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Aktualisiert vor 7 Minuten.

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NWZonline.de Ratgeber Wissenschaft Geschichte

Nach dem 9. November 1989: Die Grenzen bleiben offen

09.11.2019

Oldenburg /Berlin Am 9. November 1989 öffnete die DDR ihre Grenzen. Das heißt: Eigentlich sollten sich die Grenzen erst am nächsten Tag öffnen. Aber die Menschenmassen zwangen einen diktatorischen Staat zur Tatenlosigkeit, und so feierten Hunderttausende aus Ost und West gemeinsam bis tief in die Nacht. Wie es dazu gekommen ist, erzählen wir in diesem Rückblick, der täglich aktualisiert wird.

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So sieht der Zeitplan aus:

26. Oktober: Januar und Februar 1989
27. Oktober: März und April 1989
28. Oktober: Mai 1989
29. Oktober: Juni 1989
30. Oktober: Juli 1989
31. Oktober: August 1989
1. November: September 1989
2. November: Oktober und 1. November 1989
Vom 3. bis 10. November: „Live“-Berichte vom Tag vor 30 Jahren

Nach dem 9. November 1989

Die Berliner Mauer bekam in den folgenden Tagen die ersten nicht nur symbolischen Risse. „Mauerspechte“ schlugen von der Westseite aus erste Löcher in den Beton, teilweise unter Einsatz von Presslufthämmern. Aber auch die DDR baute erste Teile an den Grenzübergängen ab, der Abschnitt am Brandenburger Tor verschwand am 22. Dezember in Gegenwart von Bundeskanzler Helmut Kohl. Mit der Zeit wurde die Mauer weniger kontrolliert und Grenzübertritte durch Löcher in der Mauer toleriert. Am 13. Juni 1990 begann der offizielle Abriss der Mauer, exakt 28 Jahre und zehn Monate nach ihrem Bau. Er war am 30. November 1990 abgeschlossen.

Ab dem 7. Dezember 1989, einen Tag nach dem Rücktritt von Egon Krenz als Staats- und Parteichef, trafen sich oppositionelle Gruppen der DDR, Parteien- und Kirchenvertreter sowie Angehörige der DDR-Regierung an einem Zentralen Runden Tisch (der jedoch eckig war), um u.a. über die Auflösung der Stasi zu beraten und einen Verfassungsentwurf für die DDR zu erarbeiten.

Am 18. März 1990 fand die erste demokratischen Grundsätzen entsprechende Wahl zur Volkskammer in der DDR statt. Die CDU erhielt mit 40,8 Prozent die meisten Stimmen vor der SPD mit 21,9 Prozent und der PDS mit 16,4 Prozent. Die PDS war die Nachfolgepartei der SED, die sich seit dem 4. Februar 1990 „Partei des Demokratischen Sozialismus“ nannte. Ministerpräsident der neuen Regierung wurde der CDU-Politiker Lothar de Maiziére, der Cousin des früheren Bundesinnenministers Thomas de Maiziére (CDU).

18. März 1990: Lothar de Maizieres Bündnis „Allianz für Deutschland“ aus Ost-CDU, Deutscher Sozialer Union (DSU) und Demokratischem Aufbruch (DA) erhielt 48 Prozent der Stimmen. Foto: Wattenberg/dpa

Unter seiner Führung rückte die DDR immer näher an die Bundesrepublik heran: Nach der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli 1990 tauschten die DDR-Bürgerinnen und Bürger ihr Geld in D-Mark um, und am 31. August 1990 einigten sich die Bundesrepublik und die DDR auf die Deutsche Einheit am 3. Oktober 1990.

11. November 1989

Zwei Tage nach der Grenzöffnung erfährt auch Alexander Will in der Kaserne, was in Berlin passiert ist. Seit einigen Tagen gilt hier eine komplette Nachrichtensperre, die privaten Radios wurden eingesammelt. In der Folgezeit bricht das vorher so straff organisierte Heer mehr und mehr in sich zusammen. Der Vorgesetzte trinkt, die Disziplin sinkt: Und so kann auch Alexander Will irgendwann die Kaserne häufiger verlassen. Mitte Dezember besucht der 19-Jährige erstmals West-Berlin und erlebt das westdeutsche Weihnachtsgeschäft aus nächster Nähe.

Seine Militärzeit endet im Frühjahr 1990, als die NVA stark reduziert wird. Arabistik darf Will nun auch ohne dreijährige Militärzeit studieren.

10. November 1989

Am Morgen steht für die Schülerinnen und Schüler des Cloppenburger Clemens-August-Gymnasiums eine Führung durch das Reichstagsgebäude an. Sie sind entsetzt: „Draußen passiert Weltgeschichte, und wir sollen zum Reichstag?“ Die Lehrer haben ein Einsehen: Nach der Führung gehen alle zum Ku’damm und zur Mauer. Und steigen am Brandenburger Tor mit Tausenden anderen auf das Bauwerk, das die Stadt durchzieht. Eine denkwürdige Studienfahrt erfährt hier ihren Höhepunkt. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte von Katja Kläne-Menke und dem Cloppenburger Abiturjahrgang von 1990)

Annette-Christine Lenk betritt zum zweiten Mal in ihrem Leben West-Berliner Boden : das erste Mal jedoch ohne Papierkram und elendig lange Genehmigungsverfahren. An der Straße des 17. Juni beim Tiergarten stehen die Übertragungswagen von Sendern aus aller Welt Stoßstange an Stoßstange. Als Mädchen hatte ihr Vater ihr einen Stadtplan von (ganz) Berlin geschenkt. Den hatte sie auf dem Boden ausgebreitet und sich „ihr Berlin“ ganz genau angeschaut. Nun darf sie hier frei flanieren und denkt sich: „Diese Stadt wird jetzt heil!“ (Lesen Sie hier die ganze Geschichte von Annette-Christine Lenk, die 2019 in Oldenburg lebt)

Bundeskanzler Helmut Kohl fliegt nach Hamburg, um von dort nach Berlin aufzubrechen. Doch eine Bundeswehrmaschine darf der Regierungschef nicht nutzen – wegen des Vier-Mächte-Status der geteilten Stadt sind dort keine deutschen Truppen erlaubt. Wieder greift sein Berater Rudolf Lange ein: Er organisiert eine amerikanische Militärmaschine, die Kohl nach Berlin fliegt. Dort tritt dieser vor dem Schöneberger Rathaus auf – und wird gnadenlos ausgepfiffen. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte von Rudolf Lange, der 2019 in Jever lebt)

9. November 1989

9 Uhr: Im Innenministerium sitzen vier Offiziere des Ministeriums und der Stasi zusammen, um im Auftrag des Politbüros eine neue Ausreiseregelung für den Übergang zu entwerfen, bis später ein neues Reisegesetz verabschiedet werden kann. (Darunter ist auch Gerhard Lauter, den NWZ-Redakteur Alexander Will im Jahr 2014 interviewt hat.) Bürgerinnen und Bürger, die das Land verlassen wollen, sollen keine Einschränkungen mehr bei ihren Anträgen (die es aber weiterhin geben soll) erleben. Laut Auftrag nicht bedacht sind zunächst diejenigen Menschen, die lediglich Besuche oder Urlaube im westlichen Ausland verbringen wollen. Im Laufe der Gespräche entwerfen die Offiziere deshalb das Recht auf „Privatreisen“ – also Besuchs- bzw. Urlaubsreisen. Dieser Minister-Entwurf soll dem Ministerrat der DDR bis zum Mittag vorgelegt und am 19. November in Kraft gesetzt werden.

Genehmigt werden sollten allerdings nur Reisen für Menschen mit einem Reisepass und einem Visum. Nur circa 4 Millionen Bürgerinnen und Bürger besitzen einen solchen Pass, alle anderen müssten erst einen beantragen – und das dauert in der Regel vier bis sechs Wochen. So soll verhindert werden, dass sich ein ganzes Volk innerhalb kurzer Zeit auf die Beine macht.

Der DDR-Nachrichtenagentur ADN verordnen die Offizieren eine Sperrfrist für die Bekanntgabe des Textes am 10. November um 4 Uhr früh. Vorher darf kein Wort an die Öffentlichkeit gelangen. Bevor die nachgeordneten Dienststellen der Ministerien für Inneres und Staatssicherheit herausgegeben werden können, wartet man nun auf die Zustimmung des Politbüros und des Ministerrates.

10 Uhr: Im Rahmen der Beratung des Zentralkomitees teilt Egon Krenz mit, wer aus seiner Sicht die Schuld an der Krise der SED trägt: die bislang parteitreuen Medien, die sich nun immer mehr auf die Seite der Demonstranten stellten. Zitat: „Berichterstattung muss eine wahrheitsgetreue Berichterstattung und keine entstellte Berichterstattung sein. Wenn wir zulassen, dass die Medien in Wort und Bild unsere aufopferungsvoll arbeitenden Partei- und Staatsfunktionäre der Öffentlichkeit, sozusagen, vorführen, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, dass einer nach dem anderen zurücktritt.“ Er sei für „kritische Berichterstattung“, aber gegen „Anklage jener Genossinnen und Genossen, die sich hart in den Kämpfen der Partei eingesetzt haben“. Krenz wolle sich für eine Politik der Erneuerung einsetzen, aber „nicht eine Politik der Zulassung einer Opposition in Presse, Rundfunk und Fernsehen“.

