LONDON - Die Meinung von Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), dass die Unruhen in London „nichts mit Olympia zu tun haben“ und die Sicherheit der Olympischen Spiele 2012 nicht beeinträchtigt sei, will Paula Redcliffe nicht teilen. Der Leichtathletik-Star Großbritanniens hat seine Bedenken: „In weniger als einem Jahr wollen wir die Welt in London willkommen heißen, im Moment will die Welt aber gar nicht zu uns kommen“, sagte sie angesichts der anhaltenden Unruhen in Londoner Vorstädten.

Zurzeit beugt sich der Sport in England den Krawallen der Straße. Deutlichstes Zeichen dafür: Das Fußball-Länderspiel England gegen die Niederlande fällt aus, da die Sicherheit der Gäste nicht gewährt werden konnte. Daneben wurden die Fußball-Ligapokalspiele West Ham United gegen Aldershot Town, Charlton Athletic gegen den FC Reading und Crystal Palace gegen Crawley Town auf Anraten der Polizei ebenso auf einen unbestimmten Zeitpunkt verlegt wie die Partie von Bristol City gegen Swindon Town. Nicht, weil dort Gewalt befürchtet worden wäre, sondern weil die Sicherheitskräfte an anderen Stellen dringender benötigt werden.

Verzweifelt versuchte der englische Fußball-Nationalspieler Wayne Rooney über Twitter Einfluss auf die randalierenden Menschen zu nehmen. „Diese Krawalle sind verrückt. Warum tun Leute das ihrem Land, ihrer Stadt an? Hört bitte auf damit“, flehte er regelrecht. Doch die meisten Jugendlichen erhörten ihn nicht. An Sport ist in England nicht zu denken.

70 000 Karten waren für das attraktive Länderspiel bereits verkauft worden. Statt eines rauschenden Fußballfestes im neuen Wembleystadion macht sich jetzt Sorge und Verständnis für die Absage breit. Der ehemalige Hamburger Rafael von der Vaart fand den Ausfall „sehr schade“, ergänzte aber: „Es ist schrecklich für London, was da passiert“. Er zweifelt, dass am Wochenende der Ligastart stattfinden wird. Darüber soll wohl an diesem Donnerstag entschieden werden. Und der englische Vize-Kapitän Rio Ferdinand sprach ebenfalls bei Twitter von einer „weisen Entscheidung“, das Länderspiel ausfallen zu lassen.

Nach den Ereignissen kommt auch Sebastian Coe, ehemaliger Weltklasseläufer und OK-Chef, ins Grübeln. Er will das Sicherheitskonzept für die Olympischen Spiele 2012 noch einmal auf den Prüfstand stellen, selbst wenn er nicht glaubt, dass diese Krawalle Auswirkungen auf die Wettkämpfe im kommenden Jahr haben werden.