Oldenburg - Wenn man die grundsätzliche Ausrichtung der italienischen Fußball-Nationalmannschaft in einem Wort charakterisieren müsste, würde die Antwort der meisten Experten wohl gleich ausfallen: Catenaccio (Deutsch: Riegel). Er basiert auf einer defensiven Art, Fußball zu spielen, ein reaktionäres und auf Konterspiel angelegtes System, auf das sich auch das deutsche Team im EM-Viertelfinale an diesem Sonnabend (21 Uhr/ARD) einstellen muss.
Wohl nur die wenigsten wissen aber, dass ein Argentinier dafür verantwortlich ist, dass die Italiener – vielleicht sogar zu oft – auf diesen Spielstil reduziert werden. Helenio Herrera kam 1960 zu Inter Mailand und holte mit seiner neuen Mannschaft in acht Jahren drei Meisterschaften und zwei Mal den Europapokal der Landesmeister.
Der Argentinier, in Buenos Aires geboren, beendete damals die romantischen Vorstellungen der Italiener vom Fußball. Das Gerede vom offensiven und attraktiven Fußball sei „nichts als Geschwätz“, betonte Herrera. Es gehe lediglich darum, ein Tor weniger zu kassieren als der Gegner. Wegen dieser Mauer-Taktik bekam er später den Beinamen „Totengräber des Fußballs“ verpasst.
Herrera wurde damals aber mehr oder weniger zu seinem Glück gezwungen. Weil seine ersten beiden Jahre bei Inter Mailand ganz und gar nicht erfolgreich verliefen, bekam er ein Ultimatum des Präsidenten Angelo Moratti gestellt. Ein Titel musste her.
Herreras Reaktion war genauso simpel wie heute bekannt. Er nahm einen Mittelfeldspieler aus seiner Mannschaft und platzierte dafür einen Ausputzer (Libero) hinter die Abwehr.
Inter stellte sich fortan tief in die eigene Hälfte und setzte auf schnelle Konter – mit großem Erfolg, wie die Vielzahl an Titeln in den darauffolgenden Jahren beweist. Herreras Spielphilosophie ist auch heute noch problemlos auf die Italiener übertragbar. „Wir wollten vertikalen Fußball spielen, nicht mehr als drei Pässe zum gegnerischen Strafraum. Wenn man den Ball durch einen vertikalen Pass verliert, ist das kein Problem – aber bei einem Querpass zahlt man mit einem Gegentor dafür“, sagte Herrera.
Der Erfinder des Catenaccio ist Herrera im übrigen nicht – er perfektionierte ihn lediglich und wird deswegen für immer mit ihm in Verbindung gebracht. Zuerst praktiziert hat ihn jedoch der Österreicher Karl Rappan als Trainer der Schweizer Nationalmannschaft. Rappan übernahm diese 1937, und weil die „Nati“ als eines der schwächsten Teams galt, erfand er den „Schweizer Riegel“. Im Vergleich zum damals noch klassischen 2-3-5 wurden die beiden Halbstürmer als Außenverteidiger zurückgezogen. Hinter den beiden eigentlichen Verteidigern agierten fortan ein Libero. Die Spielidee aber war die selbe: tief stehen und schnell kontern.
