München - Kapitän Marco Reus wirkte regelgerecht geschockt, Trainer Lucien Favre ratlos wie nie. Das Fünf-Tore-Trauma von München machte den Dortmundern mächtig zu schaffen. Obwohl der Abstand zum FC Bayern sechs Spieltage vor dem Saisonende nur einen Punkt beträgt, kamen die ersten Kommentare einer Kapitulationserklärung im Titelrennen gleich. „An diesem Auftritt werden wir noch lange zu knabbern haben. Psychologisch ist das ganz bitter“, kommentierte Reus voller Sorge, dass mit dem 0:5 (0:4) im Ligagipfel nicht nur die Tabellenführung, sondern auch das ganze Selbstvertrauen für den Saisonendspurt verloren gehen könnte.

Es ist kaum vorstellbar, dass der BVB nach dieser Demütigung im Titel-Showdown noch einmal aufsteht. „Wir reden zwar immer davon, dass wir konkurrenzfähig sein wollen gegenüber den Bayern, aber das Spiel hat uns leider gezeigt, dass wir noch sehr, sehr weit weg davon sind“, gestand Reus: „Wir waren richtig schlecht von der ersten Sekunde an. Das war für den Verein nicht würdig genug.“ Ähnlich wie der 29-jährige Nationalspieler machte auch Sportdirektor Michael Zorc aus seinem Frust keinen Hehl: „Wir haben Fehler gemacht, die manche Spieler das letzte Mal in der A-Jugend gemacht haben.“

Uli Hoeneß setzte unterdessen nach der famosen Bayern-Show sein Genießerlächeln auf. „Die Mannschaft hat gesprochen“, fasste der Präsident den meisterlichen Münchner Gala-Abend kurz und treffend zusammen. Die Bosse frohlocken nach den fünf Watschn für den BVB und einem rasanten Überholmanöver im Titelrennen.

Der 5:0-Triumph über mutlose Dortmunder soll auch das Meisterstück von Niko Kovac sein – der jedoch angesprochen auf die nächtliche Party von Jérôme Boateng in der legendären Münchner Edeldisko P1 mit reichlich Verdruss zu einer Grundsatzrede ansetzte. In seinem „Wort zum Sonntag“ forderte Kovac mehr Respekt und weniger Sensationsgier, denn für ihn stand nur der sportliche Wert des weichenstellenden Sieges im Kampf um die Schale im Fokus. Kovac stufte die mitreißende Mia-san-Mia-Vorstellung im 100. deutschen Clásico als phasenweise „sensationell“ ein, doch der Kampf um seinen ersten Meistertitel bleibt ein Herzschlagfinale. „Es sind noch sechs Spiele und man hat ja gesehen, wie schnell es in der Liga geht“, warnte der 47-Jährige, der seine Freude am Rasenrand mit einem Monstersprung beim Torjubel dokumentierte.

Bombensicher in der Defensive, brandgefährlich, leidenschaftlich im Zweikampf – der FC Bayern demonstrierte gegen die komplett überforderten Dortmunder all die Tugenden, die er in anderen großen Spielen nicht zeigte. „Wir haben das beste Spiel der Saison gemacht“, sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic: „Wir haben die Lehren aus dem Liverpool-Spiel schon gezogen.“

Eine Frage wird die Münchner vermutlich bis zum Saisonende begleiten. Warum bringt das Rekordmeister-Ensemble vergleichbare Leistungen nicht auch gegen Düsseldorf oder Freiburg. „Das ist eine gute Frage“, rätselte auch Salihamidzic über seine Wundertüten-Fußballer. „Fußball ist merkwürdig, Fußball kann man nicht immer erklären“, umschrieb es Kovac. Der Kroate ärgerte sich nach diesem großen Sieg über „Nebensächlichkeiten“ oder „Sensationen“, die Spieldetails oder taktische Aspekte überlagern würden. „Wenn du gewinnst, hast du nichts richtig gemacht. Wenn du verlierst, hast du alles falsch gemacht“, verteidigte er seine Trainer-Zunft: „Was ich nicht möchte, das mir einer antut, das tue ich keinem anderen an. Das ist das Wort zum Sonntag.“ Mit mehr Coolness quittierte der designierte künftige Münchner Vorstandschef Oliver Kahn die Mediensituation. „Das ist die Fußballwelt, das ist der Markt“, sagte der ZDF-Experte.