Für diese Worte erntet der Staats- und Parteichef großen Applaus. Doch andere ZK-Mitglieder kritisieren die Arbeit der Partei in den letzten Jahren und auch seine Rolle deutlich. Eine Parteisekretärin aus dem Vogtland sagt, sie sei von der Parteiführung seit Jahren nie richtig informiert, sondern „belogen“ worden. Der als Nachfolger von Willi Stoph designierte, aber noch nicht gewählte DDR-Ministerpräsident Hans Modrow fordert, die Partei müsse sich im Einklang mit den Menschen auf der Straße erneuern, sonst verliere sie „die Kraft zur Führung“.

12 Uhr: Das Politbüro bestätigt während einer Raucherpause den Reiseregelungs-Entwurf der vier Offiziere, er wird an den Ministerrat weitergeleitet.

13 Uhr: Die Schülerinnen und Schüler des 13. Jahrgangs des Cloppenburger Clemens-August-Gymnasiums schlendern durch Ost-Berlin. Sie waren vor einigen Tagen zu einer Studienfahrt in Berlin eingetroffen und statten nun der Hauptstadt der DDR einen Besuch ab. Für sie ist die Situation aufregend, aber auch gespenstisch. „Benehmt euch ordentlich“, hatten die Lehrkräfte ihnen vorher eingebläut. Der Ostteil der Stadt wirkt „wie eine Schwarz-Weiß-Zeitung“, sagt Schülerin Katja Kläne-Menke. Von einem historischen Tag merkt hier noch niemand etwas. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte von Katja Kläne-Menke und dem Cloppenburger Abiturjahrgang von 1990)

14 Uhr: Bundeskanzler Helmut Kohl trifft zu einem mehrtägigen Staatsbesuch in Warschau ein.

16 Uhr: Egon Krenz verliest im ZK den Entwurf der Reiseregelung. Im Anschluss schweigt er, stöhnt kurz und sagt: „Wie wir’s machen, machen wir’s verkehrt. Aber das ist die einzige Lösung, die uns die Probleme erspart, alles über Drittstaaten zu machen, was dem internationalen Ansehen der DDR nicht förderlich ist.“ Nicht im Saal ist übrigens ZK-Mitglied Günter Schabowski, er hört den Entwurf also nicht.

An dem Entwurf werden noch einige Änderungen gemacht. Anschließend wird er in den Ministerrat, also die offizielle DDR-Regierung, weitergeleitet. Um 16.55 Uhr wird der Text der Reiseverordnung an die Bezirks- und Kreisleitungen der SED verschickt – viele der Ersten Sekretäre der Bezirksleitungen befinden sich zu diesem Zeitpunkt jedoch in Ost-Berlin, im ZK der SED.

17.30 Uhr: Günter Schabowski, zurzeit Sprecher des ZK der SED, erhält von Egon Krenz die Ministerrat-Beschlussvorlage und die dazugehörige Pressemitteilung ausgehändigt. In der steht, dass die Reiseregelung ab 10. November in Kraft tritt – in der Beschlussvorlage nicht. Vortragen soll Schabowski die Pressemitteilung ab 18 Uhr bei einer live im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz im Internationalen Pressezentrum in der Mohrenstraße. Der Sprecher fährt dorthin – und wirft keinen Blick auf die zu verlesende Mitteilung, die aufhorchen lassen wird. Er notiert aber, dass sie zum Schluss der PK, quasi beiläufig, noch erwähnt werden sollte.

Günter Schabowski auf der Pressekonferenz am 9. November 1989. Foto: dpa

18 Uhr: Die Pressekonferenz beginnt.

18.53 Uhr: Die Pressekonferenz in Ost-Berlin plätschert vor sich hin, mancher Medienvertreter schaltet schon auf Durchzug oder fängt an zu dösen. Da lässt sie Günter Schabowski aufhorchen, der kurz vor Ende die Pressemitteilung verliest: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen – Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse – beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der VP – der Volkspolizeikreisämter – in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen.“ Und auf die Frage eines Korrespondenten, ab wann diese Regelung gelte, stammelt Schabowski: „Das tritt…, nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich…“

Günter Schabowski zu den neuen Reiseregelungen der DDR:

19 Uhr: Die Pressekonferenz ist zu Ende, die Journalisten versuchen noch, eine klare Aussage Schabowskis zu erhalten, die das bestätigt, was sie gerade gehört hatten. Dem US-Amerikaner Tom Brokaw bejaht er die Frage, ob es sich dabei um die „Freiheit zu reisen“ handele, und bekräftigt, dass es bei der Regelung nicht um Tourismus gehe, sondern um die Ausreise aus der DDR.

Brokaw stellt sich daraufhin vor die Berliner Mauer. Noch ist kein Mensch zu sehen. Die Kamera ist auf ihn gerichtet und er spricht ins Mikrofon: „Dies ist eine historische Nacht. Die ostdeutsche Regierung hat soeben erklärt, dass die ostdeutschen Bürger von morgen früh an die Mauer durchqueren können – ohne Einschränkungen.“ Das „morgen früh“ muss er aus der Pressemitteilung haben – den Teil hatte Schabowski auf der PK nicht vorgelesen.

Schabowskis handschriftliche Notizen. Foto: Paul Zinken/dpa

Nach der Pressekonferenz vermelden Agenturen weltweit die Sensationsnachricht: Die DDR öffnet ihre Grenzen. Unterdessen tagt das SED-Zentralkomitee weiter. Man stellt fest, dass das Land angesichts 20 Milliarden Dollar Schulden bei westlichen Staaten mindestens seit 1973 über seine Verhältnisse gelebt hat – und dass man nun 15 Jahre „hart arbeiten“ und „weniger verbrauchen als (…) produzieren“ müsse.

20.15 Uhr: 80 Ost-Berliner stehen an den Grenzübergängen Bornholmer Straße, Invalidenstraße und Heinrich-Heine-Straße. Die Grenzwächter haben die Order, sie nach Hause zu schicken – und auf morgen zu vertrösten.

21.30 Uhr: Allein am Grenzübergang Bornholmer Straße stehen nun bis zu 1000 Menschen und fordern ihre Ausreise – so wie es Schabowski in der Pressekonferenz mitgeteilt hat. Die Grenzsoldaten erhalten nun den Befehl, nur diejenigen durchzulassen, die sich am vehementesten für den Grenzübertritt einsetzen. Sie sollen aber – erkennbar anhand eines Stempels auf dem Foto im Personalausweis – später nicht wieder in die DDR eingelassen werden. Aber auch einige weitere Bürger, die sich in ihren Forderungen zurückgehalten haben, dürfen nun passieren – zur „Absicherung“, wie ein Passkontrolleur erzählt, vermutlich um die „Störer“ in Sicherheit zu wiegen. Doch die Menschen dahinter denken nun, dass nun endlich alle durchgelassen werden und strömen weiter nach vorne. Der Druck wächst.

In Warschau endet das Staatsbankett aus Anlass des Besuchs von Bundeskanzler Helmut Kohl. Jetzt erfährt Kohl, welche Szenen sich in Ost-Berlin gerade abspielen.

22 Uhr: Egon Krenz sitzt in seinem Arbeitszimmer im ZK-Gebäude. Da klingelt das Telefon, und Erich Mielke informiert ihn über die Lage an der Grenze. Für ihn ist die Lage klar: Entweder mit Panzern vorfahren und die Lage beruhigen – oder die Schlagbäume öffnen. Krenz entscheidet sich für Letzteres. Doch dieser Befehl erreicht die Armee und Grenztruppen nicht.

22.28 Uhr: In der Aktuellen Kamera wird auf den morgigen Tag verwiesen: „Die Reisen müssen beantragt werden!“ Und die dafür zuständigen Stellen würden am 10. November wieder öffnen.

22.42 Uhr: In den ARD-Tagesthemen teilt Hanns Joachim Friedrichs mit: „Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“ Was mitnichten der Fall ist. Doch im anschließenden Bericht aus Berlin heißt es: „Mit Besuchen in West-Berlin kann man also jede Minute rechnen.“ Ein West-Berliner berichtet, dass an der Bornholmer Straße schon vor einer Stunde die ersten DDR-Bürger über die Grenze getreten sind. Viele Menschen in der DDR sehen diese Bilder auf ihren TV-Geräten. Und sie hören, was gesagt wird.

