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Verhalten Regelwerk der guten WM-Sitten

Sebastian Kelm

OLDENBURG - Es war die Szene des Achtelfinal-Spiels zwischen Deutschland und England bei der Fußball-WM in Südafrika: Frank Lampard, Mittelfeld-Ass der „Three Lions“, zieht aus 17 Metern Entfernung ab, DFB-Schlussmann Manuel Neuer kann den Schuss nur noch an die Unterkante der Latte lenken. Von dort springt das Spielgerät – wie zumindest in der Zeitlupe deutlich zu erkennen – hinter die Linie und sofort wieder aus dem Tor heraus. Der Rest ist schon jetzt WM-Geschichte.

Nach dem nicht gegebenen Treffer für England ist eine hitzige Diskussion über das Für und Wider von Videobeweisen im Fußball entbrannt. Dabei wird eine ganz andere Frage völlig außer Acht gelassen: Hätte Manuel Neuer, der sehr wohl sehen konnte, dass es eigentlich ein Tor war, dies nicht auch dem Schiedsrichter gegenüber zugeben müssen? Gebietet das nicht die im Spitzensport immer wieder eingeforderte Fairness?

Nicht entschuldbar

„Sein Verhalten ist nicht entschuldbar“, meint Nandine Meyden, Benimm-Trainerin aus Berlin. Neuers mangelnde Aufrichtigkeit sei alles andere als die feine englische Art gewesen – eine Feststellung, die angesichts der Spielpaarung passender kaum sein könnte.

„Er hat die Chance versäumt, wahre Größe zu zeigen“, führt die 44-Jährige weiter aus. Ehrlich währt eben am längsten. Das lehrt sie auch in ihren Seminaren.

Natürlich stellt die Etikette-Expertin während der WM nicht nur Verfehlungen auf dem Platz, sondern auch abseits des Rasens fest. „Es ist zum Beispiel schön und gut, wenn Zuschauer vor Begeisterung von ihrem Platz aufspringen, aber dann sollten sie sich aus Rücksichtnahme auf die Leute hinter ihnen bitte auch wieder hinsetzen.“

WM 2006 als Wendepunkt

Insgesamt, so Nandine Meyden, habe sich die Fankultur in Deutschland aber stark verbessert. Als Wendepunkt hat sie die Heim-WM 2006 ausgemacht. „Vor zehn Jahren war Fußball noch eher etwas für Hartgesottene, die Sitten waren deutlich rauer.“ Spätestens seit dem Turnier im eigenen Lande sei der Sport dann zum Massenphänomen geworden – und damit auch zum Familienereignis. „Es wird daher deutlich mehr Anstand gezeigt“, sagt sie.

Die wirklich ernsthaften Entgleisungen in Zusammenhang mit der WM hat sie deshalb auch eher auf dem Fernsehbildschirm als davor beobachtet. In schlechter Erinnerung etwa ist ihr Frankreichs inzwischen zurückgetretener Nationaltrainer Raymond Domenech geblieben, der seinem Gegenüber, Südafrikas Coach Carlos Alberto Parreira, nach einer Niederlage den obligatorischen Handschlag verweigerte. „Das“, sagt sie, „ist für mich tausendmal schlimmer, als ein angetrunkener Fan, der sich im Freudentaumel das T-Shirt vom Leibe reißt. Bei so einer Aktion fehlen mir einfach die Worte.“

Nandine Meyden (Bild rechts) ist Autorin von insgesamt vier Büchern zum Thema Umgangsformen. Zudem moderiert die 44-jährige Berlinerin für den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) die Ratgeber-Sendung „Vorsicht Fettnäpfchen“.

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