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Erweiterung der Gedenkstätte Wehnen Erinnerung an Hungermorde – Gedenkkreis kämpft um Finanzierung

Die Alte Pathologie sei zu klein, um dem großen Interesse von Schulen und Besuchergruppen an der Gedenkstätte Wehnen gerecht zu werden, beklagt der Gedenkkreis.

Die Alte Pathologie sei zu klein, um dem großen Interesse von Schulen und Besuchergruppen an der Gedenkstätte Wehnen gerecht zu werden, beklagt der Gedenkkreis.

Sandra Binkenstein

Oldenburger Land - Ein Ort, der sich Heil- und Pflegeanstalt nannte, war für Hunderte Menschen der Ort, an dem sie ermordet wurden: In der Zeit des Nationalsozialismus galten Menschen mit psychischen Erkrankungen als minderwertig. Wer nicht durch Elektrokrampftherapie oder das Einrollen in feuchte Laken „geheilt“ werden konnte, war eine Belastung. In Wehnen wurden diese Menschen dem Hungertod überlassen.

In die Alte Pathologie auf dem Gelände der heutigen Karl-Jaspers-Klinik in Wehnen in der Gemeinde Bad Zwischenahn kamen alle getöteten Patienten. Dieses alte, kleine und zugige Gebäude ist heute der einzige Ort, an dem an die Krankenmorde der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt erinnert wird: In zwei winzigen Räumen versuchen Ehrenamtliche, die erschütternden Schicksale von rund 1500 Menschen, die zwischen 1936 und 1947 in Wehnen gestorben sind, vor dem Vergessen zu retten. Der Verein Gedenkkreis Wehnen setzt deswegen alles daran, dass die Gedenkstätte, die in diesem Jahr 20 Jahre alt wird, erweitert wird. Doch wer soll das bezahlen?

Eine Frage der Verantwortung

Für den Historiker Dr. Ingo Harms, Vorstand des Gedenkkreises, ist die Antwort klar: „Die Landkreise und kreisfreien Städte des Oldenburger Landes waren dafür verantwortlich, dass ihre Bürger in Wehnen dem Hungertod preisgegeben wurden. Es ist eine Frage der Verantwortung, dass sie sich finanziell beteiligen.“ Denn die Kreise und Städte hätten damals über die Pflegegelder entschieden, sagt Harms – und damit auch darüber, wie viel Verpflegung die jeweiligen Patienten bekommen. „In Wehnen hat es schon Hungermorde gegeben, bevor die Euthanasie in Nazi-Deutschland Einzug hielt.“

Der 73-Jährige berichtet von Hunderten Besuchergruppen, die jedes Jahr in die Gedenkstätte kommen und von Schülern, die mit Projektarbeiten in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Preise auf Landesebene gewinnen. Doch er spricht auch über Schulklassen, die sich in den engen Räumen drängen, in denen es nicht einmal Toiletten oder einen Platz zum Hinsetzen gibt. Dem ehrenvollen Gedenken der Opfer grausamer Hungermorde würden die Räume kaum gerecht werden.

Deswegen habe der Gedenkkreis mit einem Architekturbüro eine Alternative erarbeitet: Auf dem Gelände der Karl-Jaspers-Klinik steht ein historisches Gebäude, dessen Erdgeschoss eine Gedenkstätte werden könnte. „Die Klinik würde uns das Haus zur Verfügung stellen“, sagt Dr. Harms. „Aber die denkmalschutzgerechte Sanierung und der Umbau würden rund 750.000 Euro kosten.“

Die Hälfte der Kosten würde die Stiftung Gedenkstätten Niedersachsen tragen. Doch nur dann, wenn jemand anderes die andere Hälfte bezahlt. Dr. Achim Rohde, Leiter der Gedenkstättenförderung Niedersachsen in Hannover, erklärt auf Nachfrage unserer Zeitung, dass auch die Gedenkstättenförderung die Erweiterung der Alten Pathologie für wichtig halte. Die Zusage der 370.000 Euro-Förderung sei aber noch an eine weitere Bedingung geknüpft: dass eine „verstetigte Finanzierung gewährleistet wird“ – also die finanzielle Unterhaltung der Gedenkstätte gesichert ist.

Kein Geld aus Delmenhorst

Die Gedenkstätte hat Zuschuss-Anträge an die Landkreise Friesland, Wesermarsch, Ammerland, Oldenburg, Cloppenburg und Vechta sowie die kreisfreien Städte Delmenhorst, Oldenburg und Wilhelmshaven gestellt – mit Erfolg. In der Arbeitsgemeinschaft des Oldenburger Landes haben die Verwaltungen jeweils vorgeschlagen, 5000 Euro für die Gedenkstätte in den Haushalt einzustellen. In einer Stadt ist der Vorschlag aber vom Rat gekippt worden: Aus Delmenhorst wird es kein Geld geben. Dr. Ingo Harms findet dafür klare Worte: „Die Stadt Delmenhorst entzieht sich damit unserer Meinung nach ihrer historischen Verantwortung.“

Sandra Binkenstein
Sandra Binkenstein Thementeam Soziales
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