Die Tagesthemen vom 9. November 1989 in voller Länge:

23.30 Uhr: Am Grenzübergang an der Bornholmer Straße drängen die Menschen immer stärker in Richtung Schlagbaum. Einen Drahtgitterzaun vor der Grenze schieben sie einfach zur Seite. Oberstleutnant Harald Jäger bekommt Angst um das Leben seiner Grenzwächter – und gibt den Befehl, den Übergang zu öffnen und nicht mehr zu kontrollieren. Nun strömen Tausende über die Bösebrücke an der Bornholmer Straße in den Westen, wo die Menschen sie begeistert begrüßen. Dem Beispiel folgen in der Folgezeit auch weitere Grenzüberänge. Nun können auch Menschen ohne Ausweise nach West-Berlin.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 strömen die Menschen über einen Grenzübergang nach West-Berlin. Foto: dpa

Ein Volkspolizist steht inmitten der Menge, und eine junge Frau bittet ihn: „Kannste dit noch mal wiederholen, bitte, waste eben jesagt hast?“ Der Polizist erklärt in schönstem Behördendeutsch die Regelung, wie sie eigentlich gemeint war, und dass die Öffnung an der Bornholmer Straße der Situation geschuldet war und „keinerlei strafrechtliche Relevanzen hier in Kraft treten“ werden. Die Frau wird noch mal klarer: „Also, jetzt auf Deutsch: Meine Mutter und mein Vater sind da drüben, kann ick jetze rüber jehen und meine Eltern besuchen jehen, ja?“ Der Polizist bestätigt das, und die Frau drückt ihm einen Kuss auf die Wange. Die Menge johlt, der Polizist lächelt.

Auch die Schülerinnen und Schüler des Cloppenburger Clemens-August-Gymnasiums sind mittlerweile am Grenzübergang eingetroffen. Diesen historischen Moment wollen sie sich nicht entgehen lassen – das sehen auch ihre Lehrer so. Hier feiern sie in der Nacht mit Tausenden Menschen auf den Straßen. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte von Katja Kläne-Menke und dem Cloppenburger Abiturjahrgang von 1990)

0.20 Uhr: Die Menschen in Ost und West feiern miteinander auf den Straßen Berlins. Derweil ist die Führung der Grenztruppen durcheinander. Angesichts der chaotischen Situation und fehlender Information bzw. Befehle von ganz oben ringt man um die Rückgewinnung der Kontrolle.Schließlich wird die Alarmstufe „Erhöhte Gefechtsbereitschaft“ für alle 12.000 Soldaten in den Berliner Grenzregimentern ausgelöst. Da es bei dieser Maßnahme bleibt, entscheiden deren Kommandeure schließlich, nichts zu unternehmen. „Es waren ja unsere Bürger – und ich bin nun mal auf diese unsere Bürger durch meinen Fahneneid vereidigt gewesen“, sagt der Stabschef eines Berliner Grenzregiments Jahre später.

2 Uhr: Auf der besonders breiten Panzermauer am Brandenburger Tor tanzen die Menschen vor Freude. Berlinerinnen und Berliner aus Ost und West überwinden die Mauer, laufen durchs Brandenburger Tor im Osten oder flanieren über den Kudamm im Westen. Lange Autoschlangen rollen langsam durch ein Spalier von Menschen, die jeden Trabant oder Wartburg jubelnd begrüßten.

Besucherinnen und Besucher aus der DDR verwandelten den Kurfürstendamm in West-Berlin in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 in eine riesige Fußgängerzone. Foto: dpa

Auf dem Pariser Platz hört man die „Mauerspechte“ klopfen. Mit Hämmern und Meißeln schlagen die Menschen auf der Westseite Teile der Betonmauer ab.

Das DDR-Radio vermeldet unterdessen, dass die Grenze nur „als Übergangsregelung“ bis um 8 Uhr nur unter Vorlage des Personalausweises passiert werden könne. Dazu wird es nicht kommen: Aufgrund des enormen Andrangs an den Grenzübergängen und in den Volkspolizeikreisämtern werden die Visa direkt in den Personalausweis gestempelt.

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Unser Rückblick wird fortgesetzt am 10. November.

8. November 1989

Das SED-Zentralkomitee tritt zu einer dreitägigen Sitzung zusammen – und anfangs tritt gleich das Politbüro geschlossen zurück. Außerdem wird verkündet, dass das Neue Forum nun doch als Vereinigung zugelassen wird.

Staats- und Parteichef Egon Krenz verkündet am 8. November 1989 vor dem ZK-Gebäude in Ost-Berlin die Namen der neugewählten Politbüro-Mitglieder. Foto: Wolfgang Weihs/dpa

Die Regierung der CSSR bestellt den DDR-Botschafter ein. Die Bevölkerung in grenznahen Gebieten sei nicht einverstanden mit den Zehntausenden von Menschen, die in den vergangenen Tagen über die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik ausgereist sind. Also ersucht die CSSR die DDR, die Ausreisen direkt abzuwickeln – und nicht über tschechoslowakisches Gebiet.

In seiner Rede zur Lage der Nation im Deutschen Bundestag gibt Bundeskanzler Helmut Kohl die Forderungen an die DDR bekannt, die Rudolf Seiters am Vortag Alexander Schalck-Golodkowski mitgeteilt hatte: „Wir wollen nicht unhaltbar gewordene Zustände stabilisieren. Aber wir sind zu umfassender Hilfe bereit, wenn eine grundlegende Reform der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der DDR verbindlich festgelegt wird. (…) Einen grundlegenden politischen und wirtschaftlichen Wandel in der DDR zu fördern, ist unsere nationale Aufgabe.“

Dass Kohl dabei aber schon mehr im Sinn hatte als einen reformierten zweiten deutschen Staat, zeigt auch sein Schlusswort: „Wir streben an – und das bleibt Ziel unserer Politik – wie Konrad Adenauer es einmal formuliert hat: ,In einem freien und geeinten Europa ein freies und geeintes Deutschland.‘“

In der „Aktuellen Kamera“ liest die Schriftstellerin Christa Wolf einen Appell an diejenigen, die die DDR verlassen wollen, vor: „Wir bitten Sie, bleiben Sie doch in Ihrer Heimat, bleiben Sie bei uns! (…) Helfen Sie uns, eine wahrhaft demokratische Gesellschaft zu gestalten, die auch die Vision eines demokratischen Sozialismus bewahrt.“ Unterschrieben wurde der Aufruf, der tags darauf auch auf der ersten Seite des Parteiorgans „Neues Deutschland“ erscheint, von weiteren prominenten Schriftstellern und Bürgerrechtlern, die teilweise auch auf der großen Demo am 4. November in Ost-Berlin gesprochen hatten.

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Wolfgang Ritter und seine Frau Brigitte dürfen nun endlich die DDR endgültig verlassen. Ihrem Ausreiseantrag wird nach einem Jahr stattgegeben. In der Zeit seit der Flucht ihres Sohnes über die Prager Botschaft am 30. September hatten die beiden allerdings noch einige Schikanen des SED-Regimes über sich ergehen lassen müssen. Die erste Station im Westen ist Varel. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte von Wolfgang Ritter, der 2019 in Brake lebt)

7. November 1989

Weil die tschechische Regierung von der DDR eine Lösung des Flüchtlingsproblems fordert, beschließt das Politbüro der SED, den Ausreiseteil des Reisegesetz-Entwurfs vorzeitig in Kraft zu setzen. Die Bundesrepublik und die UdSSR werden über diesen Schritt vorab unterrichtet.

Der DDR-Ministerrat – die Regierung der DDR – unter seinem Vorsitzenden Willi Stoph tritt geschlossen zurück.

An der Kontrollstelle Hirschberg staunen die DDR-Passkontrolleure nicht schlecht: Über 100 Menschen, die zuvor über die CSSR in die Bundesrepublik ausgereist waren, wollen in die DDR zurückkehren. Warum? Die Reisenden nennen „Abenteurertum, die Durchführung von Kaffeereisen sowie das Testen der Glaubwürdigkeit der DDR-Medien“ als Gründe an. Dass Ausreisewillige das Land gar nicht permanent, sondern nur für kurze Reisen verlassen wollen, scheint den Grenzern neu zu sein.

Bei Alexander Schalck-Golodkowski klingelt das Telefon. Am anderen Ende: Rudolf Seiters. Er diktiert ihm die Bedingungen, unter denen die Bundesrepublik bereit wäre, finanzielle und materielle Unterstützung zu leisten: Zulassung oppositioneller Gruppen, Zusage zu freien Wahlen und Verzicht auf den Führungsanspruch der SED. Würde der Staatsratsvorsitzende Egon Krenz dies öffentlich verkünden, hielte Bundeskanzler Helmut Kohl „vieles für machbar und alles für denkbar“, teilt Seiters mit.

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6. November 1989

Der Reisegesetz-Entwurf des SED-Politbüros liegt vor: Über einen Zeitraum von 30 Tagen im Jahr sollen DDR-Bürger ins Ausland reisen dürfen. Schwammig formuliert, ist in dem Entwurf von „Versagungsgründen“ die Rede, die Behördenwillkür befürchten lassen. Wie die Reisen finanziert werden sollen, ist ungeklärt. Der Entwurf verstärkt die Proteste in der DDR – obwohl er vor wenigen Wochen vermutlich von vielen noch als Erfolg gewertet worden wäre. Denn die Protestierenden befürchten, dass „dieselben, die uns immer gedemütigt haben, wieder über unser Schicksal entscheiden“.

