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Baumwahl: Bäume in der Stadt: Der Mix macht’s

23.04.2021

Erst trifft es die imposante Kastanie neben der Schule. Dann erliegen die Platanen in der Fußgängerzone einem aggressiven Pilz. Und schließlich ist auch der erst wenige Jahre alten Linde vorm Haus nicht mehr zu helfen – mehreren Rekordsommern in Folge hatte sie in der engen Pflanzgrube wenig entgegenzusetzen. Da blutet nicht nur vielen Ortsansässigen das Herz, sondern oft genug auch denjenigen, die erst das Urteil zur Bruchsicherheit und dann den Baum selbst fällen müssen.

„Unsere Arbeit wird zunehmend zum Trauerspiel“, stellt Jörg Cremer vom Fachverband geprüfter Baumpfleger fest. „Wir erleben aus nächster Nähe den Niedergang jahrzehntelang bewährter Gehölzarten. Viel zu kleine Pflanzgruben, regelmäßige, oft massive Störungen durch Bauarbeiten, nicht fachgerechte Schnittmaßnahmen, Krankheiten und Schädlingsbefall und jetzt noch die zunehmend heißen und trockenen Sommer – das packen viele heimische Baumarten einfach nicht mehr“, bringt es Cremer auf den Punkt. Die Baumfachleute haben darum eine klare Empfehlung: Wenn Stadtbäume eine Zukunft haben sollen, muss mit passenden, auch gebietsfremden Arten und mit optimalen Pflanzgruben gearbeitet werden. „Im Zweifelsfall lieber weniger Bäume setzen, aber in große Gruben mit ausreichender Wasserkapazität – wir hoffen, dass diese Botschaft endlich auch bei den Planern ankommt!“

Also Gehölze aus wärmeren und trockeneren Klimazonen pflanzen, weil sie mit den neuen Bedingungen besser klarkämen? Diese Forderung trifft oft auf massiven Widerstand, das erlebt auch Dr. Susanne Böll immer wieder. Sie leitet an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau seit dem Jahr 2010 das Forschungsprojekt „Stadtgrün 2021 – Neue Bäume braucht das Land“ und untersucht die Anpassungsfähigkeit und Stresstoleranz verschiedener meist kontinental geprägter Gehölze, beispielsweise der Ungarischen Eiche (Quercus frainetto) oder des Schneeballblättrigen Ahorns (Acer opalus). „Ablehnende Haltungen beim Thema gebietsfremde Gehölze werden häufig mit Verweisen auf Naturschutz und Biodiversität begründet, ob von Amtsträgern, Naturschützern oder Bürgern. Das Argument lautet, mal grob gesagt, mit nicht-heimischen Gehölzarten würden die Städte zu ökologischen Wüsten.“

Das, meint Böll, beruhe aber meist auf einem Bauchgefühl, zumal die wissenschaftliche Datenlage dazu mehr als gering ist. Beziehungsweise war: „Wir möchten dazu beitragen, die Diskussionen zu versachlichen. Aus diesem Grund haben wir – in Kooperation mit der Universität Würzburg – in einer weiteren Studie die Biodiversität heimischer und gebietsfremder Baumarten unter die Lupe genommen und erstmals überhaupt die Insekten- und Spinnenfauna ihrer Baumkronen miteinander verglichen.“

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Insekten profitieren vom Baumarten-Mix

Die Ergebnisse waren durchweg erfreulich, denn die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten eine unerwartet hohe Anzahl an Lebewesen und Arten nachweisen – darunter allein 57 in Deutschland und europaweit vorkommenden Wildbienenarten sowie diverse Insekten und Spinnen, die auf der „Roten Liste bedrohter Arten“ stehen. „42 Prozent aller Insektenarten waren sowohl auf heimischen als auch auf gebietsfremden Bäumen anzutreffen, ein Drittel nur auf heimischen Baumarten und ein Viertel nur auf gebietsfremden Arten“, fasst Susanne Böll zusammen. „Eine größtmögliche Biodiversität erreicht man also durch einen Mix aus heimischen und gebietsfremden Baumarten aus Südosteuropa – und wir planen bereits Untersuchungen an asiatischen und nordamerikanischen Baumarten, die sich möglicherweise ebenfalls als Bereicherung erweisen werden.“

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