Autorität des Schiedsrichters auf dem Platz völlig infrage. Das haben die Kolumbianer sofort erkannt, und sie wollten wissen: Was wird denn da kommuniziert? Und wer trifft da eigentlich die Entscheidungen? Ist es vielleicht gar nicht der, der hier auf dem Platz steht? Das hat der Schiedsrichter dann nur dadurch in den Griff bekommen, dass er in kurzer Zeit drei Gelbe Karten verteilt hat.
Frage: Mit so einer Entwicklung hat man vor dem Videobeweis sicher auch nicht gerechnet.
Plessner: Doch, ich habe mir das gedacht. Die Fifa hat ja erst kurz vor der WM erklärt, wie das mit dem Videobeweis laufen soll. Und in der Erklärung war der Satz: „Der Schiedsrichter kann aber jederzeit mit dem Videoschiedsrichter kommunizieren.“ Und da habe ich mich gefragt: Worüber denn, bitteschön? Was soll das bringen? Gerade bei einem knappen Spiel wie England gegen Kolumbien, da war sich der Schiedsrichter natürlich dauernd unsicher und hat nachgefragt, ob der Kollege das auch so gesehen hat. Wenn Fußballspieler für eins sensibel sind, dann für einen Schiedsrichter, der Unsicherheit versprüht. Dann versuchen sie sofort alles, um ihn zu beeinflussen.

Was bewirken Beschwerden wirklich?

Frage: Apropos: Immer wieder beschweren sich Spieler über Entscheidungen, oder fordern Gelbe Karten oder dergleichen….
Plessner: Sie fordern ja jetzt auch ständig nach dem Videobeweis, mit dieser Handbewegung. Das ist ja das groteskeste Verhalten überhaupt, erst beschweren sie sich, wenn er gegen sie verwendet wird, dann wird er gefordert.
Frage: Die Schiedsrichter nehmen aber nie eine Entscheidung zurück. Warum machen die Spieler das dann?
Plessner: Das ist sozusagen verzögerte Bestätigung. Sie wissen, irgendwas werden sie beim Schiedsrichter auslösen. Es geht also gar nicht um die aktuelle Entscheidung, sondern um die nächste oder übernächste. Es gibt Studien, die zeigen, dass es Ausgleichstendenzen beim Schiedsrichter gibt. Er will ja immer fair sein und nicht den Eindruck erwecken, er würde eine Mannschaft bevorteilen. Deshalb neigt er dazu, alle Sanktionen gleichmäßig über beide Mannschaften zu verteilen, also gleichviele Elfmeter, gelbe Karten, Freistöße. Und wenn die Spieler protestieren, wird der Schiedsrichter immer denken: „Vielleicht lag ich falsch“, und wird irgendwann versuchen, das auszugleichen. Darauf spekulieren die Spieler.
Frage: Sollte man also mal überlegen, das zu verbieten?
Plessner: Es gab ja mal die Regel, dass es für das Fordern einer Gelben Karte eine Gelbe Karte gibt. Ich weiß nicht, warum es das nicht mehr gibt. Da sagen die Leute immer, das ist emotional und das gehört dazu. Da sag ich: Leute, schaut euch ein Rugbyspiel an. Das ist noch viel härter, und die Spieler haben ihre Emotionen auch im Griff. Allerdings auch, weil es dort konsequent sanktioniert wird. Wer sich da beim Schiedsrichter beschwert, fliegt vom Platz.