Alexander Schalck-Golodkowski verhandelt derweil mit Rudolf Seiters und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Gegen hohe Milliardenkredite bietet er den westdeutschen Politikern an, die Mauer Stück für Stück zu öffnen. Besonders an der Finanzierung der Auslandsreisen solle sich die Bundesrepublik beteiligen – auch weil sie einen Zuwachs an Tourismus aus der DDR erwarten dürfte. Schalck-Golodkowski merkt jedoch, dass er angesichts des inneren Drucks der Opposition und der finanziellen Probleme wenig Verhandlungsspielraum hat.

Bei den Montagsdemonstrationen – in Leipzig sind circa 500.000 Menschen unterwegs (und diesmal gibt es auch eine Beschallungsanlage des Leipziger Stadtfunks, der die Redner weithin hörbar macht) – steht vor allem das Reisegesetz im Mittelpunkt, aber auch „Schluss mit dem Führungsanspruch der SED“ und „Die Mauer muss weg“ wird skandiert.

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Auf den Montagsdemos am 6. November 1989 – hier in Dresden – werden die Menschen immer mutiger. Bild: Imago

5. November 1989

Stündlich fahren bis zu 300 Menschen mit ihren Fahrzeugen am Grenzübergang Schirnding von der Tschechoslowakei in die Bundesrepublik. Insgesamt reisen an diesem Wochenende 23.200 DDR-Bürgerinnen und Bürger über die CSSR aus. Bis zum 8. November wird die Zahl auf 45.000 gewachsen sein.

DDR-Flüchtlinge überqueren die Grenze zur Bundesrepublik am Grenzübergang Schirnding auf dem Weg aus der CSSR. Bild: Imago

4. November 1989

Die DDR-Botschaft in Prag erteilt ausreisewilligen Bürgerinnen und Bürgern Ausreise-Visa – und sichert zu, dass dies keine Auswirkung auf die Staatsbürgerschaft habe und die Menschen wieder zurückkehren könnten.

Erstmals ist auch Ost-Berlin Schauplatz einer Massendemonstration: Zwischen einer Viertel- und einer halben Million Menschen demonstrieren bis zum Nachmittag auf dem Alexanderplatz für Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Die Volkspolizei hält sich zurück, NVA-Kräfte sichern in großer Zahl jedoch das Brandenburger Tor, um einen eventuellen Grenzdurchbruch zu verhindern.

Demonstranten am 4. November 1989 auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz. Foto: dpa

Zu den Rednern der Kundgebung gehören unter anderem der heutige Linken-Politiker Gregor Gysi, der Schriftsteller Stefan Heym, der Schauspieler Jan Josef Liefers, die Schriftsteller Heiner Müller und Christa Wolf sowie der Theologe Friedrich Schorlemmer. Auch SED-Politbüromitglied Günter Schabowski, der in den vergangenen Tagen bereits mit den Menschen in den Dialog getreten ist, steht auf der Rednerliste. Er wird gnadenlos ausgepfiffen und mit „Abtreten! Abtreten!“-Rufen bedacht. Doch seine „große Stunde“ sollte ja noch kommen…

Die Demonstration vom 4. November 1989 mit allen Rednern in voller Länge:

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Erneut reisen 6000 DDR-Bürger, die sich auf dem Gelände der bundesdeutschen Botschaft in Prag befinden, in die Bundesrepublik aus, diesmal auf direktem Wege ohne den Umweg über die DDR.

In der „Aktuellen Kamera“, der Hauptnachrichtensendung des DDR-Fernsehens, erklärt der stellvertretende Innenminister, Dieter Winderlich, dass auch Ausreiseanträge in der DDR selbst (also nicht nur in Prag) „unbürokratisch und schnell“ entschieden werden – doch es glaubt ihm kaum jemand.

3. November 1989

Die CSSR teilt dem Botschafter der DDR, Helmut Ziebart, mit, dass die SED Maßnahmen einleiten möge, die den Zustrom an „politischen Flüchtlingen“ beenden oder ihre Abfertigungspraxis von Ausreisewilligen so anzupassen, dass täglich dieselbe Menge an neuen Bürgern in der BRD-Botschaft auch das Land in Richtung Bundesrepublik verlassen können. Schließlich fragt man sich in Prag, warum die DDR ihre Bürger erst in die Tschechoslowakei ziehen lässt und sie nicht gleich über die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin abwickelt.

Das SED-Politbüro beschließt, die 6000 sich zur Zeit in der bundesdeutschen Botschaft in Prag verweilenden DDR-Bürgerinnen und -Bürger direkt in die Bundesrepublik ausreisen zu lassen.

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Im Hinblick auf die für den Folgetag angekündigte – und von den Behörden auch genehmigte – Massendemonstration in Ost-Berlin richtet sich Egon Krenz in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates der DDR an die bewaffneten Einsatzkräfte: „Die Anwendung der Schusswaffe in Zusammenhang mit möglichen Demonstrationen ist grundsätzlich verboten.“

Egon Krenz verkündet in einer TV- und Rundfunkansprache den Rücktritt von fünf Politbüro-Mitgliedern. Einen Tag zuvor waren bereits lokale SED-Größen sowie Blockparteien-Vorsitzende und der Chef des FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund), Harry Tisch, zurückgetreten.

An die Ausreisewilligen appelliert Krenz, im Land zu bleiben: „Vertrauen Sie unserer Politik der Erneuerung! (…) Wir brauchen Sie!“ Wer dennoch die DDR verlassen wollte, solle sich an die Behörden der DDR wenden und ihnen vertrauen. Angesichts der bisherigen Schikanen, die DDR-Bürger, die einen offiziellen Ausreiseantrag gestellt haben, erleiden mussten, dürfte dieses Vertrauen den Menschen sehr schwer fallen. Die Menschen bevorzugen die Ausreise über die Prager Botschaft – auch weil kaum jemand den Beteuerungen der SED-Oberen Glauben schenkt.

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1. November 1989

Egon Krenz besucht Moskau und erörtert Michail Gorbatschow die schwierige ökonomische Situation in der DDR – anders als sein Vorgänger Erich Honecker, der dem Genossen aus Moskau am 7. Oktober in Ost-Berlin noch von der Wirtschaftskraft der DDR vorgeschwärmt hatte. Gorbatschow antwortet seinem Gast, dass mit wirtschaftlicher Hilfe aus der Sowjetunion nicht zu rechnen sei.

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Oktober 1989

2. Oktober: Bis zu 20.000 Menschen demonstrieren in Leipzig. Es ist der Geburtsort der Losung der friedlichen Revolution: Bevor die Polizei in die Demonstration eingreift, richtet sie sich über Lautsprecher an die Menge: „Hier spricht die Volkspolizei“, sagt sie. Spontan antworten die Demonstrierenden: „Wir sind das Volk.“ Der Satz wird in den nächsten Wochen noch häufig und sehr laut zu hören sein.

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Derweil titelt die „Neues Deutschland“ anlässlich eines Besuchs von Erich Honeckers Stellvertreter Egon Krenz in China „In den Kämpfen unserer Zeit stehen DDR und China Seite an Seite“ – Befürchtungen, das DDR-Regime könnte ähnlich brutal wie in Peking auf die anwachsenden Proteste im Land reagieren, machen die Runde.

3. Oktober: Die DDR setzt den visafreien Reiseverkehr in die Tschechoslowakei, nach Bulgarien und Rumänen aus. Unterdessen reisen am 4. Oktober 7000 DDR-Bürgerinnen und Bürger in die Bundesrepublik aus, die erneut die Botschaft besetzt hatten. Als der verriegelte Sonderzug mit den Flüchtlingen durch Dresden fährt, versuchen Menschen auf die Züge aufzuspringen. Es entsteht eine Straßenschlacht zwischen Ordnungskräften und etwa 10.000 Demonstranten.

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6. Oktober: Die Staatsfeierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung beginnen. Michail Gorbatschow reist aus Moskau an. Der sowjetische Staats- und Parteichef fährt durch Ost-Berlin und trifft zunächst nur auf ausgewähltes Publikum. Die Zugänge zur Strecke seiner Staatskarosse sind von den Behörden gesperrt worden. Auf Jubel für den Reformer aus dem Bruderstaat wollen die SED-Oberen gerne verzichten. Auf der Straße „Unter den Linden“ trifft der Gast aus der Sowjetunion auch auf „normale“ Menschen aus dem Volk. Sie begrüßen ihn mit „Gorbi, Gorbi“-Parolen und rufen auch „Hilf uns!“

Schmatz: Michail Gorbatschow (links) wird nach seiner Ankunft am 6. Oktober 1989 in Ost-Berlin vom Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker mit dem traditionellen Bruderkuss willkommen geheißen. Foto: Wolfgang Kumm/dpa

In einem Gespräch mit westlichen Journalisten sagt Gorbatschow „Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren!“ Vor dem SED-Politbüro variiert er diesen Satz: „Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort.“ Sein Pressesprecher formuliert ihn am Abend um – und der Satz geht um die Welt: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ – das sagte Michail Gorbatschow bei der spontanen Pressekonferenz Unter den Linden in Berlin Mitte zwar nicht, aber seine Worte hatten dieselbe Intention. Foto: Hanns-Peter Lochmann/dpa

Auf dem abendlichen Festakt des ZK der SED im Palast der Republik spielt die aktuelle Fluchtwelle in der Rede Erich Honeckers keine Rolle. Gorbatschow hingegen wird deutlicher und äußert Zuversicht, dass die SED „in Zusammenarbeit mit allen gesellschaftlichen Kräften“ die aktuellen Herausforderungen meistern werde.

