Hengsterholz - Vor vielen Jahren gab es ihn noch, den sogenannten „guten alten Bauernhof“ mit Kühen auf der Weide, glücklichen Hühnern und Schweinen, die sich im Dreck suhlen konnten. So einen Bauernhof wie ihn sich einige Städter heute noch ausmalen, hatte Familie Moorschlatt in Hengsterholz. „Wenn andere Kinder im Freibad waren, musste ich bei der Heu- oder Strohernte helfen“, erzählt Heiko Moorschlatt (48). „Das war für uns selbstverständlich.“

Genossen hat Heiko in seiner Kinder- und Jugendzeit das Dorfleben. Mit den Nachbarskindern wurde gespielt, auf dem Sportplatz gebolzt und schon früh war man Mitglied in den örtlichen Vereinen. Im Schützenverein konnte Heiko im Laufe der Jahre einige Königstitel erringen, den letzten vor drei Jahren. Aber nicht nur das: Der TSV Hengsterholz-Havekost hat eine sehr erfolgreiche Tischtennisabteilung und hier ist Heiko Moorschlatt bis heute aktiv. Er spielt mit seiner Altersgruppe in der Kreisliga.

Denkt Heiko an seine Schulzeit zurück, so war er ein ganz guter Schüler, aber statt auf der Schulbank hätte er die Zeit viel lieber mit Freunden oder auf dem Trecker verbracht. Dass er einmal den Hof seiner Eltern übernehmen würde, das war für Heiko immer klar.

Nach seinem Realschulabschluss begann er zunächst ein Berufsgrundbildungsjahr. Da sein Vater Dietrich Moorschlatt gesundheitlich etwas angeschlagen war, absolvierte Heiko sein zweites Ausbildungsjahr auf dem elterlichen Hof. Im dritten Jahr ging es auf den Betrieb von Cord Bredendiek in Bookhorn.

Auf dieses Jahr blickt Heiko immer wieder gerne zurück. Schwer wurde es nur, wenn er nach einer langen Feier morgens früh die Kühe melken musste. „Da wurde man schnell wieder nüchtern“, sagt Heiko lächelnd. Die zweijährige Fachschule in Sulingen schloss er als Staatlich geprüfter Landwirtschaftsleiter ab.

Dass Heiko „Fit wie ein Turnschuh“ war, wurde bei der Musterung festgestellt. Die Einberufung zum Luftwaffenausbildungsregiment in Essen/Westfalen lag schon auf dem Tisch. Parallel hatte Dietrich Moorschlatt seinem Sohn angeboten, den Hof zum 1. Juli 1993 zu übernehmen. Da ein Betriebsleiter nicht eingezogen wurde, musste die Bundeswehr auf die Dienste von Heiko Moorschlatt verzichten. „Vielleicht wäre ich da zum leidenschaftlichen Fallschirmspringer geworden.“

Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit: Heiko musste erkennen, dass der Strukturwandel auch die Landwirtschaft erreicht hatte. Landwirte mit kleinen Höfen hatten es schwer. Wie viele andere Landwirte konzentrierte sich auch Heiko auf einen Betriebszweig: die Kartoffel. Schon seine Großeltern bauten die Erdäpfel an und lieferten sie ihren Kunden frei Haus. Sein Vater Dietrich setzte die Tradition fort und verkaufte auch auf Wochenmärkten.

Dietrich Moorschlatt wird auch liebevoll „Kartoffelkönig“ genannt, weil er wirklich alles über die Kartoffel weiß und in seinen besten Zeiten über 200 verschiedene Sorten anbaute. „Ich bin mit der Kartoffel aufgewachsen und war schon als Kind mit meinem Vater auf den Wochenmärkten in Delmenhorst und Wildeshausen“, erinnert sich Heiko. Dort war er auch um einen Spruch nie verlegen. Gerne sagte er zu den Kunden: „Hier gibt es das Pfund zum halben Kilopreis!“

Heiko hat heute etwas mehr als 20 Kartoffelsorten im Sortiment und ist mit seinem Verkaufsstand an vier Tagen in der Woche unterwegs. An Wochenmarkt-Tagen klingelt morgens um 4 Uhr der Wecker, um 5.30 Uhr ist er mit seinem Verkaufswagen und einem Mitarbeiter auf dem Markt. „Mir macht der direkte Kontakt mit den Kunden sehr viel Spaß. Trotzdem bin ich froh, wenn ich am Nachmittag auf meinem Trecker sitzen kann und einmal nicht so viel reden muss“, erzählt Heiko Moorschlatt. Keinen Spaß macht ihm die Büroarbeit, die in seinen Augen immer mehr wird. „Die Bürokratie frisst uns noch auf.“

Die letzten Monate waren für Heiko nicht zum Lachen. „Durch die enorme Hitze und den wenigen Regen wird unsere Ernte wohl um ein Drittel geringer ausfallen als in den vergangenen Jahren.“ Trotzdem hat Heiko die Entscheidung, auf die Kartoffel zu setzen, nie bereut.

Große Unterstützung findet er auch in seiner Familie. Seine Ehefrau Insa kommt aus dem Nachbarort und sie kennen sich schon seit Kindertagen. Beide spielten Tischtennis und hier ist man sich auch nähergekommen. Seit genau 20 Jahren sind beide verheiratet und ihr ganzer Stolz sind ihre Söhne Marcel (18) und Marco (14). Marcel setzt die Familientradition fort und macht gerade eine Ausbildung zum Landwirt.

Ein langer Urlaub war für Familie Moorschlatt zeitlich nicht drin, denn wie heißt es bei den Selbstständigen: „selbst“ und „ständig“.

Heiko Moorschlatt, Kartoffelbauer aus Hengsterholz