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Kult-Imbiss In Oldenburg Schließt Schluss mit Kaffee, Currywurst, Korn und guter Laune


Eine starke Truppe: Wirtin Gisela Groneberg (3. v.li.) mit (v.li.) Gabi Thänert, Jochen Thänert, Alfred Riedel, Roswita Riedel (hinten) und Anne Thänert, die sich hier seit Jahrzehnten treffen. Schon beim ersten Sekt herrscht   beste Stimmung.
Karsten Röhr

Eine starke Truppe: Wirtin Gisela Groneberg (3. v.li.) mit (v.li.) Gabi Thänert, Jochen Thänert, Alfred Riedel, Roswita Riedel (hinten) und Anne Thänert, die sich hier seit Jahrzehnten treffen. Schon beim ersten Sekt herrscht beste Stimmung.

Karsten Röhr

Oldenburg - Ein Imbiss mit silbernem Reserviert-Schild? Im Grill am Pferdemarkt gibt es alles, also auch das, wenigstens samstags, an einem der Hochtische. „Echt kultig, wie stehengeblieben in der Zeit“, schreibt Gastro-Rezensent Jockel Kleen über die Mini-Marktkneipe im Netz. „Skurrile Typen mit skurrilen Geschichten schlagen hier auch gern mal auf“, schreibt ein anderer.

Jeden Samstag um 9 trifft sich der Oldenburger Künstler, Fotograf und Bühnenbildner Bernhard Weber-Meinardus hier mit seinen Freunden, immer am letzten Stehtisch in der Ecke, seit 30 Jahren, „um über Gott und die Welt zu sprechen“, sagt er, „oder auch mal über gar nichts, nur zum zusammen aus’m Fenster gucken, bei einem Kaffee“.

Kaffee noch 1 Euro

Warum die fünf Freunde den Grill am Pferdemarkt so lieben? Weber-Meinardus sagt: „Das ist hier nicht so nüchtern geleckt. Ich mag das Ungeleckte, Gewachsene, Improvisierte, Lebendige. Das findet man hier. Morgens ist hier schon um 5 Uhr auf, dann kommen Leute aus den Discos, die Marktbeschicker haben aufgebaut und kommen massenhaft rein, aber auch der Professor, alle sind hier.“ Und wenn die Sonne scheine, sei es auch draußen sehr schön, auf den roten Plastikstühlen, die beim ersten Strahl aufgestellt werden, unter die Schirme, mitten ins Markttreiben hinein.

Auf einem der beiden Sessel im Imbiss sitzt ein Stammkunde vor seinem Haake Beck. Er sagt: „Ich bin jeden Tag hier, auch weil’s billig ist.“ Bis heute nimmt Gisela Groneberg, die den Grill am Pferdemarkt seit 29 Jahren betreibt, für einen Becher Kaffee nur einen Euro, auch für ihre Fröllje-Brötchen, die sie schmiert, ihre Bratwurst, nimmt sie Preise wie von anno dazumal. Sie sagt: „Ich habe die Preise seit der Euro-Umstellung nie erhöht. Ich will, dass hier Leute – wie etwa Rentner – herkommen können, die wenig Geld haben.“

Mit ihrer Einstellung hat die Hauswirtschaftsmeisterin, die bis vor fünf Jahren zusammen mit ihrem Grill- und Kiosk-Kollegen Gerald Engelke parallel auch die Kantine des BFE geführt hat, hier einen besonderen Ort geschaffen. Sie sagt: „Wir haben hier eine ganz persönliche Atmosphäre. Jeder erzählt, was bei ihm los ist. Das ist nicht wie ein Imbiss, sondern wie eine kleine Gastwirtschaft. Ganz viele trinken hier ihr Bierchen, ihr Körnchen, aber wie in einer großen Familie.“

Grill mit zwei Könnern und persönlicher Note: Gisela Groneberg und Gerald Engelke sorgen für ihre Gäste.

Jetzt ist Schluss für Gisela Groneberg. Ende des Monats hört sie auf. Sie sagt: „Ich hab’ mir vorgenommen: Mit 70 ist mal Schluss. Gleichzeitig bin ich traurig, dass ich raus bin. Als ich im Dezember meine Kündigung bei der Stadt abgegeben habe, hab’ ich geheult. Ich will aber auch noch mal mit meinem Mann verreisen, ich bekomme ja schon seit vier Jahren Rente.“

Die Stammkunden haben „fast panisch reagiert“, sagt sie, „zwei haben geweint und gefragt, wo sie denn jetzt hingehen sollen, manche kommen ja schon morgens und bleiben bis nachmittags“.

