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NWZonline.de Gartenzeit

Gärtnern ohne Chemie?!

25.05.2018

Und außerdem: Was würden die Nachbarn sagen, wenn das Unkraut wuchert, der Rasen nicht ordentlich gemäht und die Beete nicht ganz akkurat aussehen… Rainer Nölken vom BUND Regionalverband Ostfriesland plädiert für mehr naturnahe Gärten und umweltschonende Pflege ohne Einsatz von Pestiziden. Der Begriff „Pestizide“ stammt vom englischen Wort „pests“ (Schädlinge).

Hobbygärtner erfreuen sich an ihrer kleinen Oase. Wenn ganze Horden Blattläuse die Rosen befallen, das Unkraut auf den Wegen wuchert und Schnecken sich den Salat schmecken lassen, bevor man ihn ernten kann, ist es mit der Geduld des Gärtners schnell vorbei und den Schädlingen soll möglichst schnell der Garaus gemacht werden… ist das nicht verständlich?

Rainer Nölken: … verständlich vielleicht. Der Garten entwickelt sich anders als gewünscht. Er entwickelt sich „natürlich“. Das stört den menschlichen Plan. Die Natur ist aber im gärtnerischen Sinne nicht ordentlich. Nicht nur Menschen mögen Rosen. Und was der Gärtner „Unkraut“ nennt ist auch nur eine Pflanze, die ihre Entwicklungschancen nutzt. Wenn der Garten nicht „verwildern“ soll, müssen menschliche Eingriffe erfolgen. Die Zeit dafür ist im heutigen Freizeitmanagement der meisten Familien knapper als früher. Also muss es schnell gehen, also der Griff zur chemischen Keule. Die Störung des natürlichen Gleichgewichtes wird für nicht so wichtig gehalten.

Der Griff zur Chemie löst schnell und unkompliziert den Wildkraut- oder Schädlingsbefall. Warum bedrohen Pestizide überhaupt die Insekten?

Rainer Nölken: Die Bedrohung entsteht, weil mit dem Einsatz von Pestiziden die Artenvielfalt verringert wird, also die Nahrungskette für Insekten. Insekten werden aber auch genetisch geschädigt, z.B. in ihrer Fortpflanzungsfähigkeit. Teilweise verlieren sie auch ihren Orientierungssinn, Honigbienen finden also nicht mehr zurück. Ca. 80 % unserer Nutzpflanzen sind aber auf Bestäubung durch Insekten angewiesen.

Der Allround-Pflanzenkiller, das Breitband-Herbizid Roundup, verspricht schnelle Abhilfe. Warum sollte man aber eher größeren Aufwand betreiben und alternative Mittel für natürlichen Pflanzenschutz wählen?

Rainer Nölken: Wie der Name schon sagt: Ein Breitband-Herbizid soll auf viele verschiedene „Schädlinge“ wirken, diese Gifte werden vor allem in der industrialisierten Landwirtschaft eingesetzt. Sie ersparen dem Landwirt Kosten und Zeit, also Geld. Dieser Aspekt steht im privaten gärtnerischen Bereich wohl nicht im Vordergrund. Eher im Gegenteil. Arbeit im Garten wird als Ausgleich zum oft als stressig empfundenen Arbeitsalltag gesehen. Körperliches Wohlbefinden. Kann also ruhig vermehrt werden. Alternativen sind aus natürlichen Stoffen gewonnene Pflanzenschutzmittel, sie können zwar auch giftig sein, haben aber keine „systemischen Langzeitfolgen“.

Pestizide vernichten auch die vielen empfindlichen Nützlinge, sie reichern sich zudem in der Nahrungskette an und schädigen Bodenorganismen. Warum sind sie dann überhaupt erlaubt?

Rainer Nölken: Das fragt man sich wirklich. Einige Neonikotinoide sind ja inzwischen für die Nutzung im Freiland verboten worden. Im Zulassungsverfahren werden auch nur die einzelnen Wirkstoffe geprüft, nicht der gesamte Cocktail. Ein Wirkstoff allein ist dann eben noch nicht eindeutig krebserregend. Außerdem ist im Zulassungsverfahren der Einfluss der Chemischen Industrie, die diese Gifte verkaufen will, und der industriellen Landwirtschaft, die diese Gifte zur Verminderung der unmittelbaren Produktionskosten zu brauchen meint, erfahrungsgemäß größer als der Einfluss der Natur- und Verbraucherschützer. Und der Hobbygärtner kauft, was die, in diesem Fall angeblichen, Fachleute ihm vormachen.

Glyphosat in der Landwirtschaft, Pestizide in den Städten und Gemeinden – warum sollte gerade der Hobbygärtner anfangen, auf Chemie zu verzichten?

