Bremen - Und jetzt? Wo bei Werder Bremen nach einem Derby-Sieg gemeinhin pure Euphorie herrscht und die Fragen der Journalisten auf die Gefühlswelt gerichtet sind, da schwante den Protagonisten diesmal Unangenehmes. Ist der Fußball-Bundesligist nach dem neunten ungeschlagenen Spiel in Folge mit 23 von 27 möglichen Punkten auf dem besten Weg in die Europa League?

„Unsere Blickrichtung bleibt dieselbe“, sagte Trainer Alexander Nouri und auch Sportchef Frank Baumann gefielen die Gedankenspiele der Medien-Welt überhaupt nicht. „Wir sind weder theoretisch und schon gar nicht praktisch gerettet“, meinte der 41-Jährige – eine nüchterne wie dennoch verständliche Standort-Bestimmung.

Es ist halt eine verrückte Bundesliga-Saison. 39 Punkte und immer noch nicht gerettet, das wäre in den vergangenen Jahren kaum vorstellbar gewesen. „Wenn wir in Ingolstadt gewinnen, dann sollte es das gewesen sein“, sagte Angreifer Max Kruse mit Blick auf das anstehende Auswärtsspiel am Samstag (15.30 Uhr) beim Tabellenvorletzten.

Dass Werder im 106. Nord-Derby mit dem 2:1 (1:1) zum 38. Mal als Sieger den Platz verließ, war besonders Kruse zu verdanken. Den Ausgleich markierte er per Kopf selbst (41. Minute), später passte der 29-Jährige den Ball dann zentimetergenau in den Lauf von Florian Kainz, der das Zuspiel in der 75. Minute zum Sieg-Treffer nutzte. Der Statistik zufolge hätte es für den HSV durch Kruses Einsatz eh nicht zu mehr als einem Remis gereicht – Kruse hat in nun zwölf Bundesliga-Duellen mit dem HSV noch nie verloren.

„Wir waren kämpferisch sowie spielerisch überlegen und sind auch nach dem frühen Rückstand selbstbewusst geblieben. Unser Sieg ist verdient“, sagte Kruse. Mehr wollte er nicht los werden, sondern wie auch Zlatko Junuzovic einen anderen Akteur zu den Journalisten vorschieben. Florian Kainz hatte mit einem strammen Schuss das Weserstadion erbeben lassen und dafür gesorgt, dass die Fans nach Abpfiff „Europapokal, Europapokal“ skandierten. „Das freut mich ex-trem. Das Tor ist ein wunderschönes Gefühl“, sagte Kainz.

Im vergangenen Sommer kam der 24-Jährige für 3,5 Millionen Euro von Rapid Wien. Zu mehr als ein paar Kurz-Einsätzen langte es zunächst nicht. Oft saß der Österreicher nur auf der Tribüne, im Aufschwung Werders aber scheint Kainz zumindest als Joker aufzublühen. Gegen Leipzig (3:0) gelang ihm sein erster Liga-Treffer, dann bereitete er in Frankfurt (2:2) ein Tor vor und nun entschied er das heiße Derby. „Ich habe ja schon mit Rapid einige Wiener Derbys gespielt. Man versucht, die ganze Energie von den Rängen aufzusaugen“, sagte Kainz.

Dank des Blondschopfes aus Graz und Gladbachs 3:5 bei 1899 Hoffenheim ist Werder nun hinter München (27 Punkte) mit 23 Zählern das zweitbeste Rückrunden-Team. Aus der Schießbude wurde ein stabiles Gebilde. „Wir treten als Einheit auf und dieser Zusammenhalt macht uns stark. Der HSV hatte am Ende keinen Plan mehr, wie er gegen uns ein Tor schießt“, sagte Junuzovic. Hat den am Samstag auch Ingolstadt nicht, sind die avisierten 40 Punkte erreicht. Ob Nouri und Baumann dann über die Europa League reden werden?