Mut angetrunken

Ein Mitarbeiter von Fisch Kleetz kommt ’rein: „Gisela, haste ’ne Flasche Wasser mit?“ Daneben steht Elmarie Dobson von Bastwöste – für einen Kaffee. Sie sagt: „Das ist eine Einrichtung, die schon immer da war und die wunderbar auf diesen Markt passt. Hier sind alle freundlich und nett, auch Spezialwünsche werden erfüllt, man fühlt sich wie zuhause – oder besser: das ist zuhause.“ Ein Kundin ergänzt: „Es ist ein bisschen wie ,Hellwege’ als Frühgeschäft, in Mini, und jeder ist offen, sich mit anderen zu unterhalten, auch wenn er sie gar nicht kennt. Hier muss keiner für sich sein, es ist unkompliziert und günstig und alle fühlen sich wohl – von Familien mit Kindern über die Marktbeschicker bis zum Rentner.“

Auch der Pflanzenhändler Peter Twiest holt sich hier seinen Kaffee. Sein Opa Helmut Thormählen war noch mit dem Handwagen, Kartoffeln und Gemüse auf den Pferdemarkt gezogen. Twiest sagt: „Ich bin samstags um 3 Uhr morgens hier, um 5 gibt’s dann den ersten schönen Kaffee, herrlich. Der Grill gehört zum Pferdemarkt dazu.“ So sieht es auch der Obst- und Gemüsehändler Dirk Hüttemeyer: „Wir danken Frau Groneberg ganz herzlich, dass sie immer da war, total verlässlich und hilfsbereit. Es ist auch ein Platz zum Austausch zwischen Marktleuten und Kunden.“

Der Fruchthändler erinnert sich an seine ersten Jahre hier: „Als ich vor 27 Jahren ins Geschäft meiner Eltern einstieg, war sie schon zwei, drei Jahre dabei: Da wurde richtig ausgelassen gefrühstückt, weniger das Brötchen und der Kaffee, eher der Sekt. Damit hat man sich bei schlechtem Wetter auch mal Mut angetrunken, weil es wegen des Regens oder der Kälte für die Marktleute ein schwieriger Tag werden konnte.“

Bilderwand: Gisela Groneberg im Grill mit Tamme Hanken, ihr Meisterbrief und die Ehrenurkunde der IHK.

Riedel ist 50 Jahre Gast

Inzwischen ist der nächste Samstag-Stammtisch angerückt – wie immer auf Kaffee, Currywurst und Sekt –, denn es ist Punkt 10 Uhr, Wechselzeit: Die Stunde von Bernhard Weber-Meinardus und seinen Freunden ist abgelaufen, und jetzt wird es hier richtig lustig: Roswitha Riedel vom früheren Salon Riedel ist mit ihrem Mann Alfred an ihrem Hochtisch angekommen. „Hey, drei fehlen aber noch“, sagt der Haake-Beck-Kunde aus seinem tiefen Sessel. Stimmt, aber da kommen sie schon: Jochen (80), Anne (79) und Gabi (51) Thänert.

Alfred Riedel kommt seit 50 Jahren hierher, früher immer zuerst auf den Markt, dann in den Grill, drei Besitzer hat er schon erlebt. Die Männer verbindet die Modellfliegerei auf dem Flugplatz in Jeddeloh, die Frauen die Handarbeit, zum Beispiel Babysöckchen und Mützen für Waisenkinder in Vietnam. Und hier, bei Gisela Groneberg, treffen sie sich jeden Samstag um 10 Uhr, quatschen und lachen und freuen sich ihrer Freundschaft und des Lebens. „Das ist hier sehr persönlich, das liegt allein schon an der Wirtin, sie hat in der Einfachheit eine schöne Atmosphäre geschaffen, man fühlt sich gut aufgehoben, und alles kommt automatisch.“ Zack, da steht der nächste Cappuccino.

Eine starke Truppe: Wirtin Gisela Groneberg (3. v.li.) mit (v.li.) Gabi Thänert, Jochen Thänert, Alfred Riedel, Roswita Riedel (hinten) und Anne Thänert, die sich hier seit Jahrzehnten treffen. Schon beim ersten Sekt herrscht beste Stimmung.

Die fünf wollen nichts anders haben, als es ist, auch mit der geschätzten Bedienung – bis vor kurzem mit Karin Wank, Adelheid Gerritsen und Inge Schütte, die nur wegen der bevorstehenden Schließung aufgehört haben. Gisela Groneberg und Gerald Engelke wuppen das jetzt alleine. Jochen Thänert hat den Service hier immer geschätzt. Er sagt: „Hier gehört nicht so ein junges Ding rein, so’ne Hupfdohle.“ Und zur Zukunft: „In einer Stadt gibt es Wandel, den muss es geben. Es wäre aber schön, wenn so etwas wie das hier erhalten bliebe. Der Grill am Pferdemarkt ist ein Stück Oldenburg.“

Kunden schmieden Pläne

Der Oberbürgermeister, der Chef der Wirtschaftsförderung und alle Marktbeschicker haben sich dafür stark gemacht, dass erste Abrisspläne gestoppt werden. Gisela Groneberg hat ihre Einrichtung leider schon billig verkauft, weil der Abriss drohte. Am Dienstag gab Stadtsprecher Reinhard Schenke auf Nachfrage die Wende bekannt: „Grill und Kiosk am Pferdemarkt sollen auf jeden Fall wieder verpachtet werden, es werden derzeit Gespräche mit zwei möglichen Pächtern geführt.“

Und was ist nach der Schließung, bevor es weitergeht? Bernhard Weber-Meinardus hat einen verzweifelten Plan gefasst: „Wir werden uns jeden Samstag mit einer Thermoskanne genau hier vor der Tür um 9 Uhr treffen.“ Mit dem Grill im Rücken werden sie über Gott und die Welt reden und dabei bedauern, dass Gisela Groneberg nun endgültig im Ruhestand ist.

Karsten Röhr
Karsten Röhr Redaktion Oldenburg
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