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NWZonline.de Region

Gartenbaukunst im baumlosen Land

21.05.2011

NORDEN Folkert Fischer genügt ein kurzer Blick, um die Libanon-Zeder (Cedrus libani) von der Atlas-Zeder (Cedrus atlantica), die Persische Eiche (Quercus macranthera) von der Japanischen Eiche (Quercus dentana) zu unterscheiden. Über 150 exotische und heimische Pflanzenarten wachsen im etwa 30 Hektar großen Schlosspark Lütetsburg bei Norden in Ostfriesland, und Folkert Fischer kennt sie alle, einschließlich ihrer lateinischen Bezeichnungen.

Der 79-Jährige gilt als „wandelndes Parklexikon“, schließlich hat er 41 Jahre als Landschaftsgärtner im Park gearbeitet und 23 Jahre mit seiner Familie sogar mitten in der einzigartigen Anlage gewohnt. Seit seinem Ruhestand 1995 lässt er sich als Parkführer von Besuchern „Löcher in den Bauch“ fragen. Stets dabei hat er auf seinen Führungen ein kleines Notizbuch – sein persönliches Nachschlagewerk zur Familiengeschichte der Grafen zu Inn- und Knyphausen. Denn seit über 200 Jahren hat jede Generation ihre Spuren – kleine und große – auf diesem Flecken Natur hinterlassen.

Fontane schwärmt

Der Schlosspark Lütetsburg ist der größte private Englische Landschaftsgarten Norddeutschlands und doch weitgehend noch unentdeckt. Wer vermutet auch schon acht Kilometer vom Wattenmeer entfernt, inmitten der weiten Landschaft Ostfrieslands, einen Englischen Landschaftsgarten? Der Dichter Theodor Fontane jedenfalls nicht. Bei seinem Besuch im August 1882 notiert er beeindruckt: „Ein uraltes Schloss am Meeresstrand; ein herrlicher Park im baumlosen Land.“

Wilhelm Busch hat ebenfalls den Park besucht, daran erinnert eine Bank, deren lateinische Inschrift „Demjenigen der die Ruhe sucht“ auf den Dichter mit der spitzen Feder zurückgeht. Säße Busch heute auf seiner Bank, so würde er auf den Golfplatz blicken, der sich im Westen unmittelbar an den Schlosspark anschließt.

Der Park in seiner heutigen Form geht auf den Freiherrn Edzard Mauritz zu Inn- und Knyphausen zurück. Er erbt das Anwesen im Alter von 41 Jahren und beginnt 1790, den französischen Barockgarten in eine zusammenhängende, natürlich gestaltete Landschaft zu verwandeln. Er lässt neue ausländische Bäume und Büsche pflanzen, Kanäle und Teiche ausheben, die Insel der Seligen – den Familienfriedhof – anlegen und den Freundschaftstempel bauen, der an seine lebenslange Freundschaft mit Johann Ludwig Ransleben, einem preußischen Finanzbeamten, erinnert.

Später kommen die Steinpyramide zum Gedenken an seine Mutter und seine 1793 verstorbene Frau sowie die Carolineninsel als Erinnerung an die jung verstorbene Tochter hinzu. Bis zu seinem Tod 1824 ist Edzard Mauritz die Arbeit am Park so wichtig, dass er im Familienbuch regelmäßig Rechenschaft ablegt über das, was er im Garten tut.

Ein ebenso leidenschaftlicher Gartenliebhaber ist Fürst Wilhelm Edzard zu Inn- und Knyphausen (1908–1978), der 1932 mit der grundlegenden Rekonstruktion des im Laufe der Jahrzehnte verwilderten Schlossparks beginnt. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg müssen zunächst die Kriegsschäden – 150 Bomben sind auf das Schloss und den Park gefallen – beseitigt werden, 1956 brennt zudem das Schloss bis auf die Grundmauern nieder.

Für Folkert Fischer sind es arbeitsreiche Jahre. 1957/58 wird die Eichenallee am sogenannten Kindergarten angelegt. „Der Abstand zwischen den Eichen beträgt jeweils exakt vier Meter“, erzählt er. Er setzt mit seinen Kollegen die zahlreichen Rhododendren und Azaleen um, die zur Blütezeit die Besucher zu Tausenden anlocken, leitet Gräben und Kanäle um, zieht mit dem Spaten die akkuraten Kanten entlang der kilometerlangen Spazierwege durch den Park, pflanzt Koniferen und weitere unzählige Bäume und Büsche. Die Mittelachse des Parks misst 1000 Meter, einschließlich der Nebenachsen bekommt der Besucher eine leise Ahnung von der gärtnerischen Meisterleistung.

Fischer steuert auf eine Parkbank zu mit einer Inschrift in Plattdeutsch und Russisch. „Sünner tegenstöten word nüms deftig“, steht dort geschrieben. „Wer im Leben nicht von Schicksalsschlägen getroffen wird, wird nicht erzogen“, übersetzt er. Im Schlosspark gibt es viele Bänke mit Inschriften, die der Parkgründer ersonnen hat oder die der Poesie entlehnt sind.

Lange Geschichte

Auf einer Bank nimmt der 79-Jährige schon mal gern Platz, aber einen besonderen Lieblingsplatz hat er in „seinem“ Park nicht. „Irgendwas blüht immer, und man entdeckt immer wieder Neues“, sagt er und blickt in die weite Gartenanlage.

Sein Blick fällt auf das Schloss. Der Bau des ursprünglichen Schlosses geht zurück auf den ostfriesischen Häuptling Lütet Manninga, der zwischen 1371 und 1377 sein Stammhaus in der Leybucht aufgrund verheerender Sturmfluten verlassen muss und das Wasserschloss „Lützborch“ (Kleine Burg) bauen lässt. In seiner langen Geschichte hat das Schloss viele Veränderungen erfahren: Raub und Plünderung in der Sächsischen Fehde von 1517, Verwüstungen während des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648), Vernichtung durch Brände 1598, 1893 und 1956. Der heutige Schlossbau ist auf den Grundmauern von 1517 errichtet worden und bis heute Wohnsitz der Grafen zu Inn- und Knyphausen.

Lore Timme-Hänsel
Redakteurin
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2065

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