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NWZonline.de Region

Eva Eberwein: „Jeder Gärtner hat eine Stimme“

09.06.2017

Gaienhofen Am Bodensee Mitten im prachtvollen Rosengarten hinterm Haus – mit einem historischen Exemplar von über 100 Jahren – steht ein schlichter Holzstuhl. Wer hier unter der betagten Esskastanie Platz nimmt und den einzigartigen Ausblick zwischen den üppig wachsenden Pflanzen hindurch auf den Bodensee genießt, darf sich entspannt zurücklehnen – und sich zurückversetzt fühlen in die Zeit zwischen 1907 bis 1912. Genau in diesem fünf Jahren plante und gestaltete Hermann Hesse (1877-1962), einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller, das Areal um seine stattliche, selbst erbaute Landhaus-Villa im Stil der Lebensreform. Allerdings genoss Hesse damals noch einen fantastischen Rundblick auf den Bodensee und die Schweiz; heute finden sich durch die Bebauung des unteren Gartens im Jahr 1992 nur noch kleine, dafür umso wertvollere Lücken.

Mit seinem großen Selbstversorger-Garten, den er mit Skizzen akribisch konzipierte und eigenhändig anlegte, ernährte Hesse, der übrigens Vegetarier war, zugleich seine Familie mit drei Kindern. Eher untypisch, aber offenbar erfolgreich erntete er hauptsächlich im großen Nordgarten, während im – später durch Clara Auffermann (1912-1920) vor allem mit Kräutern erweiterten – üppigen Südgarten damals wie heute alte Blumen- und Nutzpflanzensorten mit überbordenden Staudenbeeten (u.a. 40 Jahre alten Iris-Sorten) den Jahresrhythmus bestimmen.

Dass dieses historische, mittlerweile denkmalgeschütztes Erbe überhaupt noch existiert und dazu in dieser nahezu ursprünglichen Form, ist Eva Eberwein zu verdanken. Als die Diplom-Biologin davon erfuhr, dass das Hesse-Haus im Jahr 2003 abgerissen und das gesamte Gelände überbaut werden sollte, kaufte sie kurzerhand das mittlerweile völlig verwilderte Areal mit dem Hesse-Haus. Sie stöberte intensiv in Archiven und machte sich kundig, wie sie den Hesse-Garten wiederherstellen könnte.

Fünf Jahre benötigte die Hesse-Verehrerin, um diesen einmaligen historischen Ort zu neuem Leben zu erwecken – genauso lange, wie Hermann Hesse benötigt hatte, um ihn auf dem ehemaligen Wiesengrund anzulegen. Aber nicht nur das: Ihr ist es dank tiefgründiger Recherchen, die sie noch heute betreibt, im Haus und Garten gelungen, charakteristische Räume zu schaffen, an dem sie den Geist Hermann Hesses wieder spürbar werden lässt.

Sehr zugute kam ihr, dass Hesse sein Gartenkonzept auf Skizzen genau festgehalten hatte: „Seit 2003 stecke ich hier meine Hände in die Erde wie Hermann Hesse das vor über 100 Jahren getan hat“, erklärt die fröhliche Expertin ihren Gästen, die sie immer wieder gerne zu Führungen auf dem Privatgrundstück einlädt und die Gartengeschichte lebendig werden lässt. Als Gründerin des Hermann-Hesse-Fördervereins ist es Eva Eberwein wichtig, die überlieferten Traditionen und Werte, das Wissen und Werk von Hesse weiterzugeben. „Es heißt, in den fünf Jahren, in denen Hesse seinen ersten und einzigen Garten angelegt und gepflegt habe, wäre er mehr im Garten als am Schreibtisch gewesen“, so Eberwein. „Nur er entschied, was angebaut wurde“, weiß sie, „seine Frau durfte die Früchte ernten. Sein Garten inspirierte Hesse dermaßen, dass er 1908 ein weiteres Grundstück dazu kaufte, auf dem er zahlreiche Obstbäume kultivierte.

Ein großes Anliegen im Hesse-Garten damals wie heute ist es, die Jahreszeiten erlebbar zu machen. Hier finden sich gleichermaßen Laub abwerfende Bäume wie prachtvolle Blumen mit knalligen Farben. Über 100 Dahlien soll Hesse zur Blüte verholfen haben, er liebte auch besonders Phlox und den Duft der Rosen. Als Hesse dennoch seinen geliebten Garten und auch diesen Ort als Wohnsitz nach fünf Jahren aufgab und nach Bern zog, wohl auch um seine bürgerliche Existenz zu sichern, verkaufte er Haus und Hof wohlüberlegt an eine Gärtnermeisterin – in der Hoffnung, sein wunderbares Gartenreich nach so mühevoller Arbeit in guten Händen zu wissen. Die längste Zeit allerdings bewohnte ihr Nachfolger, der Dresdner Maler Walter Waentig das Grundstück (1920-1962/bis 2003 Witwe Lenore), der ornithologisch interessiert mehr Bäume anpflanzte. „Alle Gärtner haben in diesem Garten ihre Handschrift hinterlassen“, erklärt Eva Eberwein.

Hermann-Hesse-Haus

Lebensart, Gartenweisheit und Kräuterkunstfinden sich in üppiger Vielfalt im Hermann-Hesse-Haus und -Garten am Bodensee, die unter Denkmalschutz stehen. Eva Eberwein, die in ihrer Kindheit viel Zeit bei der Verwandtschaft in Gaienhofen verbrachte, ist mit dem Erbe von Hermann Hesse leidenschaftlich verbandelt. Mit ungeheurem Forscherdrang sorgt die im Rheinland geborene Diplom-Biologin von 2003 bis heute für ein faszinierendes Wissen und einen prachtvollen Garten auf den Spuren des berühmten Literaten. Allerdings trägt das Areal auch durch die Nachfolger viele Handschriften. „Jeder Gärtner hat eine Stimme und die gehört auch erhalten“, weiß Eva Eberwein die dynamische Charakteristik von Hesse, Auffermann und Waentig in gekonnten Nuancen zu erhalten und mit ihrer eigenen Garten-Stimme zu prägen.

Zahlen, Daten, Fakten

SAISON:14. April bis 8. Oktober 2017
ÖFFNUNGSZEITEN: zu den Veranstaltungen oder nach individueller Absprache; Anmeldungen erforderlich unter anmeldung@hermann-hesse-haus.de
EINTRITT: 8 Euro bei Führungen
LAGE: Hermann-Hesse-Weg 2, 78343 Gaienhofen
INFOTELEFON: 07735 / 440653
WEBSEITE: www.hermann-hesse-haus.de
VERANSTALTUNGEN: regelmäßige Gartenführungen, Hausführungen, Abenderlebnisse, Führungen über das Leben von Mia Hesse, zum Einfluss der reformierten Lebensart um 1900 und zur Bildkunst im Haus Hesse, Wildkräutererkundungen mit Zubereitung und Verkostung
VORTRÄGE: Eigentümerin Eva Eberwein bietet für Gruppen, Vereine, Museen etc. Vorträge mit verschiedenen Inhalten rund um das Hermann-Hesse-Haus und den Garten an. Bevorzugt in der Zeit zwischen 1. November 2017 bis 30. März 2018
LITERATUR: Eva Eberwein, Der Garten von Hermann Hesse, Von der Wiederentdeckung einer verlorenen Welt, Deutsche Verlags-Anstalt (2015)

Swantje Sagcob Redakteurin / Sonderthemen Redaktion
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