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NWZonline.de Sport Fußball

WM-Serie: Namen brennen sich ins Gedächtnis ein

20.05.2010

Autor dieses Beitrages ist Horst Hollmann. Der 68-jährige ehemalige Sportchef der Nordwest-Zeitung erzählt in dieser Folge, wie er als Junge die WM 1954 erlebte.

Der Schriftsteller Peter Handke hat „die Mannschaftsaufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27. Januar 1968“ zu einem Gedicht dieses Namens verarbeitet. Unsterblich sind Fußballer wie Wabra, Wenauer, Strack oder Popp dadurch nicht geworden. Für die Ewigkeit steht nur die Aufstellung der deutschen Nationalmannschaft vom 4. Juli 1954, vorzutragen in diesem Versmaß: Turek, Posipal, Kohlmeyer (Luft holen) Eckel, Liebrich, Mai (Luft holen), Rahn, Morlock, Ottmar Walter, Fritz Walter, Schäfer (in einem Atemzug).

Die elf Spielernamen bete ich notfalls heute noch im Schlaf herunter. Nie habe ich ein Gedicht auswendig so schnell zu lernen, vorzutragen und abzuspeichern vermocht. Noch fester hat sich ein Fußballfan dieser Generation wohl nur noch die Namen seiner Ehefrauen und Kinder eingeprägt. Störende Spielerwechsel ließen die Regeln damals nicht zu. Aufstellungen waren festgefügte Kunstwerke in elf Teilen.

Die Weltmeister-Aufstellung von Bern war sofort Geschichte. Die DFB-Auswahl spielte in dieser Formation vorher nur im Halbfinale gegen Österreich (6:1) zusammen und nach dem 3:2-Sieg gegen Ungarn nie wieder. Unsere Jungen-Truppe in der sauerländischen Kleinstadt hielt viel länger. Wir Zwölfjährigen trugen die Namen der besten Spieler der Welt. Ich war Horst Eckel, weil ich die beste Ausdauer und die schlechteste Technik hatte.

Onkel Jupps Fernseher

Den Tag des Endspiels erlebte ich privilegiert. Mein Onkel Jupp besaß einen der wenigen Fernseher. An einen Fernsehkommentar habe ich überhaupt keine Erinnerung. Das darf man heute zu den guten Erinnerungen zählen. Beim 2:0 für Ungarn meinte Tante Else: „Noch ist Polen nicht verloren“, was ich nicht verstand. Als Rahn das 3:2 geschossen hatte, rief meine Mutter: „Habt ihr gesehen, nebenan ist der Jens aus dem Fenster gesprungen!“ Das lag zum Glück ebenerdig. Beim Schlusspfiff sagte Onkel Jupp: „Ich glaub, ich werd verrückt – aber vorher nehme ich erst noch ein Pülleken.“

Dann sang er, wie viele auch im Stadion in Bern, die erste Strophe des Deutschlandliedes: „Besser wäre die dritte, aber die kenne ich gar nicht“, entschuldigte er sich.

Hinterher haben wir auf der Wiese von Bauer Hücking Fußball gespielt und uns mit „Herr Weltmeister“ angeredet. Am Abend forderte im Radio ein Politiker, den 4. Juli fürderhin jedes Jahr als Tag des Deutschen Sports zu begehen. Gleichzeitig hatten ja auch noch die Mercedes-Silberpfeile in Reims gewonnen. So weit reichte die jugendliche Fantasie, aus dem eigenen Fahrrad einen Formel-1-Boliden zu machen – aber nicht so weit, dass dieser Tag in der rückblickenden Einordnung einmal „wirklicher Geburtstag der Bundesrepublik“ genannt werden sollte.

Aufstellung rückwärts

Der Alltag holte uns nach den Ferien ein. Beim Gedichtaufsagen blieb ich stecken. Deutschlehrer „Mecki“ Keller wiegte den Kopf: „Na gut, Horst Eckel, dann sage doch mal die Weltmeister-Mannschaft auf – aber von hinten nach vorn, fang bei Schäfer an!“ So ein Fiesling, eine Gemeinheit! Ich weiß nicht mehr, ob ich das reibungslos geschafft habe. Aber ich glaube, dass heute kein Lehrer ungestraft davon käme, würde er einem Schüler ein solches traumatisches Erlebnis bereiten. Zum Glück hat es mich nicht fürs Leben geschädigt.

Das deutsche Aufgebot Tor Toni Turek (Fortuna Düsseldorf/Jahrgang 1919), Heinz Kwiatkowski (Borussia Dortmund/ 1926), Heinz Kubsch (Pirmasens/1930). Abwehr Hans Bauer (Bayern München/1927), Herbert Erhardt (SpVgg Fürth/1930), Werner Kohlmeyer (1. FC Kaiserslautern/1924), Fritz Laband (Hamburger SV/ 1925), Werner Liebrich (1. FC Kaiserslautern/ 1927), Josef Posipal (Hamburger SV/1927). Mittelfeld Horst Eckel (1. FC Kaiserslautern/ 1932), Karl Mai (SpVgg Fürth/1928), Paul Mebus (1. FC Köln/1920), Alfred Pfaff (Eintracht Frankfurt/1926), Fritz Walter (1. FC Kaiserslautern/ 1920). AngriffUlrich Biesinger (BC Augsburg/1933), Richard Herrmann (FSV Frankfurt/1923), Bernhard Klodt (Schalke 04/ 1926), Karl-Heinz Metzner (Hessen Kassel/1923), Max Morlock (1. FC Nürnberg/1925), Helmut Rahn (Rot-Weiß Essen/1929), Hans Schäfer (1. FC Köln/ 1927), Ottmar Walter (1. FC Kaiserslautern/ 1924). Trainer Sepp Herberger (1897)

Die deutschen SpieleDeutschland - Türkei 4:1, Deutschland - Ungarn 3:8 (beide Vorrunde), Deutschland - Türkei 7:2 (Entscheidungsspiel), Deutschland - Jugoslawien 2:0 (Viertelfinale), Deutschland - Österreich 6:1 (Halbfinale), Deutschland - Ungarn 3:2 (Finale am 4. Juli im Berner Wankdorf-Stadion).

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