Zeitgleich versammeln sich Oppositionsgruppen in der Ost-Berliner Erlöserkirche, fordern Meinungsfreiheit und rufen zu Gewaltlosigkeit auf. In Dresden kommt es zu schweren Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstrierenden.

Die NVA befindet sich derweil in erhöhter Einsatzbereitschaft. Der junge Soldat Alexander Will erfährt in der Kaserne weiterhin nur wenig von dem Geschehen außerhalb der Kasernenmauern. Doch dass die Menschen zu Tausenden auf die Straße gehen, hat er auch mitbekommen. Die Briefe, die er bekommt, sind mit geheimen Codes durchsetzt. Und es steht zu befürchten, dass die Staatsführung die Armee auch gegen die Demonstranten einsetzen möchte. Die jungen Soldaten sprechen darüber – doch für Will steht fest: „Ich schieße doch nicht auf meine Freunde!“ Doch hätte er im Zweifel eine Wahl?

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7. Oktober: Inmitten der 40-Jahre-Feierlichkeiten demonstrieren Tausende in Ost-Berlin, Leipzig, Potsdam und weiteren Städten für demokratische Reformen. An diesem Abend und am 8. Oktober gehen Volkspolizei, Staatssicherheit und Kampfgruppen gewaltsam und mit Massenverhaftungen gegen die Demonstrierenden vor. Oppositionelle rechnen für die nächste Zeit mit zunehmender Härte des Regimes.

Gemeinsam mit Gast Michail Gorbatschow nimmt derweil Staats- und Parteichef Erich Honecker die Parade der Nationalen Volksarmee und deren schwerer Gerätschaften ab. Diese Demonstration der Stärke, so vermutet der Kommentator der Tagesschau, sei mehr nach innen, als nach außen gerichtet.

Michail Gorbatschow (2. von links) und Erich Honecker (2. von rechts) nehmen die Parade der NVA ab. Bild: Imago

In Schwante bei Berlin gründen ca. 50 Menschen die Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP). Seit der Vereinigung von SPD und KPD 1946 hatte es im Osten Deutschlands keine sozialdemokratische Partei mehr gegeben.

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8. Oktober: Erich Honecker bezeichnet in einem internen Schreiben die Demonstrationen vom 7. Oktober als „gegen die verfassungsmäßigen Grundlagen unseres sozialistischen Staates gerichtet“. Fortan seien weitere „Krawalle (…) von vornherein zu unterbinden“. Stasi-Chef Erich Mielke versetzt seine Mitarbeiter in „volle Dienstbereitschaft“, aktiviert personelle Reserven und verordnet ihnen das ständige Tragen der Dienstwaffe.

Ost-Berlin wird abgeriegelt, aus dem Westen ist keine Einreise mehr möglich. Einige Bereiche der Stadt werden zu Sperrgebieten erklärt – verbunden mit der Drohung, dies auch in der ganzen DDR umsetzen zu können.

Unterdessen beginnt in Dresden ein Dialog zwischen Oppositionellen der sogenannten „Gruppe der 20“ mit der SED-Bezirksführung. Zuvor hatten Geistliche zwischen Demonstrierenden und SED vermittelt.

9. Oktober: Nachdem einige Tage zuvor mit Hinblick auf die nächste Montagsdemo in Leipzig ein Kampfgruppenkommandeur einen „offenen Brief“ in der Leipziger Volkszeitung veröffentlicht hat, in dem angekündigt wird, auch „mit der Waffe in der Hand“ gegen „staatsfeindliche Provokationen“ vorzugehen, ist die Lage angespannt. Die teils gewaltsamen Auseinandersetzungen der letzten Tage tun ihr Übriges.

Und tatsächlich: Die Staats- und Parteiführung ist bereit, die heutigen Demonstrationen auch blutig niederzuschlagen. Das Ziel ist, Menschenansammlungen in Leipzig am 9. Oktober nicht zuzulassen. Rund 8000 Einsatzkräfte aus Polizei, Stasi und NVA stehen bereit, dazu kommen circa 5000 Mitglieder der SED und Mitarbeiter staatlicher Organe, die die Menschen an der Bildung eines Demonstrationszugs hindern sollen. Die verantwortlichen Einsatzleiter der Volkspolizei rechnen mit bis zu 50.000 Demonstranten. Die Auflösung des Protests haben die Einsatzkräfte am Vortag bereits geübt.

Leipziger Oppositionsgruppen appellieren an beide Seiten, gewaltlos zu bleiben und warnen vor einer Eskalation der Gewalt. Auch drei Vertreter der SED-Bezirksleitung beteiligen sich an einem Aufruf der sogenannten „Leipziger Sechs“: und nicht nur das – sie versprechen sogar, sich für den Dialog zwischen Opposition und Regierenden in der ganzen Republik einzusetzen.

Friedensgebet am 9. Oktober 1989 in der Nikolaikirche in Leipzig. Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa

Trotz der Warnungen und Befürchtungen des Einsatzes von Waffengewalt seitens des Regimes strömen Tausende in die Leipziger Innenstadt. Nach dem Friedensgebeten in der Nikolaikirche werden es mehr und mehr. Gegen 18.30 Uhr sind 70.000 Menschen auf der Straße. „Wir sind das Volk“, schallt es immer wieder durch die Straßen. Das Geschehen wird live ins Lagezentrum des Innenministeriums in Ost-Berlin übertragen – wo dann die Einsicht reift, dass sich diese Massen nicht am Demonstrieren hindern lassen. Es ergeht der Befehl, nicht einzugreifen.

Die betrieblichen Kampfgruppen sind zum Teil nur in knapper Besetzung am Einsatzort erschienen – und in der Volkspolizei herrscht die Auffassung vor: „Mit polizeilichen Mitteln ist dieser Erscheinung nicht mehr zu begegnen.“

Demonstranten bei der Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig. Foto: Lehtikuva/dpa

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„Wir sind das Volk“: Die Montagsdemo am 9. Oktober 1989 in Leipzig

Nicht überall bleibt es jedoch friedlich. In der Haller Marktkirche haben Pfarrerin Annette-Christine Lenk zusammen mit anderen Geistlichen und Hunderten Menschen die Friedensgebete abgehalten. Als sie auf die Straße gingen, standen da schon die Uniformierten vor den Einsatzwagen – und griffen zu. Bis zu 500 Menschen wurden festgenommen. Lenk tastete keiner an. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte von Annette-Christine Lenk, die 2019 in Oldenburg lebt)

10. Oktober: Nicht nur ist die größte Massendemonstration in der DDR seit dem 17. Juni 1953 in Leipzig friedlich verlaufen, auch die von der SED gelenkten Zeitungen in der DDR berichten erstmals sachlich von den Demonstrationen und veröffentlichen sogar Stimmen (wie von dem Chef des Leipziger Gewandhausorchesters, Kurt Masur), die einen Dialog mit den Oppositionellen fordern. Beides war zwei Tage zuvor noch undenkbar.

11. Oktober: Nach einer zweitägigen Sitzung gesteht das SED-Politbüro ein, dass die Ursachen für die extrem hohen Flüchtlingszahlen der vergangenen Wochen auch in der DDR selbst zu suchen seien. Man wolle mit den Bürgerinnen und Bürgern in den Dialog treten und über Themen wie „wirtschaftliche Leistungsfähigkeit“, „demokratisches Miteinander“ und „Reisemöglichkeiten“ sprechen. Hinter dieser Erklärung steht vor allem Politbüro-Mitglied Egon Krenz, der sie gegen den Widerstand Erich Honeckers durchsetzt.

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16. Oktober: Bei der Montagsdemonstration in Leipzig gehen mehr als 100.000 Menschen auf die Straße. In Dresden, Magdeburg, Halle und Ost-Berlin demonstrieren ebenfalls Tausende – wenn auch nicht annähernd so viele wie in Leipzig. Die Demonstrationen bleiben friedlich. Die Machthaber versuchen nun, die Demonstrationen zu verhindern bzw. möglichst klein zu halten, indem sie über die Leipziger Volkszeitung bzw. den Leipziger Stadtfunk Vertreter aus Politik, Kultur und Kirche für eine Beendigung der Demonstration eintreten lassen – um den Dialog nicht zu gefährden: „Auf der Straße sind die Probleme nicht zu lösen“, teilt zum Beispiel ein Professor der Leipziger Karl-Marx-Universität mit.

