Reit Im Winkl - Viele machten es ihm nach, Dettmar Cramer aber war ein Pionier. Als erster großer deutscher Fußballtrainer wagte der spätere Coach von Bayern München in den 1960er-Jahren den Schritt ins Ausland. Was in der globalisierten Sportwelt von heute Normalität ist, war damals ungewöhnlich. Mut und Abenteuerlust aber brachte Cramer, der an diesem Sonnabend seinen 90. Geburtstag feiert, ebenso mit wie die nötige Weltoffenheit.

Bis 1974 arbeitete Cramer für den Weltverband Fifa als Instrukteur und Trainer in rund 70 Ländern, ehe er für wenige Monate US-Nationalcoach wurde und schließlich 1975 für drei Jahre zum FC Bayern ging. Mit den Münchnern gewann er in der Beckenbauer-Ära zweimal den Europapokal der Landesmeister und einmal den Weltpokal. Deutscher Meister wurde er aber nie – auch nicht während späterer Engagements bei Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen. Den Ruf als Weltenbummler bestätigte der pedantisch Arbeitende danach als Nationalcoach Saudi-Arabiens und als Trainer der Olympia-Auswahl Südkoreas.

Cramer konnte sich für neue Kulturen begeistern – auch, um sich Respekt zu verschaffen. Vor seiner Station Ende der 1980er-Jahre in Japan hatte er mit zwei Bleistiften ausgiebig das Stäbchenessen geübt. Tags drauf konnte er Spiegeleier damit zerteilen, die Spieler staunten. Cramer beschränkte sich sein ganzes Leben lang nicht nur auf Fußball, er bildete sich abseits des Rasens fort.

Nichts hasste der nur 1,65 Meter große Cramer – vom früheren Nationaltorhüter Sepp Maier einmal als „laufender Meter“ bezeichnet – mehr als Misserfolge. „So lange besser möglich ist, ist gut nicht genug“, war der Leitspruch des gebürtigen Dortmunders: „Ich habe versucht, es immer noch ein bisschen besser zu machen.“

Beim FC Bayern gibt es zu seinem Geburtstag aus Rücksicht auf die Gesundheit des betagten Ex-Trainers keine größeren Ehrungen. Lediglich die Dettmar Cramer Foundation plant in seinem oberbayerischen Wohnort Reit im Winkl Feierlichkeiten mit Musikkapelle, Geburtstagsgrüßen und Geschenkübergaben.