Herzlake - Gut 100 Kilometer von der Hansestadt entfernt, in Herzlake, bereitet sich Fußball-Bundesligist Werder Bremen seit Dienstag im dritten Trainingslager dieses Sommers weiter auf die Saison vor. Dass der unter Felix Magath wegen seiner gefürchteten Übungsmethoden einst in „Schmerzlake“ umgetaufte Ort im Emsland auch den aktuellen Profis von Werder-Trainer Viktor Skripnik in unangenehmer Erinnerung bleiben wird, ist nicht anzunehmen. „Wir haben im athletischen Bereich bereits genug gearbeitet“, sagte Sportdirektor Frank Baumann.
Eine Wellness-Fahrt steht gleichwohl ebenso wenig auf dem Programm, auch wenn das Romantik-Hotel Aselager Mühle diesen Eindruck vermitteln könnte. In idyllischer Umgebung bietet die im Landhaus-Stil erbaute Unterkunft vom Spa-Bereich bis zur erlesenen Küche alles, was der Erholung dient. Max Kruse könnte lediglich einen Poker-Tisch vermissen. Doch angesichts der von Skripnik bis Sonnabend angesetzten Einheiten im spielerischen und taktischen Bereich hat der Angreifer für sein Hobby sowieso keine Zeit.
Kruse muss schnellstmöglich in die Abläufe integriert werden. Dazu soll auch das Testspiel an diesem Mittwoch (19 Uhr, Hänsch-Arena) beim SV Meppen dienen. Dass der 28-Jährige für die Qualität von Werder eine Bereicherung ist, ließ sich bereits bei seinem ersten Auftritt im Test gegen Chelsea London (2:4) erkennen. Mit Vertikal-Pässen und diagonaler Spielverlagerung versuchte er, das Angriffsspiel variabler zu gestalten. Zudem erfüllte er Skripniks Vorgabe, als Führungsspieler aufzutreten, indem er auf dem Platz recht viel kommunizierte.
Bei seiner Verpflichtung und davor war ja weitaus mehr über Kruse geredet worden, die Berichterstattung besonders der Boulevard-Medien geriet dabei oft ins Unseriöse. Auch ein Profi besitzt ein Privatleben. Dass Kruse im Oktober 2015 zu Wolfsburger Zeiten an seinem freien Tag an einer Poker-Runde in Berlin teilnahm, ist nicht verboten. Dass er die dabei gewonnen 75 000 Euro danach in einem Taxi vergessen hat, dürfte ihn selbst am meisten ärgern .
Kruse nur aufgrund dieser Geschichten als undisziplinierten Profi darzustellen, erscheint gewagt. Zumal die Frage erlaubt sein muss, warum bei Berufskollegen dieser Maßstab nicht genauso angelegt wird. Ein Marco Reus fuhr jahrelang ohne Führerschein, der erst 20-Jährige Leroy Sané hat bereits zweimal ein rund 200 000 Euro teures Auto zu Schrott gefahren .
Gleichwohl muss Kruse an seiner Berufseinstellung arbeiten. Selbst in seiner bislang erfolgreichsten Zeit bei Borussia Mönchengladbach, als er von 2013 bis 2015 in 77 Pflichtspielen 25 Treffer erzielte und weitere 29 vorbereitete, gab es Probleme. Gewicht und Fitness waren nicht immer so wie von Trainer Lucien Favre und Sportdirektor Max Eberl gewünscht. Allerdings fand dieses Duo einen Zugang zu Kruse, was Dieter Hecking und Klaus Allofs beim VfL Wolfsburg offenbar nicht gelang. Spannend zu beobachten, wie Skripnik und Baumann es angehen.
Für Skripnik ist die Personalie Kruse allerdings aus einem anderen Grund Fluch und Segen zugleich. Ein Stürmer seines Kalibers war dringend notwendig. Er stellt aber kurz vor Ende der Vorbereitung das bislang einstudierte 4-1-4-1 in Abrede. Mit Pizarro und Kruse bietet sich dieses System kaum noch an. Eher müsste nun in einem 4-4-2 mit Doppel-Spitze oder in einem 4-2-3-1 mit Kruse als zentral hängendem Stürmer agiert werden. Gegen Chelsea traten damit jedoch gleich Defensiv-Probleme auf. Jetzt wird die Zeit knapp. Schon gegen Meppen müssen die Automatismen besser greifen.
