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NWZonline.de Gartenzeit

Von wegen Unkraut!

11.05.2018

Es gibt Pflanzen, an denen scheiden sich die Geister. Die einen hassen, die anderen lieben sie. Giersch ist so ein Gewächs. Für viele Gärtner ist er ein Graus, da er sich mit seinen unterirdischen Ausläufern schnell ausbreitet und nur schwer wieder loszuwerden ist. Für Wildkräuter-Fans ist er eines der ersten Gewächse, die man im Frühjahr essen kann.

Wildkraut oder Unkraut – an solchen Begriffen lässt sich oft erkennen, wie man zu den Pflanzen steht, die ungefragt im Garten wachsen. Und das ist oft keine Frage der Ästhetik. Denn die feinen Blüten einer Vogelmiere und ein Löwenzahn in voller Blüte sind recht hübsch anzusehen.

„Du bist, was du isst!“

Als Unkraut konkurrieren Vogelmiere, Brennnessel und Distel jedoch mit bewusst gepflanzten Kräutern, Blumen und Gemüse um Licht, Nährstoffe und Wasser. Sie stehen oftmals einfach im Weg, machen das Pflegen und Ernten schwieriger.

Auch können sie dazu beitragen, dass sich Krankheiten und Schädlinge verbreiten, zum Beispiel weil sie selbst befallen sind. Ganz zu schweigen davon, dass sich diese Pflanzen oft schnell vermehren: Sie wachsen eben wie Unkraut. „Wilde Kräuter sind im Vergleich zu unserem Kulturgemüse unglaublich widerstandsfähig – zum Leidwesen manch eines Gärtners“, sagt Tanja Michaela Meyer. „Aber genau diese unbändige Lebenskraft vermitteln sie uns auch, wenn wir sie nutzen: Du bist, was du isst!“

Heimisches Superfood

Meyer ist Heilpraktikerin und Kräuterfrau. Sie weiß um die verborgenen Kräfte des vermeintlichen Unkrauts, das kostenlos und in großen Mengen in den Beeten, auf Wiesen und an Wald- und Wegesrändern wächst. „Wildkräuter und -früchte sind unser heimisches Superfood. Ihr Vitamin-, Mineralstoff- und Spurenelemente-Gehalt ist um ein Vielfaches größer als der in unserem Kulturgemüse. Dazu enthalten sie mehr Bitterstoffe, die aus unserer Nahrung häufig herausgezüchtet wurden, aber sehr wichtig für uns sind.“

Aber nicht nur in der Wildkräuter-Küche, auch für den Garten sind diese Pflanzen wertvoll: „Wildpflanzen sind für Pflanzenjauche nutzbar und helfen dann dem Garten als Dünger und zur Stärkung der Pflanzen. Löwenzahn, Brennnessel und Giersch sind zudem traditionell genutzte Heilpflanzen und allesamt Anzeiger für die Bodenqualität und seinen Nährstoffgehalt“, sagt Magnus Wessel vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Und nicht zuletzt haben sie auch für die Tierwelt einen Nutzen. Mit seiner Blüte lockt zum Beispiel Giersch Bienen und Schlupfwespen an. „Auch der Dukatenfalter und der Kleine Eisvogel nutzen den Giersch als Nektar- oder Raupenfutterpflanze“, so Wessel.

Giersch aus einer anderen Perspektive

Aber auch für uns hat das Kraut einiges zu bieten. So lassen sich die jungen Blätter roh wie Pflücksalat verwenden. „Sein Aroma erinnert ein wenig an Petersilie“, sagt Meyer. „Wenn er älter ist und die Blätter zäher werden, kann man ihn immer noch gut als Spinat, Smoothie oder Suppe zubereiten.“ Die Kräuterfrau empfiehlt Giersch bei Gicht, da er vor allem Säuren aus dem Körper leiten soll. „Giersch trägt die Gicht, deren alte Bezeichnung Podagra lautet, auch schon im Namen: Aegopodium podagraria.“

Doch Vorsicht: Giersch gehört zur Familie der Doldenblütler - so wie der hochgiftige Schierling. Tanja Michaela Meyer empfiehlt daher grundsätzlich: Immer nur das sammeln, was man genau kennt. „Giersch erkennt man an seinen gefiederten Blättern und seinem dreieckigen Stängel.“

Vogelmiere nicht nur als Futterquelle

Fast ebenso ausbreitungsfreudig wie Giersch ist die Gewöhnliche Vogelmiere – insbesondere auf nacktem Boden: Eine Pflanze kann pro Jahr mehrere Tausend Samenkörner produzieren. Aber auch sie hat ihre Vorzüge: „Vogelmiere ist nicht nur schön anzuschauen, sondern ihre Samen sind eine wichtige Futterquelle für Vögel und zahlreiche Insekten“, sagt Magnus Wessel.

