Norwich - Auf einer Wand verewigt wie das Konterfei von Jürgen Klopp beim FC Liverpool ist Daniel Farke in Norwich nicht. Zumindest noch nicht. Doch der Hype um den Senkrechtstarter aus Ostwestfalen und sein „Team Bundesliga“ aus der Grafschaft Norfolk im Osten Englands wird von Woche zu Woche größer. Eine ganze Region träumt vom Aufstieg in die Premier League. Und Farke, der Architekt des Fußball-Märchens? Der bleibt cool.

„Wir sind da ganz entspannt“, sagt der Trainer von Zweitligist Norwich City und bezeichnet sich und sein Team trotz der 15 Punkte Vorsprung auf den ersten Nicht-Playoff-Platz als „Außenseiter. Klar ist aber auch: Wir sind gierig und wollen das Maximale erreichen“.

Neben der Gier hat der 42-Jährige den Canaries („Kanarienvögel“) vor allem den Glauben zurückgegeben. Drei Jahre nach dem letzten Abstieg aus dem Oberhaus träumen sie an der Carrow Road wieder von der guten alten Zeit. Von Spielen gegen Klopps Liverpool oder Pep Guardiolas Manchester City. „Der Aufstieg in die Premier League würde einer Sensation gleichkommen“, sagt Farke. Aktuell habe man „das Gefühl, dass die Kanarienvögel wirklich fliegen. Wenn wir am Ende der Saison aufsteigen sollten, dann gibt es hier eine wochenlange grün-gelbe Party.“

Farke wandelt auf den Spuren von David Wagner, der 2017 mit Huddersfield als bislang einziger deutscher Trainer in England den Aufstieg schaffte. Die Parallelen sind frappierend: Auch Wagner (er verließ Huddersfield Mitte Januar) hatte zuvor Dortmunds Bundesliga-Reserve trainiert und den Staffelstab dann an Farke übergeben.

Norwich City blickt auf schwierige Jahre zurück. Erst als Farke im Sommer 2017 das Zepter übernahm, ging es wieder bergauf. Im Schatten der großen Erfolge von Klopp sorgte der frühere Oberliga-Torschützenkönig, der als Spieler beim SV Wilhelmshaven (2003-2005) sowie in der Saison 2006/07 beim SV Meppen unter Vertrag gestanden hatte, im Osten Englands seitdem für eine neue „Deutsche Welle“. Acht Profis mit deutscher Staatsbürgerschaft spielen für Norwich, dazu weitere Spieler mit Bundesligaerfahrung. Den Fans gefällt das Gütesiegel „Made In Germany“, sie singen in Anlehnung an einen Blur-Song: „All the Germans! So many Germans!“

Farke misst der Nationalität seiner Akteure aber keine besondere Bedeutung bei. „Die Qualität der Spieler ist wichtig, der Reisepass spielt dabei überhaupt gar keine Rolle“, sagt er. Entscheidend sei, „dass sich die Jungs komplett mit dem Club und unserer Spielweise identifizieren. Natürlich wird unter den deutschen Spielern auch mal in der Muttersprache ein bisschen gefachsimpelt. Aber grundsätzlich wird bei uns auf dem Platz und in der Kabine nur englisch gesprochen.“

Der Weg von Norwich unter Farke ist erstaunlich. Während Spitzenteams in der Premier League Milliarden ausgeben, hat City in den vergangenen 18 Monaten mehr als 60 Millionen Euro Transferüberschuss erzielt. So lotste Farke den deutschen Rechtsaußen Onel Hernandez von Eintracht Braunschweig oder Angreifer Dennis Srbeny vom SC Paderborn für kleines Geld auf die Insel. „Unsere Eigentümer sind bodenständig und schmeißen nicht mit Geld um sich“, erklärt Farke. Entscheidend beim Scouting neuer Spieler seien „Qualität, Charakter und die Bezahlbarkeit“.

Das Konzept geht auf. Hierzulande vergessene Spieler wie Moritz Leitner, Marco Stiepermann, Hernandez, Christoph Zimmermann, Srbeny und Tom Trybull gehören plötzlich zu den Leistungsträgern. Der frühere Schalker Teemu Pukki aus Finnland führt mit 23 Treffern die Torschützenliste der englischen Championship an.