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NWZonline.de Gartenzeit

„Ich würde sie wieder pflanzen“

27.09.2019

Sie ist 14 Meter hoch, 8 Meter breit – und die Nachbarn sagen, sie mache „Dreck, das ganze Jahr über“. Die Rede ist von einem Vermächtnis meines Urgroßvaters, einer etwa 60 Jahre alten Lärche. Lärchen sind Nadelbäume, die sich – in Form von Brettern, versteht sich – großer Beliebtheit in verschiedensten Gärten erfreuen. Ihr Holz ist ausgesprochen witterungsbeständig und eignet sich daher gut zum Bau von allerlei Gartenluxus wie zum Beispiel Holzterrassen, Sichtschutzzäunen oder Outdoor-Möbeln.

Vor allem zeichnet Lärchen aber eine Besonderheit aus: Sie sind Nadelbäume, die sich wie Laubbäume verhalten. Was bedeutet: Im Herbst färben sich ihre Nadeln erst gelb, dann braun, und anschließend fallen sie zu Boden, bis die Lärche im Winter wie ein gespenstisches Gerippe aussieht. Bei jedem stärkeren Wind kommen dann noch einige Zweige mit alten Zapfen herunter. Dieser ständige Erneuerungsprozess ruft ebenso ständig die Nachbarn auf den Plan: „Wann wollen Sie die eigentlich mal fällen?“ „So ein Dreck, und das an der Straße!“ Ich antworte immer dasselbe, denn ich mag meine Lärche

Es ist Spätsommer, die Vögel zwitschern leise. Ein Eichhörnchen setzt sich auf einen kräftigen Ast der Lärche, pflückt sich neue sowie Vorjahreszapfen und nagt diese über dem Gehweg bis auf die Spitze ab. Dann stopft es sich die Backen voll, balanciert elegant in die Birke, von dort in die Eiche (um sich dort die Backen noch voller zu stopfen), und klettert anschließend kopfüber den Stamm hinunter ins Beet. Dort vergräbt es seine Beute, denn der karge Winter wird kommen.

Über das gesamte Jahr hinweg bietet die Lärche den Tieren Nahrung. Sogar dann, wenn andere Bäume keine Früchte mehr tragen, hängen an ihr noch ein paar Zapfen. Nun landen durchreisende Zugvögel auf einen kleinen Imbiss im Baum. Wintervögel finden selbst im Januar und Februar in meiner Lärche noch Nahrung. Haben Sie schon einmal Eichhörnchen, Zeisige, Kreuzschnäbel, Buntspechte und vier verschiedene Meisenarten zeitgleich in einem Baum futtern sehen? Solche wunderbaren Naturbeobachtungen entschädigen mich sogar dafür, dass ich regelmäßig Zapfenreste vom Gehweg fege, Zweige vom Rasen reche und die kleinen Lärchennadeln mit den Schuhen überallhin trage.

Die Lärche wurde an die Westgrenze meines Gartens gepflanzt. „Ein Baum an der Westseite? Der nimmt die Abendsonne!“, höre ich Sie schon entsetzt rufen. Einen vollsonnigen Platz hat man in der Tat nicht mehr zur Verfügung, dafür aber den lichten Schatten, in dem Finger- und Eisenhut gedeihen und der hübsche Muster auf den Rasen zeichnet. Da wir ohnehin immer häufiger Wochen mit Temperaturen jenseits der 30-Grad-Celsius-Marke ertragen müssen, kommt ein wenig natürlicher Schatten gelegen. Überhaupt ist Klimawandel ein Stichwort: Viele Vogelarten haben es – bedingt durch Lebensraumzerstörung, Nahrungsknappheit und eben den Klimawandel – deutlich schwerer, zu überleben. Bei aller Machtlosigkeit, als Einzelne diesen Elendsprozess umzukehren, bringt doch das Wissen Erleichterung, dass ich mit meinen großen Bäumen einen kleinen Beitrag zum Erhalt der Natur leisten kann.

Als Kind habe ich unter den tief hängenden Zweigen der Lärche gespielt. Ich mochte die großen Bäume schon immer gern. Wenn meine Mutter oder Großmutter überlegten, was sie denn an diesen oder jenen freien Platz pflanzen könnten, schlug ich Eichen und Kastanien vor. Vermutlich dachten die Erwachsenen eher an Stauden oder Büsche, aber mein Herz schlug für die Lieferanten der Rohstoffe von Eichel- und Kastanienmännchen. „Große Bäume gehören in den Wald“, war einer der Sätze, die mir bis heute in Erinnerung geblieben sind. Große Bäume mögen manchmal Ärger mit den Nachbarn einbringen und wenn sie umstürzen, hat man oftmals ein Problem. Dennoch geben uns Bäume frische Luft und Schatten, bringen Tiere in unsere Gärten, und sie lassen uns durch ihr Alter, ihre Größe und Standfestigkeit Demut üben.

Mein Urgroßvater holte die Lärche als einen wenige Zentimeter kleinen Setzling aus dem Wald (so machte man das damals, heute ist es verboten!) und pflanzte sie in seinen Garten. Bevor er starb, bat er seinen Sohn, diesen Baum zu erhalten. Inzwischen gehört mir das Land, auf dem die Lärche ihre stattliche Höhe von 14 Metern erreicht hat. Damit trage ich die Verantwortung für diesen schönen Baum. Mein Urgroßvater und ich konnten uns nie kennenlernen. Doch wer wäre ich, wenn ich seinem Wunsch, diesen Baum zu erhalten, nicht nachkommen würde – zumal mir meine Lärche sehr gut gefällt. Ich würde sie wieder pflanzen.

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