Sint-Michielsgestel - Seit Jahren ist eine stetige Aufwärtsentwicklung im internationalen Frauenfußball zu beobachten. Die Spielerinnen sind athletischer geworden, technisch und taktisch haben auch die sogenannten kleinen Fußball-Nationen aufgeholt. Die internationalen Verbände Fifa und Uefa fördern die Frauen und tragen dem Aufschwung Rechnung, indem sie die Teilnehmerfelder bei Welt- und Europameisterschaften ständig erweitern. Die TV-Quoten steigen so rasch wie die Sympathiewerte der Protagonistinnen.

Doch nun droht erstmals seit Jahren eine Stagnation. Bei den Spielen der Europameisterschaft in den Niederlanden treten auch Entwicklungen zu Tage, die der Attraktivität des Frauenfußballs abträglich sind. Mit deutlichen Worten warnt die ehemalige Bundestrainerin Silvia Neid vor negativen Tendenzen.

„Ich sehe keine Weiterentwicklung. Viele Mannschaften bei der EM versuchen nur noch, das konstruktive Spiel der Gegner zu zerstören“, analysiert Neid: „Und das Schlimme ist, dass sie das auch schaffen, weil bessere Teams technisch nicht in der Lage sind, sich mit ihrem Offensivspiel durchzusetzen.“ Dieser Trend zum Defensivfußball sei schon bei der Männer-EM 2016 in Frankreich zu beobachten gewesen.

Die dreimalige Fifa-Welttrainerin muss es wissen. Neid war als Spielerin (111 Länderspiele), Assistentin von Tina Theune-Meyer (1996-2005) und als DFB-Cheftrainerin (2005-2016) an allen Erfolgen der DFB-Frauen beteiligt. Nachdem Neid im Vorjahr ihre Karriere als Bundestrainerin mit dem Olympiasieg in Rio gekrönt hatte, übergab sie das Zepter an ihre ehemalige Spielerin und Co-Trainerin Steffi Jones.

In den allgemeinen Jubelchor über die positive Entwicklung im Frauenfußball mag Neid nicht einstimmen. „Unser Sport lebt von Leidenschaft, Kreativität und Offensivgeist. Was nicht nur deutsche Mannschaften immer ausgezeichnet hat, ist, dass man nach einem 2:0 auch noch das dritte und vierte Tor schießen will. Das gibt es hier nicht“, sagt die 53-Jährige, die in offizieller Mission unterwegs ist.

Nach Olympia übernahm sie im DFB die neu geschaffene Scouting-Abteilung, um Entwicklungen im weltweiten Frauenfußball zu erkennen. Mit Nachwuchstrainerin Anouschka Bernhard, Fußball-Lehrer Michael Müller und der langjährigen Assistentin Ulrike Ballweg analysiert sie alle 31 EM-Partien.

Neid räumt ein, dass alle Nationen vor allem hinsichtlich Athletik und Physis besser geworden seien. Von der Qualität der Partien und dem allgemeinen Niveau der EM ist sie aber enttäuscht. „Es gibt viele schlechte Torabschlüsse, unpräzise Pässe, Fehler im Spielaufbau, lange Bälle, wenig Flügelspiel oder schnelles Vertikalspiel. Das hat mit individueller Qualität und technischen Fertigkeiten zu tun“, bilanziert sie. Neid hegt aber auch Hoffnung: „Vielleicht sehen wir in der K.o.-Runde bessere Spiele.“