VECHTA/SCHANGHAI - Rena Meyers Unterlippe vibriert, sie schüttelt den Kopf, sie hadert. Kein Wunder, nach der Packung. Sechs Gegentore gegen Russland – das tut besonders der Torfrau weh. „Ich sage lieber gar nichts mehr. Die hören doch sowieso alle nicht zu“, schimpft sie nach dem Schlusspfiff über ihre Vorderleute. Bei Meyer kommt in diesen Tagen einiges zusammen. Die Reise aus ihrem Wohnort Vechta bis nach Schanghai, eine der größten Städte der Welt, geht ihr auch ganz schön ans Gemüt. Aber weshalb sollte es ihr auch anders gehen als Menschen ohne intellektuelles Defizit, die nicht an den Special Olympics teilnehmen dürfen?
Aber nicht nur im fernen China ist die Aufregung zurzeit groß. Im Andreaswerk in Vechta, das rund 1300 Menschen mit Behinderung betreut, wird mitgefiebert. „Das ist das erste Mal für uns, dass wir Sportlerinnen zu einer solchen Veranstaltung entsenden“, sagt Geschäftsführer Otto Rauert. „Die Chance zur Teilnahme an den Special Olympics ist eine große Sache – auch als persönliches Erlebnis. Als aktiver Fußballer wäre ich gerne selbst mitgefahren.“
Aus dem Landkreis Vechta sind Trainerin Martina Osterhues, Petra Wendt, Rena Meyer, Marlies Pille und Elke Kreymborg in China auf Torejagd. Am Montag, 15. Oktober, werden sie in Vechta zurückerwartet. „Dann gibt es ein großes Willkommensfrühstück“, kündigt Rauert an.
Aber daran denken die Vechtaer Vertreter in Schanghai noch nicht. Trotz der sechs Gegentreffer hat sich die Reise für Meyer und die anderen längst gelohnt. Vor ein paar Tagen haben sie die andere deutsche Nationalmannschaft getroffen, die mit Nadine Angerer und Birgit Prinz und Silke Rottenberg. Die Teilnehmerinnen der Frauenfußball-WM und der Special Olympics gaben sich in Schanghai sozusagen die Klinke in die Hand. Meyer und ihre Mannschaft überreichten den anderen ein Trikot mit allen Unterschriften des Special-Olympics-Teams. Im Gegenzug signierte Silke Rottenberg ein Paar Handschuhe aus ihrer Sporttasche und schenkte einen davon ihrer Torhüterkollegin Meyer. „Toi, toi, toi“, steht darauf. Den anderen Handschuh hat sich Spielführerin Nicola Brings gesichert. Somit sind die Souvenirs gleichmäßig verteilt zwischen den beiden Einrichtungen für geistig behinderte Menschen in Vechta und Mönchengladbach. Zusammen
bilden diese Werkstätten die Frauen-Nationalmannschaft.
Trainerin Martina Osterhues, die die Spielerinnen manchmal Schatzi rufen, glaubt auch nach der Niederlage gegen Russland an ihre Mannschaft. Die habe einen „richtigen Teamgeist entwickelt“. Nach einer Reihe von Klassifizierungspartien spielen Mannschaften mit etwa gleichem Potenzial in ihren Kategorien um die Medaillen. Schließlich solle bei den Spielen „Freude entstehen, kein Frust“, sagt Martina Osterhues.
