Ganderkesee - Alexandra Merzan ist 35 Jahre alt und hat in ihrem jungen Leben schon so einiges erlebt, denn sie musste schwere Zeiten überstehen. Gerade ihr letzter Satz unseres Gesprächs hat mich beeindruckt: „Ich musste etwas tun, es war meine letzte Chance!“ Alexandra hat diese Chance genutzt.

Alexandra Meyer, so ihr Mädchenname, hat die ersten acht Jahre ihres Lebens in Delmenhorst verbracht. Ihre Eltern hatten in Bookholzberg ein Eigenheim gebaut, 1991 ging es von Delmenhorst in die Gemeinde Ganderkesee. Beim TSV Grüppenbühren spielte sie Handball. Alexandra liebt die Geschwindigkeit: Als sie mit 16 Jahren den Führerschein in der Tasche hatte, legte sie sich auch gleich ein Motorrad zu. Einmal übersah ein Auto die flotte Fahrerin, und Alexandra machte einen Salto über den Lenker. Sie kam mit einigen Blessuren davon, doch das geliebte Motorrad hatte einen Totalschaden. Damit war das Motorradfahren erst einmal vorbei.

In Bookholzberg machte Alexandra ihren Realschulabschluss. „Ich wusste nicht, was ich beruflich machen wollte“, erinnert sie sich. Ihre Eltern wollten gerne eine Beamtin aus ihr machen und schickten sie aufs Wirtschaftsgymnasium nach Delmenhorst. „Das war nicht so meins“, erzählt Alexandra. Ihr Notendurschnitt ging steil bergab, und es kam, wie es kommen musste: Sie verließ das Gymnasium ohne Abschluss. Als sie dann noch mit gerade 20 Jahren ihren Freund heiratete, zerbrach der Kontakt zwischen Eltern und Tochter. Ihr junger Ehemann, der aus Serbien stammt, arbeitete als Hilfskoch, und Alexandra verdiente sich ihr Geld in einer Delmenhorster Videothek. Dann vergrößerten die beiden Söhne Jason (12) und Kevin (10) die Familie. Die junge Ehe geriet in eine große Krise. Immer wieder mischte sich die Familie ihres Ehemannes ein. „Es war eine harte Zeit, und irgendwann kam der Punkt, wo es nicht mehr ging“, erzählt Alexandra. Sie nahm ihre beiden Kinder und trennte sich von ihrem Mann.

Nun war sie ganz alleine auf sich gestellt. Sie fand eine kleine Wohnung in Schierbrok und lebte von Hartz IV. Von ihrem Ex-Mann konnte sie keine Unterstützung erwarten. Dann bekam sie Nachricht vom Jobcenter: „Sie müssen was tun, sonst müssen wir ihre Bezüge streichen!“ Sie sollte für den Beruf der Bürokommunikationskauffrau fit gemacht werden. Da sie kein Auto hatte, musste sie mit dem Zug von Schierbrok nach Bookholzberg fahren. Von dort aus wurde sie nach Steinkimmen gebracht, wo die Fortbildung stattfand. „Dort habe ich immer nur Blätter abgeheftet“, erzählt Alexandra. Durch eine Freundin konnte sie aushilfsweise als Friedhofsgärtnerin bei „Blumen Kessler“ anfangen. Die Arbeit an der frischen Luft machte ihr Spaß: „Dieses Glücksgefühl hatte ich so lange Zeit vermisst.“ Leider war dort eine Ausbildung nicht möglich. Doch dann entdeckte sie in der Zeitung eine Anzeige von Garten- und Landschaftsbau Kreye: „Auszubildende gesucht“. Hatte eine Bewerbung überhaupt einen Sinn, fragte sich Alexandra. Alleinerziehende Mutter, schon über 30 Jahre alt, und ihr bisheriger Lebenslauf war auch alles andere als optimal. „Mehr als Nein sagen können sie nicht“, sagte sie sich.

In ihrem Praktikum zeigte sie, dass sie anpacken kann – und so war der 1. August 2014 ihr erster Ausbildungstag. Alexandra war klar: „Diese Chance musst du nutzen.“ Im ersten Ausbildungsjahr besuchte sie an drei Tagen in der Woche die Berufsfachschule, die sie mit einem Notendurchschnitt von 1,1 abschloss. Auch privat lief es wieder besser. Sie hatte sich wieder mit ihren Eltern versöhnt und die unterstützten ihre Tochter tatkräftig. Trotzdem war es alles andere als einfach. Acht Stunden arbeiten, und dann warteten Kinder und Haushalt. „Gerade die ersten Wochen haben an meinen Kräften gezehrt“, gesteht Alexandra. Doch sie wollte es schaffen. Zusammen mit ihrem Kollegen Christian Leemhuis nahm sie am Landschaftsgärtner-Cup 2017 teil. Unter 54 Auszubildenden aus ganz Niedersachsen konnten die beiden den zweiten Platz erringen. Damit aber noch nicht genug: Ihre Abschlussprüfung beendete Alexandra als eine der besten im Ausbildungsbereich Oldenburg-Aurich. Vom Bundesverband Garten-Landschaftsbau bekam sie eine Förderung zugesprochen. Sie ist damit eine von „nur“ drei Auszubildenden in ganz Deutschland.

Nun macht Alexandra Merzan ihren nächsten Schritt: In Kürze wechselt sie den Betrieb. „Ich möchte ganz einfach mein Wissen erweitern und neue betriebliche Erfahrung sammeln“, begründet sie ihre Entscheidung. Auch privat hat sie mit Eric, den sie in der Berufsschule kennengelernt hat, wieder ihr Glück gefunden. „Es bieten sich immer Chancen und die sollte man nutzen, auch wenn der Weg dorthin hart und steinig ist“, rät Alexandra.

Alexandra Merzan, Landschaftsgärtnerin und Preisträgerin des Bildungspreises „GaLa-Bau-Helden“