Wolgograd/Lens - Nichts erinnert mehr in der Rue Romuald Pruvost an den 21. Juni 1998. Das Haus mit der Nummer 74 ist abgerissen, der Bürgersteig, auf dem das bisherige Leben von Daniel Nivel zerstört wurde, ist verschwunden. Doch die Erinnerungen an diesen schockierenden Tag in Lens, als bei der WM 1998 deutsche Hooligans den französischen Gendarmen lebensgefährlich verletzten, lebt auch 20 Jahre danach weiter. Sie ist Warnung und Mahnung zugleich.
Sechs Hooligans erhielten Haftstrafen zwischen dreieinhalb und zehn Jahren und sind inzwischen alle wieder frei. Für die Familie Nivel, die die Prozesse (der größte fand in Essen statt) teilweise vor Ort verfolgte, waren die Urteile ein schwacher Trost. „Sie kamen ja wieder aus dem Gefängnis, sie bekamen ihr Leben zurück“, sagte Lorette Nivel: „Daniel haben sie seine Freiheit für immer genommen.“
„Das Schicksal von Daniel Nivel mahnt uns, dass wir jeglicher Form von Gewalt in und außerhalb der Stadien die Rote Karte zeigen müssen“, sagt der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Reinhard Grindel. Daniel Nivel, damals 43 Jahre alt, Vater von zwei Kindern, lag nach der Attacke sechs Wochen im Koma, ist auf dem rechten Auge blind, kann nicht mehr riechen und nicht mehr schmecken. Auch das Sprechen fällt ihm schwer, er hat irreparable Hirnschäden davongetragen.
Der inzwischen 63-Jährige hat keine Erinnerungen mehr an den Überfall. Hunderte deutsche Hooligans waren anlässlich des Gruppenspiels der DFB-Auswahl gegen Jugoslawien nach Lens gereist, deutschlandweit wurde in Szenekreisen zu einem erneuten „Feldzug nach Frankreich“ aufgerufen. Doch eine offenbar geplante Schlägerei mit jugoslawischen Hooligans wurde durch die französische Polizei vereitelt. Nivel und zwei Kollegen taten zu diesem Zeitpunkt Dienst in einer Seitenstraße, am Morgen des Tages, so erzählte es seine Frau Lorette Nivel in einer NDR-Dokumentation, habe sie ihren Mann noch ganz gewöhnlich verabschiedet. „Pass auf dich auch“, habe sie noch gesagt.
Doch später am Tag passierte eine Gruppe alkoholisierter deutscher Schläger die Rue Romuald Pruvost und ging auf die kleine Gruppe Polizisten los. Zwei Kollegen Nivels konnten fliehen, er nicht. Mit Fäusten, einem Gewehraufsatz aus Metall und sogar einem Reklameschild prügelten und traten sie zwei Minuten lang auf Nivel ein. Die Bilder, die Nivel auf dem Bürgersteig in seinem Blut liegend zeigten, machen auch 20 Jahre danach noch immer betroffen, ratlos – sie verstören.
Deutschland und Frankreich standen nach der Tat unter Schock. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl nannte die Täter eine „Schande für unser Land“, der damalige DFB-Präsident Egidius Braun erwog, das deutsche Team von der WM zurückzuziehen.
„Lennart Johansson (damaliger Uefa-Präsident, d. Red.) und auch Helmut Kohl überzeugten mich, dass das nicht der richtige Weg gewesen wäre. Die Gewalttäter hätten über den Sport obsiegt“, sagte Braun später: „Der Überfall auf Daniel Nivel war ein fürchterliches Verbrechen.“
Die deutsche Bevölkerung half mit Spenden, der DFB gründete die Daniel-Nivel-Stiftung, die sich bis heute unter anderem um Gewaltprävention kümmert. Der Verband versprach, sich auf unbefristete Zeit um die Familie zu kümmern. Mehrmals war Nivel auf Einladung Gast des DFB bei Fußballspielen – auch bei der EM vor zwei Jahren in Frankreich.