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18. Oktober: Erich Honecker tritt von seinen Ämtern zurück. Das SED-Politbüro zwingt ihn, seine Angang mit gesundheitlichen Gründen zu erklären. In der entscheidenden Politbüro-Sitzung gibt er jedoch zu Protokoll, er sei ein „Genosse, der bei voller Gesundheit ist“.

Das DDR-Politbüro während der Sondersitzung am 18. Oktober 1989. Hier wurde der Rücktritt von Erich Honecker beschlossen. Heute ist in dem Gebäude das Auswärtige Amt der Bundesrepublik untergebracht. Foto: Chris Hoffmann/dpa

Nachfolger als Staats- und Parteichef wird Egon Krenz, der in seiner Antrittsrede sagt: „Fest steht, wir haben in den vergangenen Monaten die gesellschaftliche Entwicklung in unserem Lande in ihrem Wesen nicht real genug eingeschätzt und nicht rechtzeitig die richtigen Schlussfolgerungen gezogen. Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wieder erlangen.“

Erich Honecker (links) wurde am 18. Oktober 1989 entmachtet, sein Nachfolger wurde Egon Krenz (rechts, Bild vom 1. Oktober 1989). Bild: Imago

Die von Krenz angesprochene „Wende“ beschreibt zwar eine Änderung der Reaktion der Partei auf die Ereignisse der letzten Wochen, am Ende soll aber die Wiedererlangung der Kontrolle durch die SED stehen. Darum ist der Begriff „Wende“ für die Zeit der zugrunde gehenden DDR auch ein umstrittener.

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Tagesschau zum Machtwechsel in der DDR:

23. Oktober: In zahlreichen Städten der DDR demonstrieren Zehntausende Menschen. In Leipzig gehen 300.000 Menschen auf die Straße. Sprecher des Leipziger Neuen Forums, das weiterhin verboten ist, halten erstmals Reden auf einer Montagsdemonstration. Es steht allerdings nur ein Megafon zur Verfügung – die Massen hören die Reden kaum.

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24. Oktober: Das Politbüro beschließt, einen Gesetzentwurf zur Möglichkeit von Auslandreisen der Menschen in der DDR auszuarbeiten. Zeitgleich verhandelt der DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski, dessen Aufgabe es ist, im Auftrag der SED mit kapitalistischen Staaten inoffiziell Handel zu betreiben, mit der Bundesregierung. Die solle sich an den Kosten des geplanten Reisegesetzes beteiligen.

26. Oktober: Egon Krenz telefoniert mit Bundeskanzler Helmut Kohl und verkündet, die Beziehungen der DDR zur Bundesrepublik auf eine „neue Stufe“ heben zu wollen. Als Unterhändler beider Seiten werden Alexander Schalck-Golodkowski und Kanzleramtsminister Rudolf Seiters genannt.

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27. Oktober: Der DDR-Staatsrat verkündet eine Amnestie für Flüchtlinge und Demonstrationsteilnehmer. Außerdem soll der Reisestopp in die Tschechoslowakei ab 1. November aufgehoben werden. Am 1. November selbst werden wieder DDR-Bürger in die bundesdeutsche Botschaft in Prag strömen.

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30. Oktober: Das Ministerium für Staatssicherheit, das zwischen dem 16. und 22. Oktober 140.000 Teilnehmer auf 24 Demonstrationen gezählt hat, registriert vom 23. bis 30. Oktober 540.000 Teilnehmer auf 145 Demonstrationen. Führende SED-Funktionäre schließen nicht mehr aus, den Ausnahmezustand zu verhängen.

Wanderungen von Ost nach West: 57.024, davon 30.598 genehmigte Ausreisen

September 1989

4. September: Nach dem Friedensgebet demonstrieren circa 1200 Menschen vor der Leipziger Nikolaikirche. Sie rufen „Wir wollen raus!“

10. September: Bürgerrechtler veröffentlichen den Gründungsaufruf „Aufbruch 89 – NEUES FORUM“, in dem eine „gestörte“ Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft beschrieben wird. Die „Bearbeitung lebenswichtiger Gesellschaftsprobleme“ in der DDR solle daher mit allen Menschen im Rahmen dieser politischen Plattform geschehen. Das „Neue Forum“ soll am 19. September offiziell bei den Behörden angemeldet werden – die Behörden lehnen jedoch ab: Das „Neue Forum“ sei eine „staatsfeindliche Plattform“.

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In der Nacht zum 11. September öffnet Ungarn die Grenze zu Österreich für DDR-Bürger. Zehntausende, besonders junge Menschen machen sich in den nächsten Wochen so auf den Weg in die Bundesrepublik. Das SED-Organ „Neues Deutschland“ bezeichnet die Aktion als illegal und die Flüchtlinge als von der Bundesrepublik „abgeworben“.

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Riesenfreude: DDR-Übersiedler umarmen sich in Österreich. Diese beiden gehören zu den insgesamt über 10.000 Übersiedlern, die in den ersten 24 Stunden nach der Öffnung der ungarischen Grenze in den Westen geflohen sind. Foto: Wolfgang Kumm

12. September: Das Politbüro des ZK der SED, das höchste Gremium in der Partei – und damit auch das wichtigste in der DDR – diskutiert darüber, wie das „Loch Ungarn zuzumachen“ sei. Die Anzahl der Beantragungen von Reisen nach Ungarn ist überall in der DDR sprunghaft angestiegen. Als Ergebnis wird ein „Maßnahmeplan“ verabschiedet, nach dem Reiseanträge in sozialistische Bruderstaaten von der Stasi – und nicht von der eigentlich zuständigen Volkspolizei – überprüft werden sollen. Antragsteller, deren Flucht befürchtet wird, sollten nicht reisen dürfen. Zwei Tage später wird zudem allen Angehörigen der Nationalen Volksarmee (NVA, die Armee der DDR) und Grenztruppen die Reise nach Ungarn und durch Ungarn verboten.

14. September: Pfarrer Edelbert Richter aus Erfurt gibt in Bonn die Gründung der Oppositionsgruppe „Demokratischer Aufbruch“ bekannt. Sie will Reise-, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit sowie freie Wahlen in der DDR durchsetzen.

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18. September: Wieder demonstrieren nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche Menschen auf der Straße in Leipzig. Diesmal skandieren sie allerdings nicht mehr „Wir wollen raus“, sondern „Wir bleiben hier!“

DDR-Volkspolizisten versperren am 18. September 1989 nach dem Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche den Kirchenbesuchern den Weg. Bild: Imago

23. September: Offene Grenzen, Auflösung der DDR und erst recht die Deutsche Einheit sind noch weit entfernt – doch in Moskau sprechen Englands Premierministerin Margaret Thatcher und Michail Gorbatschow schon über die Wiedervereinigung. Bzw. darüber, dass sie nicht kommen dürfe, zumindest, wenn es nach Thatcher ginge: „Die Wiedervereinigung Deutschlands liegt nicht im Interesse Großbritanniens und Westeuropas. Es mag sich in unseren offiziellen Stellungnahmen anders anhören, aber das muss man nicht weiter ernst nehmen. Wir wollen kein wiedervereintes Deutschland. Es könnte unsere Sicherheit bedrohen.“

Klare Ansichten zur Deutschen Einheit: die britische Premierministerin Margaret Thatcher, hier am 30. April 1989 bei einem Gespräch mit Bundeskanzler Helmut Kohl Foto: Frank Kleefeldt/dpa

24. September: Weil die Tschechoslowakei (CSSR) die Kontrollen an der Grenze zu Ungarn verschärft, versammeln sich immer mehr DDR-Flüchtlinge in der bundesdeutschen Botschaft in Prag. Drei Tage später gibt die tschechoslowakische Regierung bekannt, dass für die 900 Menschen keine Ausreise über Ungarn möglich sein wird.

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Zwei dieser DDR-Bürger sind Wolfgang Ritter, der heute in Brake lebt, und sein Sohn Karsten. Die Ritters haben in der Heimat in Brandenburg Probleme mit der Staatsführung bekommen, nachdem sie 1988 einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Das hat zur Folge, dass Karsten nun verfrüht in die NVA eingezogen werden sollte. Der Familienrat tagte, mit dem Ergebnis, dass der 48-jährige Wolfgang seinen Sohn über die Prager Botschaft in den Westen bringen soll.

Täglich werden es mehr Menschen, die in die Botschaft strömen. Die Ritters helfen ihnen, über den Zaun aufs Botschaftsgelände zu gelangen oder die Stasi-Leute, die von der anderen Seite die Flüchtlinge aufhalten wollen, abzuwehren. Die Verhältnisse sind chaotisch: Menschen schlafen auf den Treppen, der Boden im Garten ist nach langen Regenfällen morastig, und es gibt nur wenige Toiletten für bald 4000 Menschen. Dennoch erleben die Ritters eine gute Stimmung. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte von Wolfgang Ritter, der 2019 in Brake lebt)

25. September: In Leipzig gehen 5000 bis 8000 Menschen auf die Straße und demonstrieren für demokratische Reformen und die Zulassung des „Neuen Forums“.

