Hamburg/Bremen - Viktor Skripnik schaute sich den Gruselfilm noch einmal an. Der Trainer von Werder Bremen kratzte sich voller Sorge am Kinn, als er die entscheidenden Szenen des mit 1:2 verlorenen Nordderbys beim Hamburger SV erneut im Fernsehen sah. Der Ukrainer ahnt: Die fahrlässige Chancenverwertung seines Teams wie im Spiel beim ungeliebten Konkurrenten aus Hamburg könnte den Grün-Weißen im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga zum Verhängnis werden.
Dass Werder seine zahlreichen Möglichkeiten „nicht nutzen“ könne, „ist in dieser Saison unsere Krankheit“, sagte Skripnik nach der Pleite in Hamburg. Ausgerechnet die Niederlage beim Erzrivalen lässt die Sorgen in Bremen vor dem Absturz in die 2. Bundesliga – es wäre der zweite nach 1980 – immer größer werden. Dabei war für Werder doch viel mehr drin gewesen. „Hier musst du mindestens ein Unentschieden holen“, sagte ein enttäuschter Sportchef Thomas Eichin.
Doch Bremen ließ nur drei Tage nach dem Aus im Halbfinale des DFB-Pokals gegen Bayern München auch beste Möglichkeiten liegen, HSV-Keeper Jaroslav Drobny wehrte neun der zehn Torschüsse auf seinen Kasten ab, darunter auch einen Strafstoß von Claudio Pizarro (57. Minute). Und so hängt Werder nach den zwei Treffern von Pierre-Michel Lasogga (5. und 32.) weiter auf dem Relegationsrang fest.
Ich bin sauer und enttäuscht“, sagte Kapitän Clemens Fritz nach der historischen Schlappe. Erstmals seit der Saison 1967/68 hat Werder wieder beide Bundesliga-Spiele gegen die Rothosen verloren. „Wir müssen uns den Vorwurf gefallen lassen, dass wir die erste halbe Stunde überhaupt nicht im Spiel waren“, sagte Fritz. Der Treffer von Anthony Ujah (65.) war für Werder viel zu wenig.
Am Ende machten sich die Bremer mit einem Blick in ihren Terminkalender Mut für die kommenden drei Wochen im Abstiegskampf. Im Moment scheint das größte Argument für ein grün-weißes Happyend tatsächlich das Restprogramm zu sein: Werder trifft zu Hause noch auf die direkten Abstiegskonkurrenten VfB Stuttgart und Eintracht Frankfurt, dazwischen geht es zum 1. FC Köln. „Wir müssen positiv gestimmt bleiben, wir können die Gegner schlagen“, sagte Skripnik. Und Torwart Felix Wiedwald meinte: „Wir haben es selbst in der Hand.“ Die nächste Gelegenheit bietet sich am Montag, 2. Mai (20.15 Uhr), wenn die Stuttgarter ins Weserstadion kommen. Da die Polizei am Sonntag, 1. Mai, wegen zu erwartender Demonstrationen ausgelastet ist, wurde die Partie auf den Montag verschoben.
Eine neuerliche Trainerdiskussion wollen die Bremer mit allen Mitteln verhindern. „Er sitzt fest im Sattel“, sagte Marco Bode über Skripnik. Der Aufsichtsrats-Vorsitzende ist weiter fest vom Klassenerhalt überzeugt. „Alles spricht dafür, dass wir eine stabile Mannschaft haben, die in der Lage ist, die nötigen Punkte zu holen“, sagte der ehemalige Nationalspieler. Beim Blick auf die Tabelle mache er sich schon „Sorgen“, sagte Bode: „Aber ich glaube, dass die Mannschaft es schaffen wird.“
Doch dafür muss Werder unbedingt seine Chancen besser nutzen, schließlich ist die Abwehr traditionell löchrig. Gegen den HSV erlebten die Bremer das 34. Bundesliga-Spiel in Serie (Partien aus der Saison 2014/15 mitgerechnet) mit mindestens einem Gegentor. Doch Skrip-nik schöpfte aus dem Horror-Streifen von Hamburg auch Hoffnung: „Wenn die Mannschaft in den nächsten drei Spielen mit so einer Leidenschaft und mit dem Teamgeist spielt, dann können wir die Gegner schlagen.“
