OLDENBURG - Bei Interviews, die direkt nach Ende von 90 anstrengenden Minuten mit Fußballern geführt wurden, ist inzwischen manche Stilblüte herausgekommen. Diese bunten Beschreibungen des Spielgeschehens – grammatikalisch vielleicht nicht immer korrekt – haben zu der landläufigen Meinung beigetragen, dass Fußballer und Intelligenz nicht zwingend etwas miteinander zu tun haben müssen.
Da wirkt es fast etwas widersprüchlich, was der renommierte Hirnforscher Prof. Dr. Hans-Peter Thier jüngst in der Wochenzeitung „Die Zeit“ behauptete, nämlich dass im Gehirn eines Balltreters mehr passiere als in dem eines Schachspielers. Thier kennt sich aus. Er betreibt seit Jahren klinische Hirnforschung in Tübingen.
Aber kann man Fußball mit Schach vergleichen? „Die bei Schachspielern sehr ausgeprägten verknüpfenden Aktivitäten im Gehirn, die eine gewisse gedankliche Leistung und Intelligenz erfordern, blieben beim Fußballer außen vor“, erläutert der Sportmediziner Prof. Dr. Klaus Völker von der Universität Münster. „Im Fußball spielt die Motorik eine viel größere Rolle. Im Hirn werden ganz andere und viel mehr Areale als beim Schachspielen in Anspruch genommen.“
Ein Lukas Podolski passt seinen Torschuss unterbewusst an Faktoren in der Umgebung, wie Boden und Verhalten des Gegners, an. Eine Denkleistung ist das jedoch nicht. „Zinedine Zidane mit seinen tödlichen Pässen – da passierte nichts bewusst“, erklärt Völker das von Millionen Fans bewunderte Spiel des französischen Fußballidols.
Die Gabe, ein Spiel zu lesen und zu dirigieren, müsse man erst erlernen. „Wie beim Tennis: Nach und nach nimmt man neben dem Ball, der auf einen zugeflogen kommt, immer mehr Dinge drumherum wahr. Das ist ein Lernprozess, während dem sich zum Beispiel die Fähigkeit, Spielsituationen vorherzusehen, erst entwickelt.“
Ein Mensch hat viele Milliarden Gehirnzellen. Die Wissenschaft wird wohl nie ganz in der Lage sein, die genialen Geistesblitze von Sportlern zu erklären. Das Wichtigste beim Fußball, sagt auch Völker, sei die Leistung, die am Ende herausspringt. „Und da muss man einigen bescheinigen, dass sie einfach gut sind.“ Das können freilich nur sportliche Ergebnisse belegen, keine wissenschaftlichen Untersuchungen in der Röhre. Die Wahrheit liegt eben auf dem Platz – da ist dann auch schon einmal ein Gegner schachmatt.
