Ganderkesee/Landkreis - Ende vergangenen Jahres sorgte eine Zahl für Aufsehen: Seit 2007 sind laut Bundesregierung in Deutschland rund 190 000 Menschen an Krankheiten gestorben, gegen die geimpft werden kann. Darunter allein 280 Personen an den Spätfolgen der Masern. Das Problem der Impflücken beschäftigt auch das Gesundheitsamt des Landkreises.

Bereits im Oktober 2016 hatte Dr. Matthias Peiler, Kinder- und Jugendarzt beim Gesundheitsamt, in einem NWZ-Bericht die Impfsituation gerade bei Kindern im Landkreis Oldenburg bemängelt. 11,9 Prozent der Schulanfänger hatten damals laut Peiler überhaupt keinen Impfausweis und nur 78,6 Prozent der Schulanfänger seien vollständig gegen Masern geimpft gewesen. „Wir nutzen deswegen alle Zugangsmöglichkeiten zu Familien, die wir haben“, betont Matthias Peiler. Vor allem Menschen mit Migrationshintergrund seien hier relevant. „Das liegt aber nicht daran, dass sie nicht geimpft werden wollen“, betont Peiler. Vielmehr sei es Unwissenheit, die zu Impflücken führe. In anderen Ländern sei das Impfsystem noch nicht so ausgebaut oder es sei zu teuer. „Dass das hier in Deutschland anders ist, muss man auch erst vermitteln.“

Deswegen führt das Gesundheitsamt regelmäßig Info-Aktionen an Kindergärten und Schulen in Ganderkesee und im Landkreis durch. „Wir informieren beispielsweise alle Sechstklässler über Infektionswege.“ Das komme bei den Schülern auch immer gut an. „Und es hilft, die Alltagshygiene zu verbessern.“ Es werden aber auch gezielte Gespräche, zum Beispiel mit Familien, geführt. Das Ziel ist dabei stets, die Menschen ins Hausarzt-System zu bringen, denn: „Wer regelmäßig beim Hausarzt ist, ist in der Regel bestens versorgt.“ Dies betreffe vor allem Kinder.

„Wir dürfen aber auch junge Erwachsene und Senioren nicht aus dem Blick verlieren“, betont Peiler. So sei es zum Beispiel schwierig, den Infektionsschutz bei Arbeitsmigranten, die nur eine kurze Zeit in Deutschland sind, zu gewährleisten. Gerade bei Masern sei dies ein Problem, allerdings ein bekanntes. Das „European Centre for Disease Prevention and Control“ (ECDC, „Europäisches Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten“) hat jüngst darauf hingewiesen: Im vergangenen Jahr gehörte Deutschland zu den Top 3 der europäischen Länder mit den meisten Masernfällen. 904 waren es in der Bundesrepublik, auf Platz 1 lag Rumänien (7977 Fälle), auf Platz 2 Italien (4854).

Problematisch seien bei Senioren und Erwachsenen aber auch andere Erreger und Krankheiten wie Pneumokokken oder Keuchhusten. „Viele Impfungen müssen alle zehn Jahre aufgefrischt werden“, erklärt Peiler. Etwas, was viele Erwachsene vergessen. „Da kommt es dann zu Impflücken, die gefährlich werden können.“ Man dürfe nicht vergessen, dass die Situation durch Migration in verschiedenen Formen eine andere sei als noch vor einigen Jahren: „Wir sind Krankheiten in einer ganz anderen Art ausgesetzt“, so der Fachmann. Und auch Erreger wie Meningokokken kämen wieder häufiger vor. Daher sei es wichtig, Impflücken zu vermeiden, um die Ausbreitung von Krankheiten wie Masern oder Röteln zu verhindern. „Das funktioniert natürlich nur, wenn möglichst viele Menschen ausreichend geimpft sind.“

Die Eliminierung von Krankheiten bleibe daher ein Thema, an dem man immer weiter arbeiten müsse. „Während die Kinderlähmung schon fast auf der ganzen Welt verschwunden ist, gibt es bei anderen Krankheiten noch mehr zu tun.“

Sollte der eigene Impfstatus unklar sein, zum Beispiel weil der Impfausweis nicht mehr auffindbar ist, empfiehlt Peiler, den früheren Hausarzt zu kontaktieren. „Der kann eine Kopie ausstellen.“