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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Gemeinden Ganderkesee

„Desorientierte Menschen sehen Dinge anders“

06.08.2018
Frage: Frau Tegeler, Sie sind Lehrerin und Master für Validation und arbeiten mit dementiell erkrankten Menschen. Was bedeutet eigentlich „Validation“?
Tegeler: Die Validation ist eine Kommunikationsmethode, bei der es gewissermaßen darum geht, sich in die Schuhe des anderen zu stellen und einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Dahinter steht der Wunsch, zu sehen und zu fühlen, was der andere empfindet. Desorientierte Menschen sehen und empfinden Dinge anders als Orientierte. Wenn ich mit einem desorientierten Menschen spreche, frage ich mich nicht, ob es wahr oder unwahr ist, was er erzählt, sondern lasse es wie es ist.
Frage: Das heißt, man lügt das Gegenüber an?

Demenzielle Erkrankungen nehmen stetig zu. Immer größere Bedeutung erlangen daher Mittel und Wege, die Lebensqualität von Erkrankten und Pflegenden zu verbessern. Ein wirkungsvolles Hilfsmittel stellt die Biografiearbeit dar, die Heidrun Tegeler (Dipl.-Sozialpädagogin und Lehrerin und Master für Validation nach Naomi Feil) in der Vortragsreihe des Ganderkeseer Seniorenbeirats erläutern wird.

Der Vortrag findet am Donnerstag, 9. August, 19 Uhr, im Alten Rathaus, Rathausstraße 24 in Ganderkesee, statt. Er ist kostenfrei, eine Anmeldung unter Telefon 04222/4 44 44  ist jedoch unbedingt erforderlich.

Tegeler: Nein, das heißt es nicht. Ich lüge nicht. Vielmehr versuche ich, auf der emotionalen Ebene mit dem anderen zu sprechen. Wenn jemand beispielsweise erzählt, regelmäßig mit seiner verstorbenen Frau im Auto zu fahren, dann ist das seine Wahrheit. Die zweifle ich nicht an. Ich sage dann so etwas wie: „Sie vermissen Ihre Frau sehr, oder? Was vermissen Sie denn an ihr?“.
Frage: Bei welcher Art von Demenz kommt die Biografiearbeit zum Einsatz?
Tegeler: Davon profitieren vor allem Menschen mit der Demenz vom Alzheimer-Typ. Dieser bricht im hohen Alter aus und nimmt einen schleichenden Verlauf. Davon zu unterscheiden ist die Alzheimer-Krankheit. Sie tritt bereits zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr auf und entwickelt sich sprunghaft, weil es sich um eine Nervenerkrankung handelt. Beim Alzheimer-Typ hingegen sprechen wir nicht von Krankheit, sondern von Altheit. In diesem Fall gibt es noch schlafende Neuronen, die wieder geweckt werden können. Das ist bei der Alzheimer-Krankheit nicht der Fall.
Frage: Wie funktioniert die Biografiearbeit?
Tegeler: Man versucht dabei, Zusammenhänge zwischen dem Leben eines Menschen und seinem Verhalten herzustellen. Physische, psychische und soziale Aspekte können Menschen aus dem Gleichgewicht werfen – vor allem, wenn sie in Kombination auftreten. Über Gespräche mit den Betroffenen und mit Angehörigen versuche ich, mir ein Bild von der Biografie eines Menschen zu machen. Wenn jemand noch in der Lage ist, zu sprechen, kann ich ihn fragen, wie es früher war.
Frage: Wer nimmt Ihre Unterstützung in Anspruch?
Tegeler: Oft sind es Angehörige, die sagen: „Ich werde mit der Situation nicht mehr fertig“. Je mehr biografische Informationen ich habe, desto leichter wird es, zu helfen. Ich schule auch die Angehörigen. Viele wissen nicht, dass die Kosten dafür sogar von den Pflegekassen übernommen werden.
Frage: Wen wollen Sie mit Ihrem Vortrag ansprechen?
Tegeler: Angehörige und auch die interessierte Öffentlichkeit. Ich glaube, dass wir alle in diesem Punkt eine soziale Aufgabe haben, zu schauen, wie desorientierte Menschen leben. Das Wort „Demenz“ bedeutet ja so etwas wie „weg vom Geist“. Ich spreche daher lieber von desorientierten Menschen. Sie sind zwar eingeschränkte, aber keine geistlosen Menschen. Ich profitiere und lerne viel von ihnen.
Karoline Schulz
Redakteurin, Agentur Schelling
Redaktion Ganderkesee
Tel:
04222 8077 2745
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