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30. September: Auf sowjetischen Druck hin gibt die DDR nach und gewährt den Flüchtlingen in der Prager Botschaft die Ausreise – allerdings über ihr eigenes Territorium. Die frohe Botschaft verkündet der bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Botschaft in Prag – und spricht dabei den wohl berühmtesten Halbsatz der deutschen Geschichte.

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Auch Karsten Ritter gehört zu den Menschen, die Prag nun mit dem Zug in Richtung Hof in Bayern verlassen. Sein Vater Wolfgang hingegen kehrt tatsächlich in die DDR zurück. Sein Plan war nie, zu flüchten. Er handelt hingegen mit dem DDR-Unterhändler Dr. Wolfgang Vogel eine Zusage auf einen positiven Bescheid bezüglich seines Ausreiseantrags aus. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte von Wolfgang Ritter, der 2019 in Brake lebt)

Die Ansprache von Hans-Dietrich Genscher in voller Länge:

Wanderungen von Ost nach West: 33.255, davon 11.903 genehmigte Ausreisen

August 1989

1. August: DDR-Sicherheitsorgane zählen 160 „feindliche, oppositionelle Zusammenschlüsse“, darunter befinden sich 150 kirchliche Basisgruppen. Sie würden 25 nicht genehmigte Schriften mit „antisozialistischem Inhalt“ erstellen und verbreiten. Zudem stellen die Organe fest, dass sich in Skin-, Punk-, Heavy-Metal- und Grufti-Gruppierungen „sozialismusfremde Tendenzen“ bei Jugendlichen zeigten.

8. August: Die Ständige Vertretung der DDR in Ost-Berlin wird geschlossen, gleiches passiert Tage später in den Botschaften in Prag und Budapest. Alle drei diplomatischen Vertretungen sind von DDR-Bürgerinnen und Bürgern besetzt. Dass sie die Menschen überhaupt aufnehmen dürfen, liegt auch daran, dass die Bundesrepublik die DDR nicht als Staat anerkennt – und somit für alle Deutschen zuständig ist.

Die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin (Bild von 1984): Hier, in der Hannoverschen Straße, warteten DDR-Bürgerinnen und Bürger auf eine Ausreisemöglichkeit aus der DDR. Bild: dpa

In der Bundesrepublik wird derweil darüber diskutiert, wie viele Flüchtlinge der Bund noch aufnehmen könne. An die Menschen aus der DDR appelliert Kanzleramtsminister Rudolf Seiters (CDU), für die Ausreise nicht die diplomatischen Vertretungen der Bundesrepublik zu nutzen.

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Auch Familie Kleinschmidt aus Ilmenau in Thüringen denkt darüber nach, die DDR zu verlassen. Die Eltern Gisela und Roland (beide 37) und die Kinder Yvonne (14) und Kevin (10) machen Urlaub am Plattensee. Ob sie wirklich fliehen werden, steht noch nicht fest. Daheim haben sie allerdings schon wichtige Papiere und Fotoalben bei Bekannten versteckt – sicher ist sicher. (Lesen Sie hier die Geschichte der Familie Kleinschmidt, die 2019 in Langwedel bei Bremen lebt)

Mitte August: Alexander Will tritt seinen Dienst bei der NVA an. Sein anderthalbjähriger Wehrdienst stand ohnehin an, er hat sich aber für drei Jahre verpflichtet – weil er einen speziellen Studienwunsch hatte: Arabistik. Wer in der DDR seine Zukunft individuell planen möchte, muss Opfer bringen. Will geht davon aus, die nächsten drei Jahre in den Kasernen der Nationalen Volksarmee zu verbringen. Besuche bei der Familie werden zur Seltenheit. Mit viel Glück dürfen Soldaten in der DDR einmal im Monat für zwei Tage in die Heimat reisen.

Nun beginnen sechs Wochen Grundausbildung für den 19-jährigen Alexander: Schießen, Stechen, Marschieren, Robben, ideologische Schulung. In der Kaserne im Norden Berlins sind die Informationsflüsse trockengelegt: Es gibt nur ein Telefon. Die Benutzung muss vorher beantragt werden. Die Soldaten haben zwar auch Transistorradios, doch die senden nur Propaganda – wenn man nicht gewaltigen Ärger riskieren möchte. Von der Familie und von Freunden bekommt Will Briefe, doch die Partei liest immer mit.

14. August: Erich Honecker sagt seinen berühmt gewordenen Satz: „Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf.“

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Honeckers berühmtes Zitat im Video:

15. August: Das Thermometer in Ungarn zeigt 35 Grad, als die Kleinschmidts den Fluchtversuch wagen. In der Bild-Zeitung hatten sie gelesen, dass die Ungarn alle DDR-Bürger über die Grenze lassen würden. Also machen sie sich auf, um in der Nähe der Grenze „Pilze sammeln“ zu gehen. Doch kurz vor der Grenze werden sie von ungarischen Grenzsoldaten gestellt – in ihren Ausweisen prangen nun Stempel, die den Fluchtversucht belegen. Was nun? (Lesen Sie hier die Geschichte der Familie Kleinschmidt, die 2019 in Langwedel bei Bremen lebt)

19. August: Das Ungarische Demokratische Forum und weitere Oppositionsgruppen veranstalten in Anwesenheit westlicher und ungarischer Politiker ein „paneuropäisches Picknick“ an der ungarisch-österreichischen Grenze bei Sopron, um für den Abbau der Grenzen zu demonstrieren. Zu diesem Zweck wurde ein Grenztor symbolisch geöffnet. Über 600 Menschen aus der DDR stürmen durch das Tor nach Österreich. Diese Art der Grenzüberquerung ist möglich, weil die ungarischen Sicherheitsorgane absichtlich nicht einschreiten – man will testen, wie die Sowjetunion darauf reagiert.

Nur drei Tage später wird ein DDR-Bürger bei einem Fluchtversuch von einem ungarischen Grenzposten erschossen.

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Jubelnde DDR-Flüchtlinge erreichen am 19. August 1989 Österreich. Etwa 600 DDR-Bürger nutzten das paneuropäische Picknick in Sopron zur Flucht in den Westen. Bild: dpa

Familie Kleinschmidt wagt es erneut. Über einen Bekannten haben Gisela und Roland einen Westdeutschen kennengelernt, der schon einigen DDR-Bürgern zur Flucht verholfen hat. Versteckt im Wohnwagen fahren sie mit ihm zur Grenze. Dort öffnet eine ungarische Grenzerin die Tür des Wohnwagens. Gisela Kleinschmidt hält ihrem Sohn den Mund zu, weil er gerade noch husten musste. Die Soldatin schließt die Tür wieder – und einige Minuten später wendet sich der Fahrer an sie: „Willkommen im Burgendland!“ (Lesen Sie hier die Geschichte der Familie Kleinschmidt, die 2019 in Langwedel bei Bremen lebt)

25. August: Ungarns Ministerpräsident Miklós Németh und Außenminister Gyula Horn kündigen in Bonn an, DDR-Bürgern aus humanitären Gründen die Ausreise in die Bundesrepublik zu erlauben.

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Eine Woche später besucht Horn die DDR und kündigt die Ausreise der ungarischen DDR-Flüchtlinge ab dem 11. September an.

29. August: Die Flüchtlingswelle sorgt für Nervosität innerhalb des DDR-Regimes. Politbüro-Mitglied Günter Mittag erklärt in einer Sitzung: „Ich möchte auch manchmal den Fernseher zerschlagen, aber das nützt ja nichts.“

Wanderungen von Ost nach West: 20.955, davon 12.812 genehmigte Ausreisen

Juli 1989

7. Juli: In Bukarest kommen die Mitglieder des Warschauer Paktes zu einem Gipfeltreffen zusammen. In der Abschlusserklärung heißt es, die Mitgliedsstaaten dürften künftig selbstständig eine „eigene politische Linie, Strategie und Taktik ohne Einmischung von außen“ festlegen. Damit gilt die Bestandsgarantie der Sowjetunion für die sozialistischen Regierungen in Osteuropa als wackelig. Erich Honecker erleidet während des Treffens eine Gallenkolik und wird kehrt vorzeitig nach Ost-Berlin zurück.

Auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin demonstrieren Bürgerrechtler gegen die Wahlfälschung der Kommunalwahl am 7. Mai. Der Protest wird von einem massiven Polizeigebot aufgelöst.

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18. Juli: Westdeutsche Medien berichten von einer zunehmenden Menge von DDR-Bürgerinnen und Bürgern, die über Ungarn nach Österreich flüchten. Selbst wenn sie festgenommen würden, würden sie seltener an die Stasi ausgeliefert.

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21. Juli: In den Botschaften und Ständigen Vertretungen der Bundesrepublik in mehreren Ostblockstaaten halten sich zurzeit mehr als 150 DDR-Bürgerinnen und Bürger auf, die ihre Ausreise in den Westen erzwingen wollen.

In den Straßen von Prag stehen die verlassenen Autos von DDR-Bürgern, die nun in der westdeutschen Botschaft ausharren. Vor der Botschaft steht auch der Leipziger Alexander Will. Der 19-Jährige, der 30 Jahre später Nachrichtenchef der NWZ sein wird, befindet sich gerade mit Freunden auf der Reise durch die Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien. Vor kurzem hat er sein Abitur abgelegt, im August steht ihm sein drei Jahre langer Dienst bei der Nationalen Volksarmee bevor.

