Herr Fingerhut, müssen Sie als Schiedsmann derzeit mehr Fälle als früher bearbeiten?
FingerhutNein. Wenn die Zahlen für den Landkreis stimmen, trifft das zumindest in Ganderkesee nicht zu. Vor zwei Jahren hatten wir mehr Zulauf, aber aktuell kann ich nicht bestätigen, dass die Streitkultur in der Gemeinde zugenommen hat. Ich weiß auch von Kollegen aus Delmenhorst, dass es da keine extreme Zunahme gibt.
Wie oft müssen Sie denn im Jahr tätig werden?
FingerhutIch hatte dieses Jahr bislang zwölf Fälle, die ich zu bearbeiten hatte. 2018 waren es zehn, 2017 waren es 20 Fälle.
Gibt es Fälle, die vielleicht an Ihnen vorbeigehen?
FingerhutSeit 2010 ist es vorgeschrieben, dass Nachbarschaftsangelegenheiten bis zu einem Streitwert von 5000 Euro von dem Schiedswesen verhandelt werden. Die Gerichte weisen entsprechende Klagen direkt ab, wenn nicht eine Sühneversuch unternommen wurde, und die Leute bleiben auf ihren Kosten sitzen.
Wie oft kann ein Streit von Ihnen erfolgreich geschlichtet werden?
Alle zwei Jahre bringt der Rechtsschutzversicherer Advocard einen Streitatlas mit bundesweiten Zahlen heraus.
Im Landkreis Oldenburg wurden 32,4 Streitfälle pro 100 Einwohnern in 2018 registriert. 75,7 Prozent der Streitwerte lagen im Bereich bis 2000 Euro; die Sache war zu 43,8 % Privat, zu 31,3 % Verkehr, Wohnen zu 11,6 %. 40,1 % der Streitfälle dauerten länger als zwölf Monate an.
2015 verzeichnete der Streitatlas 25 Streitfälle im Landkreis pro 100 Einwohner; 29,8 % für 2017.
FingerhutDie Erfolgsquote liegt bei ungefähr 85 Prozent, das ist schon ganz gut. Ich sage auch zu Anwälten, wenn ich einen Fall habe, dass die mir die Betroffenen schicken sollen, damit ich mir ein persönliches Bild machen kann. Sollte es nicht zu einer Einigung kommen, gibt es dann eine Erfolglosigkeitsbescheinigung, mit der der Antragsteller dann zum Gericht gehen kann.
Wie bekannt ist das Schiedswesen bei Menschen, die vor Gericht gehen wollen?
FingerhutWir stellen immer wieder fest, dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung informiert ist, was das Schiedswesen ist. Das merke ich auch immer beim Ausfüllen von Formularen. Ein Antragsteller ist der Auftraggeber eines Schiedsverfahrens und da muss ich auch immer versuchen, ein gewisses Fingerspitzengefühl für eine Einigung zu vermitteln. Wenn sich Antragssteller und Antragsgegner gegenseitig beschimpfen, bringt es ja nichts.
Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Sie in Ganderkesee nur vergleichsweise wenige Fälle haben?
FingerhutAnfragen erreichen uns eher aus engen Wohnstrukturen wie im Ganderkeseeer Ort oder Bookholzberg. In den umliegenden Ortschaften kommt das kaum vor. Die älteren Leute auf dem Land haben untereinander eine andere Wertschätzung als jüngere Leute, die einander oft nicht kennen. Die Nachbarschaft ist im ländlichen Bereich das höchste Gut, dass Menschen eher pflegen