Rainer Nölken: Er könnte damit in eigener Verantwortung einen Beitrag leisten, das natürliche Gleichgewicht zu erhalten. Dazu sollte er sich Zeit nehmen. Sich über die Schädlinge und Nützlinge informieren. Einheimische Tiere als Helfer „einladen“. Das organische Leben im Boden nicht durch Pestizide erst vernichten, um es dann mit Kunstdünger wieder aufzupäppeln … und dann in der Bürgerfragestunde anfragen, wann der Gemeinderat endlich den Antrag auf Mitgliedschaft in der Gruppe der „glyphosatfreien Gemeinden“ stelle.

Welche Alternativen zur chemischen Keule gibt es und sind sie überhaupt genauso wirkungsvoll? Helfen auch bestimmte Pflanzenkombinationen und wer kennt sich damit aus?

Rainer Nölken:Alle alternativen Hausmittel sind arbeitsaufwendiger und wirken langsamer. Die chemischen Mittel werden hingegen nur langsam abgebaut und schädigen eventuell auch die Nützlinge in der Nahrungskette. Pflanzenkombinationen sind z.B. mit der Eberraute möglich. Um ein Schnecken-anfälliges Beet gepflanzt, soll sie eine wirksame Abwehr darstellen, las ich kürzlich. Bücher zum Thema „Biologisch gärtnern“ gibt es reichlich, wahrscheinlich auch in den öffentlichen Bibliotheken. Auf den Homepages der Naturschutzverbände, z.B. beim BUND nachsehen. Gezielt, mit variantenreichen Abfragen, im Internet suchen. Ich finde gute Tipps immer auf der Seite www.gartenlexikon.de. Vielleicht gibt es auch einen Nachbarn oder eine Nachbarin, die einiges weiß.

Welche mechanischen und biotechnischen Maßnahmen sind besonders empfehlenswert?

Rainer Nölken: Es läuft auf Handarbeit hinaus: Jäten, hacken. Mulchen hilft Unkraut zu unterdrücken. Das kann auch eine Schicht „lebender Mulch“ sein. Langlebige Bodendecker, die den Boden z.B. unter Sträuchern unkrautfrei halten. Insektennetze, Fugenkratzer, Fugenbürste, Abflammgerät, Infrarot-Brenner kennen wir alle. Dazu die Grundregeln für pestizidfreien, biologischen Pflanzenschutz: organische Bodenbewirtschaftung, Auswahl von Pflanzen, denen Boden und Standort zusagen, Fressfeinde ansiedeln, Verwendung gesunder Pflanzen und Samen.

Greenpeace hat z.B. herausgefunden, dass bis zu 80% der in Bau- und Supermärkten in Europa gekauften Zierpflanzen mit bienengefährdenden Stoffen belastet sind. Lebensraum für Nützlinge schaffen. Schädlinge vergrämen. Und letztlich: Mehr Mut zur Wildnis!

Können sich Schädlinge auch als Nützlinge erweisen?

Rainer Nölken: Ja. Nehmen wir nur mal einige sogenannte Unkräuter. Also aggressiv wachsende Pflanzen an einem Platz, an dem sie nicht erwünscht sind. Manche sehen aber hübsch aus, sind essbar, locken Insekten an, liefern Samen für Insekten und Vögel, auch Nektar für Bienen, Hummeln und Schmetterlinge. Zum Schluss landen sie im Kompost als mineralstoffreiche Biomasse.

Umweltverbände fordern das Verbot von Glyphosat, es werden auch wieder Blühstreifen an Feldrainen gefordert. Was hat das Artensterben in der Agrarlandschaft mit der Schädlingsbekämpfung im privaten Hausgarten gemeinsam?

Rainer Nölken:In der Agrarwirtschaft wird das Artensterben bewusst in Kauf genommen. Drei Prozent unserer Landesfläche sind private Gärten. Dort werden ebenfalls Pestizide eingesetzt. Jedes Jahr rund 600 Tonnen. Unsere Gärten sind oft auch zu steril gestaltet (Mulchen mit Steinen!) und bieten so nur einen eingeschränkten Lebensraum für Insekten. Dabei könnten sie in eine Art Ausgleichsfunktion hineinwachsen: Auf der einen Seite riesige Äcker, auf denen nur das wächst, was der Bauer gesät hat. Kein Lebensraum für Insekten, weniger Vögel. Aber in Wohngebieten artenreiche Privatgärten als Heimstatt für viele Insekten und Kleintiere. Diese Biotope müssen gepflegt und ausgeweitet werden. Ohne Pestizide. Wie in den guten alten Zeiten.


  www.bund.net/bienenretter 
Swantje Sagcob
Redakteurin
Sonderthemen Redaktion
Tel:
0441 9988 4661

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