Ganderkesee/Landkreis - Essstörungen, Depressionen, Ängste und Selbstmordgedanken: In der Corona-Pandemie ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen gestiegen. Schon vorher erkrankten nach einer Auswertung der Psychotherapeutenkammer fast 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen innerhalb eines Jahres an einer psychischen Störung. Hinter den Zahlen stehen viele junge Menschen mit ernsten Problemen und Familien, die durch die Situation extrem belastet sind.
Warum gibt es keine Selbsthilfegruppe ?
Doch Eltern von betroffenen Kindern und Jugendlichen sind oft auf sich allein gestellt mit ihren Fragen und Sorgen. Das ist die Erfahrung von Müttern, die sich seit einem Jahr regelmäßig in einer Selbsthilfegruppe treffen. Eine Mutter aus dem Landkreis Oldenburg hatte die Idee für die Gruppe. Es gebe Selbsthilfegruppen für Angehörige oder Kinder von psychisch kranken Erwachsenen, sagt sie. Anlaufstellen für Eltern von Kindern mit psychischen Störungen dagegen habe sie nicht gefunden. Die Frau, die anonym bleiben möchte, hat eine Erklärung für diese Situation: „Sich einzugestehen, dass mein Kind psychisch krank ist, ist sehr belastend.“ Auch sei damit eine starke Stigmatisierung durch die Gesellschaft verbunden. Die Mutter wandte sich an die Selbsthilfekontaktstelle in Wildeshausen und rief selbst eine Gruppe ins Leben. Unter dem Motto „Eltern.gemeinsam.stark“ sind weitere Betroffene willkommen.
Welche Probleme haben die Eltern ?
Zurzeit gehören vier Mütter von Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Selbsthilfegruppe an. An jedem ersten Donnerstag im Monat treffen sie sich von 18 bis 19.30 Uhr in der Gemeinde Ganderkesee. Die psychischen Störungen von Kindern und Jugendlichen können vielfältig sein: Essstörungen, Depressionen und Schizophrenie zählen nach Angaben der Mütter ebenso dazu wie Sucht, selbstverletzendes Verhalten und ADHS.
Der Kontakt zur Selbsthilfegruppe „Eltern.gemeinsam.stark“ läuft über die Selbsthilfekontaktstelle des Landkreises Oldenburg in Wildeshausen. Ansprechpartnerin Irma Hamann ermutigt Eltern, sich bei Interesse an der Selbsthilfegruppe zu melden. Doch gerade bei psychischen Erkrankungen sei die Hemmschwelle hoch, hat sie festgestellt.
Die Selbsthilfekontaktstelle ist unter der Telefonnummer 04431/7097585 zu erreichen. Auch per Mail an selbsthilfekontaktstelle@mischmit.de können Interessierte sich melden.
Die Frauen aus der Gruppe haben die Erfahrung gemacht, dass es ein langer Weg sein kann, bis eine psychische Erkrankung von Kinder- oder Hausärzten erkannt wird. Bis zum ersten Suizidversuch habe es in ihrer Familie gedauert, berichtet eine der Frauen. Die Mütter haben auch festgestellt, dass sie von Ärzten und Therapeuten bei der Behandlung ihrer heranwachsenenden Kinder oft nicht „mitgenommen“ werden. Häufig kommt es ihrer Erfahrung nach außerdem vor, dass die Ursache für die psychische Störung des Kindes allein in der Familie gesucht werde. Doch auch Mobbing in der Schule und in den sozialen Netzwerken sowie die Anforderungen in einem veralteten Schulsystem könnten Gründe sein.
Was bietet die Selbsthilfegruppe ?
Die Frauen aus der Selbsthilfegruppe plädieren für einen offenen Umgang mit den Problemen und Sorgen. In der Gruppe ist das möglich. Dort müsse keine Fassade aufrecht erhalten werden: „Wenn mir etwas auf der Seele liegt, kann ich es erzählen“, sagt eine der Frauen. „Wir treffen uns auf Augenhöhe.“ Doch es gehe nicht darum, nur im Negativen hängenzubleiben, sondern etwas Positives aus den Treffen zu ziehen. Der Austausch stehe im Mittelpunkt. „Wir haben schon eine Menge an Informationen zusammengetragen, die einem keiner erzählt“, sagt die Gründerin der Gruppe.
Langfristig sind auch Themenabende mit Vorträgen von Expertinnen und Experten sowie gemeinsame Unternehmungen geplant. Teilnehmen können nicht nur Eltern, sondern auch Großeltern und andere Angehörige von Betroffenen. Interessierte können sich an die Selbsthilfekontaktstelle in Wildeshausen wenden (siehe Infobox).
