Oldenburg - Ostfriesland ist bekannt für seine einzigartige Landschaft und seinen natürlichen Charme. Eine charakteristische Besonderheit, die das Gesicht der Region prägt, sind die Wallhecken. Diese traditionellen und vielseitigen Elemente der Kulturlandschaft haben eine lange Geschichte und spielen eine tragende Rolle für die ökologische Vielfalt und den Erhalt der heimischen Tier- und Pflanzenwelt. Stephan Sander arbeitet für die Ostfriesische Landschaft und ist Mitglied der Schutzgemeinschaft Wallheckenlandschaft Leer e.V. Er weiß, wieso die Wallhecken so wichtig sind.
Per Definition dienen die mit Büschen oder Bäumen bepflanzten Erdwälle der Einfriedung, also der Einzäunung. Traditionsgemäß wurden Wallhecken als „lebendige“ Zäune genutzt. „Deshalb ist nicht jeder bepflanzte Lärmschutzwall auch automatisch eine Wallhecke“, erklärt der Landschaftsarchitekt. Ostfriesland zählt zu den eher baumarmen Regionen in Deutschland. Das betrifft insbesondere die Regionen Leer, Aurich und Wittmund. „Der Waldanteil ist hier rekordverdächtig gering und liegt bei etwa drei Prozent. Die Wallhecken bringen Gehölze in diese Landschaft und erfüllen eine bedeutsame Funktion“, weiß Sander. Die verschiedenen Wuchshöhen seien für viele Pflanzen und Tiere ein idealer Lebensraum, in dem sie sich ausbreiten oder zurückziehen können. „Gerade in der intensiv gepflegten Agrarlandschaft fehlt es vielen Lebewesen an einem naturnahen Habitat.“
„Auch Wallhecken müssen regelmäßig gepflegt werden, sonst werden sie – wie jede andere Hecke auch – kahl“, weiß Stephan Sander.
Das artenreiche Biotop Wallhecke lebt – angefangen beim Maulwurf bis hin zum Mäusebussard. Besonders für Vögel sind die Gehölze ein ideales Zuhause. „Spechte, Kleiber oder Baumläufer nisten in Baumhöhlen oder Spalten und viele andere Vogelarten bevorzugen morsches Holz. In den gepflegten Wirtschaftswäldern wird totes Holz aber oft direkt entfernt. Das nimmt den Vogelarten den Lebensraum“, sagt der Wallhecken-Experte. Fledermäuse und viele Insektenarten profitieren ebenfalls von der besonderen Art der Hecke.
Die meisten ostfriesischen Wallhecken sind über 200 Jahre alt. Sie stehen seit den 1930er-Jahren unter Naturschutz und dürfen nicht beseitigt werden. „In der Nachkriegszeit wurde das weitestgehend ignoriert. Man verschaffte sich Platz, um die Menschen zu ernähren, Wohnraum und Verkehrswege zu schaffen. Wir gehen davon aus, dass es vor dieser Zeit um die 10.000 Kilometer Wallhecken in der ostfriesischen Landschaft gegeben hat. Heute sind es noch etwa 5700 Kilometer in den Landkreisen Leer, Aurich und Wittmund. Das ist noch immer die zweithöchste Wallhecken-Dichte in Deutschland – also durchaus ein Hotspot“, sagt Sander. Seit den 1980er-Jahren gibt es wieder verstärkt Bemühungen, den Wallheckenschutz ernst zu nehmen. Diverse Sanierungs- und Pflegeprojekte wurden ins Leben gerufen. „Und seit 2006 gibt es das Wallhecken-Programm Ostfriesland. Im Rahmen dessen erhalten pflegewillige Landwirte finanzielle Unterstützung. So werden jährlich knapp 30 Kilometer Wallhecken bei der Sanierung gefördert“, weiß der Experte.
Durch die Gründung der Schutzgemeinschaft Wallheckenlandschaft gibt es einen Ort, an dem Naturschutzinteressierte mit Landwirten zusammenarbeiten. „Wir gehen auf sie zu, geben Tipps zur Pflege und veranstalten gemeinsame Aktionen. Diese ehrenamtliche Tätigkeit ist sehr wichtig, denn es geht oft um Aufklärung und den Abbau von Vorbehalten, was man nach den Naturschutzmaßnahmen noch machen darf. Auch die Jägerschaft ist eine entscheidende Gruppe in Bezug auf die Wallheckenpflege“, sagt Sander.
Um ein Bewusstsein für die Wichtigkeit der Wallhecken zu schaffen, empfiehlt der Landschaftsarchitekt, an bestehende Konflikte anzuknüpfen. Gerade in Bezug auf den Klimawandel können die besonderen Landschaftselemente einen positiven Einfluss haben. „Durch das Abbremsen des Windes, Kühlung und Beschattung in der Wallheckenlandschaft wird das Kleinklima verbessert. Und auch in puncto Artenschutz braucht es mehr von diesen kostbaren Lebensräumen.“
Wallhecken haben in Ostriesland eine lange Tradition und prägen das Landschaftsbild maßgeblich.