Plädoyer für eine neue Strafform

Frage: Gibt es andere Lösungsansätze für den Fußball?
Plessner: Das vernünftigste wären Zeitstrafen – wie in anderen Sportarten. Denn die Sanktionen, die wir im Fußball haben, sind ja entweder unwirksam, wie die Gelbe Karte, oder ultrahart, wie die Rote Karte. Und die Gelbsperre ist dabei sogar eine versetzte Ungerechtigkeit, weil der Spieler ja im nächsten Spiel gesperrt ist. Warum sollte der nächste Gegner davon profitieren, dass sich ein Spieler im vorigen Spiel irgendeinen Vorteil verschafft hat? Zeitstrafen wären eine unmittelbare Sanktion. Wenn einer den Videobeweis fordert, und der Schiedsrichter sagt: „Ok, da kannst du jetzt mal 10 Minuten auf der Bank drüber nachdenken“, dann würden sich die Spieler schon wieder anders verhalten.
Frage: Wie kann man sich denn als Schiedsrichter vor der Einflussnahme von Spielern schützen?
Plessner: Das ist sehr schwer, ich glaube, das geht gar nicht, dass man sich nicht beeinflussen lässt. Das haben viele Studien nachgewiesen: Es gibt zu viele Einflussfaktoren, die man nicht ausschließen kann. Zum Beispiel auch die Reaktion der Zuschauer. Das alles auszuschließen, wäre zu viel verlangt. Das Problem ist aber auch ein anderes: Wenn man eine Entscheidung trifft, muss man diese auch mit einer gewissen Sicherheit treffen und entsprechend kommunizieren. Das hat mich eher ein paar mal überrascht, dass das so schlecht aussah.
Frage: Zum Beispiel bei England gegen Kolumbien.
Plessner: Ja, genau. Der Schiedsrichter war gar nicht in der Lage, seine Entscheidung klar zu kommunizieren und durchzusetzen. Das hat auch was mit Körpersprache zu tun. Da wird als Idealbild oft Pierluigi Collina genannt. Bei dem war es ganz egal, ob er richtig oder falsch lag – da hat kein Spieler versucht, nachzufragen (lacht). Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, an dem die Schiedsrichter zu Recht mehr dran arbeiten, als an der Entscheidungsgenauigkeit. Das haben die Fifa-Schiedsrichter teilweise nicht so gut gemacht, war mein Eindruck.

Großzügige Regelauslegung – Nachteil für Deutschland?

Frage: Wie bewerten Sie die Schiedsrichterleistung bisher insgesamt?
Plessner: Insgesamt bisher ganz gut. Auch wenn ich persönlich finde, dass die Regeln etwas großzügig ausgelegt wurden.
Frage: Inwiefern?
Plessner: Die Vorgabe war ja bei der WM offensichtlich, die Regeln relativ großzügig auszulegen – zugunsten des Spielflusses. Wenn man aber so agiert, dann bevorteilt man die schwächere Mannschaft, die, die in der Verteidigung ist, die viele taktische Fouls spielt. Und das hat auch die deutsche Mannschaft zu spüren bekommen, das ist ein bisschen untergegangen: Kurz vor dem 0:1 gegen Mexiko ist Sami Khedira gefoult worden, und es war mal wieder ein taktisches Foul das mal wieder vom Schiedsrichter laufen gelassen wurde. Und Khedira saß da und dachte: Warum pfeift der denn nicht? Also, die die besser Fußball spielen, die werden durch so eine Regelauslegung benachteiligt. Und das ist sicher auch ein Grund dafür, dass wir darüber sprechen, dass die Ballbesitzfußball-Teams so schlecht abgeschnitten haben.
Frage: Haben Sie noch ein konkretes Beispiel?
Plessner: Ja, ich fand es kurios, dass auch manchmal überhaupt nicht mehr auf grundsätzliche Regeln geachtet wurde. Der Elfmeter, den Dänemarks Kaspar Schmeichel im Spiel gegen Kroatiens Luka Modric gehalten hat. Da ist der Schmeichel fast zwei Meter nach vorne gesprungen, bevor der Modric überhaupt geschossen hat. Der Elfmeter hätte auf alle Fälle wiederholt werden müssen! Und da habe ich auch gedacht: Wozu denn der Videoschiedsrichter, wenn er das nicht sieht? Also für meinen Geschmack wurden die Regeln da wirklich etwas zu großzügig ausgelegt, aber das müssen die Fußballer selber entscheiden.