Vogelmiere gilt darüber hinaus als vitamin- und nährstoffreich. „Vogelmiere enthält sehr viel Kalium und Eisen. Äußerlich kann man sie als Breiauflage bei borkiger, schuppiger Haut anwenden“, sagt Meyer. Das Aroma der spitzen, einförmigen Blätter erinnert an jungen Mais. Man kann sie fast das ganze Jahr über ernten und in Quark und Aufstriche sowie für Salate und Smoothies verwenden.

Superstar Brennessel

Wer auf der Suche nach einem effektiven Dünger ist, sollte sich einen kleinen Bestand an Großer Brennnessel zulegen. Daraus lässt sich leicht zu Flüssigdünger zubereiten. „Zudem ist die Brennnessel ein guter Anzeiger für viel Stickstoff im Boden“, sagt Wessel. Auch für die Insektenwelt ist sie ein Gewinn: Rund 200 Insektenarten in Europa ernähren sich von ihr. „Die Brennnessel ist so etwas wie der Superstar einiger Falter: Landkärtchen, Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge, Admiral, C-Falter, Schönbär und viele mehr nutzen sie“, sagt der BUND-Experte.

In der Küche sind die herzförmigen Blätter vielseitig einsetzbar: Man kann sie roh für Smoothies verwenden, als Spinat dünsten, zu Suppe verarbeiten und sogar herzhafte Kuchen und Quiche damit backen. Die Samen kann man wiederum geröstet über Salate streuen. „Brennnessel enthält sehr viel Eisen, Vitamin C und Eiweiß“, erklärt Meyer. „Gesundheitlich wird die Brennnessel zur Entgiftung und zur Anregung der Harnausscheidung verwendet. Deshalb findet sie sich in klassischen Nieren- und Blasentee-Rezepturen.“

Vielseitiger Löwenzahn

Ein wahrer Tausendsassa ist Löwenzahn – und das sowohl im Garten als auch in der Küche. „Löwenzahn lockert mit seinen tiefen Wurzeln den Boden, was der Belüftung des Bodens und vielen Bodenlebewesen zu Gute kommt. Er ist vor allem eine hervorragende Bienenweide im Frühjahr. Vögel wie der Stieglitz, der auch als Distelfink bekannt ist, fressen die Samen des Löwenzahns“, sagt Wessel.

Nahezu alle Teile lassen sich auch kulinarisch verarbeiten: die jungen, zarten Blätter als Salat, die getrockneten Wurzeln zu Kaffeeersatz, die Knospen als Kapern. „Besonders liebe ich die Blüten, die schmecken gedünstet mit einem guten Stich Butter und etwas Salz wunderbar, ähnlich wie Rosenkohl“, sagt Meyer. Aber auch Brotaufstriche, Gelee, Likör und Sirup lassen sich aus den gelben Scheinblüten herstellen. Wer Löwenzahnblätter für Suppen und Smoothies verwenden möchte, sollte sie wegen der Bitterstoffe wohl dosieren, empfiehlt die Kräuterfrau.

Gesundheitlich ist Löwenzahn aus ihrer Sicht „der Joker schlechthin“: „Er hilft uns unter anderem, die fett- sowie die wasserlöslichen Gifte auszuleiten, aktiviert die Verdauung, Leber und Galle, Lymphe und die Nieren. Dabei liefert er große Mengen Mineralien, allen voran Kalium.“

Blickwinkel wechseln

Aus gesundheitlicher, kulinarischer und auch ökologischer Sicht lohnt es sich also, bislang ungeliebte Pflanzen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten – und ihnen vielleicht sogar bewusst einen Platz im Beet einzuräumen. „Die heimischen Pflanzen werden meiner Meinung nach total unterschätzt. Alles was in großen Mengen billig zu haben ist, ist für viele Menschen nichts wert“, sagt Kräuterfrau und Heilpraktikerin Meyer. „Dabei bestätigt sich immer wieder die Aussage: dort, wo die Krankheit ist, wächst auch ein Kraut dagegen – das wusste schon Paracelsus.“ Damit die Wildkräuter jedoch den Garten nicht komplett übernehmen, sollte man ein Auge auf sie haben. Jäten gilt in der Regel als beste, weil auch umweltschonendste Methode, um sie in Schach zu halten. Magnus Wessel empfiehlt zudem, Bodendecker einzusetzen. „Zum Beispiel Storchschnabel-Arten dunkeln den Boden ab und helfen so, Giersch, Vogelmiere und auch Brennnessel zu verdrängen.“

und

Mehr Infos unter   www.bund.de 
  www.tameol.de 

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