Warum man Elfmeterschießen trainieren sollte

Frage: Thema Elfmeterschießen: Die Engländer haben endlich mal wieder eines gewonnen. Hinterher haben sie gesagt, dass sie das trainiert hätten. Kann man das überhaupt trainieren?
Plessner: Ja, unbedingt. Ich habe die Doktorarbeit von Georg Froese betreut, in der es genau um dieses Thema ging. Georg Froese wurde dafür 2013 mit dem DFB-Wissenschaftspreis ausgezeichnet. Trotzdem scheint das beim DFB wenig Wirkung erzielt zu haben. Das letzte Mal, beim Elfmeterschießen gegen Italien, sah das nicht sehr professionell aus, die deutsche Mannschaft hatte allerdings das Glück, dass sich die Italiener noch amateurhafter verhalten haben. Es gibt genug Literatur, genug Wissen, man kann da was tun. Man muss sich da eben die Zeit nehmen, das zu tun.
Frage: Warum wird das nicht gemacht?
Plessner: Für die Deutschen hat es ja meistens geklappt, vielleicht haben sie deshalb gesagt, dass sie das nicht brauchen. Und viele sagen, Elfmeterschießen kommt ja nicht so oft vor, und dann ist es ja auch nur Glückssache. Aber das stimmt nicht, man kann es natürlich trainieren. Und die Engländer haben das gemacht – da war auch der Druck sehr groß – und deshalb bin ich auch froh, dass die das jetzt gewonnen haben. Die Deutschen haben gegen Italien so schlecht geschossen, da habe ich mich schon gefragt, warum wird denn all das Wissen zur Verfügung gestellt, wenn das gar nicht genutzt wird?
Frage: Und der Druck in der Situation?
Plessner: Auch den kann man simulieren. Das zu behaupten, dass das nicht geht, ist eine glatte Falschaussage.
Frage: Wann muss man sich denn entscheiden, wo man hinschießt? Muss der Spieler das schon wissen, wenn er aus dem Mittelkreis losläuft?
Plessner: Da gibt es ganz grob zwei Strategien, und welche davon ein Spieler anwendet, sollte er vor dem Anpfiff wissen. Die eine ist der platzierte Schuss, das bedeutet, er entscheidet sich unabhängig vom Torhüter, wo er hinschießt. Das sollte für die meisten Spieler die vernünftigere Strategie sein.
Frage: Und die zweite?
Plessner: Das ist das landläufig sogenannte Ausgucken. Wir sagen dazu Torhüterabhängige Strategie. Die funktioniert so, dass man im Anlauf kurz verzögert. Und versucht, auszunutzen, dass der Torhüter sich ja vor dem Schuss entscheiden muss, wo er hinspringt. Man wartet also, bis man mitkriegt, wo er hinspringt, und schießt in die andere Ecke. Das ist aber schwierig und setzt voraus, dass man in der Situation noch cool genug ist, um solche Entscheidungen treffen zu können. Ein berühmtes Beispiel ist Bastian Schweinsteiger, der das im Champions-League-Finale gegen Chelsea London versucht hat, da hat man aber gesehen, der ist nicht mehr in der Lage, das erfolgreich zu machen. Der hätte sich lieber für einen platzierten Schuss entscheiden sollen. Aber die besten Elfmeterschützen, die beherrschen eher diese Strategie.
Frage: Wenn man sie beherrscht, ist sie dann besser?
Plessner: Ja, dann schon. Mit dem platzierten Schuss gibt es eine Grundwahrscheinlichkeit von etwa 750 Prozent, mit der torhüterabhängigen lassen sich 80 bis 90 Prozent erreichen. Aber das darf man sich natürlich nicht erst im Spiel überlegen, sondern muss sich vorher festlegen. Das hat man auch bei dem Elfmeterschießen gegen Italien gesehen, dass die Deutschen keinen Plan hatten. Das Schlimmste war der anschließende Held, Jonas Hector. Der hat den Elfmeter verwandelt, aber der war so schlecht geschossen! Ich habe gedacht, das gibt’s doch gar nicht. Das sah so aus, als sei er auf diese Situation gar nicht vorbereitet. Und das bei einem großen Turnier, bei dem es natürlich zu einem Elfmeterschießen kommen kann. Was also bei den Engländern gerade so gefeiert wird, dass sie sich darauf vorbereitet haben, das sollte im Profibereich eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.
Mathias Freese
Redakteur
Sportredaktion
Tel:
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