Die drei Männer und eine Frau diskutieren, ob sie den Sprung in den Westen wagen sollten, ob sie versuchen sollten, in die Botschaft zu gelangen. Die Freunde waren im Herbst 1988 mit dem totalitären Staatsapparat aneinander geraten: Sie hatten einen Artikel an die Wandzeitung ihrer Schule gehängt, in dem sie die Rücknahme des Verbots der sowjetischen Zeitschrift „Sputnik“ forderten. Diese hatte offensiv mit den Verbrechen des Stalinismus abgerechnet. Um ein Haar wären die Schüler von der Schule geflogen.

Jetzt und hier, in der tschechoslowakischen Hauptstadt, entscheidet die Gruppe, nicht zu flüchten. Sie hoffen auf Veränderungen in der DDR, wollen den Kommunismus von innen heraus reformieren und insbesondere die persönliche Freiheit des Einzelnen herstellen.

Ähnliches Bild wie im Juli: DDR-Flüchtlinge stehen am 1. September vor der deutschen Botschaft in Prag. Foto: Annemagret John/dpa

Wanderungen von Ost nach West: 11.707, davon 9563 genehmigte Ausreisen

Juni 1989

Im Juni: Annette-Christine Lenk sitzt mit ihren zwei Söhnen, sechs und sieben Jahre alt, zum Verhör bei der Stasi. Die 29-Jährige ist Pfarrerin im so genannten Chemiedreieck in der Nähe von Bitterfeld. Die Tür des Raumes hat keine Türklinke, es gibt kein Klo, auf das die Kinder gehen könnten. Zwei Stunden lang passiert gar nichts, bis dann ein Verhör beginnt. Ihr Verbrechen? Ihr Mann hatte sich zuvor in den Westen abgesetzt. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte von Annette-Christine Lenk, die 2019 in Oldenburg lebt)

4. Juni: Die chinesische Armee schlägt den Protest der protestierenden Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking gewaltsam nieder. Mehrere Tausend Menschen fallen dem brutalen Eingreifen zum Opfer.

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Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens:

Peking am 4. Juni: Demonstranten fliehen vor einem in Brand gesetzten Panzer. Das Militär richtet ein Blutbad in Peking an. Foto: dpa

8. Juni: Die Volkskammer, das – machtlose – Parlament der DDR, bezeichnet das Massaker als „Niederschlagung einer Konterrevolution“.

12. Juni: Ungarn tritt der Genfer Flüchtlingskonvention bei, die untersagt, Flüchtlinge in den Staat zurückzuschicken, aus dem sie gekommen sind. Allerdings, so sagt der ungarische Geheimdienstchef, würden DDR-Bürgerinnen und Bürger nicht als Flüchtlinge anerkannt.

12. bis 15. Juni: Michail Gorbatschow besucht die Bundesrepublik und wird von der Bevölkerung begeistert empfangen. Gorbatschow und Bundeskanzler Helmut Kohl unterzeichnen eine gemeinsame Erklärung, nach der das Recht beider Staaten anerkannt wird, „das eigene politische und soziale System frei zu wählen“. Der Auftritt des sowjetischen Staatschefs kommt bei den Machthabern in der DDR alles andere als gut an.

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15. Juni: Nachlesen im Archiv (NWZ-E-Paper-App) | Nachlesen im Archiv (PC/Laptop)

Michail Gorbatschow (vorne, 3. von links) und Helmut Kohl (4. von rechts) stoßen am 13. Juni 1989 auf den deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrag an. Bild: Imago

Im Bundeskanzleramt ist die Verbesserung des deutsch-sowjetischen Verhältnisses oberstes Ziel. Dort arbeitet als Militärberater des Kanzlers der Marineoffizier Rudolf Lange, der 2019 in Jever leben sollte. Er hatte nach Gorbatschows Staatsbesuch die Idee, ein Rotes Telefon zwischen beiden Staatsmännern einzurichten. „Käpt’n, machen Sie mal!“, sagte ihm sein Chef Horst Teltschik.

Und Lange machte: Über die bald eingerichtete Verbindung sollten Kohl und Gorbatschow in den nächsten Monaten zwei- bis dreimal in der Woche telefonieren. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte von Rudolf Lange, der 2019 in Jever lebt)

Wanderungen von Ost nach West: 12.428, davon 10.646 genehmigte Ausreisen

Mai 1989

2. Mai: Der Stacheldrahtzaun zwischen Ungarn und Österreich wird abgebaut. Grenzsoldaten schneiden mit großen Drahtscheren die ersten Löcher in den „Eisernen Vorhang“. Bis Ende 1990 soll dieser vollständig entfernt sein. Ausreisen von Ungarn mit einem Reisepass in den Westen sind ohnehin schon jetzt möglich. DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler geht davon aus, dass die Ungarn die Grenze weiterhin sichern werden.

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Der ungarische Außenminister Gyula Horn (rechts) und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock (links) durchtrennen am 27. Juni 1989 in einem symbolischer Akt ein Stück des „Eisernen Vorhangs“ zwischen den beiden Staaten bei Klingenbach. Foto: Robert Jäger/APA/dpa

6. Mai: Die Aufnahmekapazitäten im Aufnahmelager Gießen (eines von drei zentralen Aufnahmelagern neben Berlin-Marienfelde und Uelzen) sind „restlos erschöpft“. Allein am 4. und 5. Mai kamen 595 Übersiedler aus der DDR dort an – normal seien 50 bis 80 Personen pro Tag.

7. Mai: In der DDR finden Kommunalwahlen statt. Unabhängige Bürgergruppen überwachen die Auszählungen in einigen Ost-Berliner Wahllokalen – und stellen gefälschte Ergebnisse fest. Die Wahl ist, wie alle Wahlen in der DDR, ohnehin nach demokratischen Gesichtspunkten eine Farce. Zur Wahl steht eine Einheitsliste, die lediglich bestätigt werden kann, mit den Mitgliedern des zu wählenden Gremiums darauf.

Kommunalwahl in der DDR: Eine Frau gibt einen Stimmzettel in einem Ost-Berliner Wahllokal ab. Foto: Roland Holschneider/dpa

Das Ergebnis steht somit bereits vor der Wahl fest – die Ergebnisse für die Liste liegen in der Regel bei über 99 Prozent. Wer bei der „Wahl“ eine Kabine benutzt, gilt als verdächtig und gerät ins Visier der Staatssicherheit. Wer der Liste nicht zustimmen will, muss jeden einzelnen Kandidaten darauf einzeln durchstreichen, ansonsten gilt die Stimme als Zustimmung. Und schließlich hat eine Gruppe von SED-Funktionären die Hand auf den Zahlen und „errechnet“ gegebenenfalls die im Vorfeld gewünschten Ergebnisse.

Gemessen an diesen Schikanen, bedeutet die Zustimmungsrate von 98.85 Prozent für die SED-Führung eine Art Wahlniederlage.

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Wahlfälschung bei der DDR-Kommunalwahl 1989:

15. Mai: In Massenprotesten fordern mehr als eine Million Menschen in Peking die chinesische Parteiführung auf, dem Vorbild Michail Gorbatschows in Richtung weiterer Reformen zu folgen. Tausende Studenten treten auf dem Platz des Himmlischen Friedens (Tian’anmen) in den Hungerstreik.

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Auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking versammelten sich im Mai Hunderttausende, um für Reformen in China zu demonstrieren.Foto: Edgar Bauer/dpa

Wanderungen von Ost nach West: 10.642, davon 9115 genehmigte Ausreisen

April 1989

3. April: Erich Honecker hebt informell den Schießbefehl auf: „Es gilt zu beachten: Lieber einen Menschen abhauen lassen, als in der jetzigen politischen Situation die Schusswaffe anzuwenden.“ Der Befehl wird unter den Grenzsoldaten mündlich verbreitet. Gut drei Wochen später kommentiert der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, den Beschluss wie folgt: „Wo noch etwas mehr revolutionäre Zeiten waren, da war es nicht so schlimm. Aber jetzt, nachdem alles so neue Zeiten sind, muss man den neuen Zeiten Rechnung tragen.“

Der DDR-Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, gehörte als Chef der gefürchteten Stasi zu einem der mächtigsten Politiker in der DDR. Bild: Imago

Im April: Eishockeyspieler Thomas Popiesch aus Berlin reist nach Ungarn. Völlig überraschend hatte er ein Visum für den Bruderstaat der DDR bekommen – denn der Staat hat ihn auf dem Kieker: 1982 hatte Popiesch, damals ein 17-jähriges Eishockeytalent, einen Fluchtversuch über die tschechoslowakische Grenze nach Österreich unternommen. Dieser war gescheitert, und Popiesch verbrachte die nächsten dreieinhalb Jahre im Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen.

Seine Karriere in der DDR ist ruiniert, er ist vollkommen perspektivlos. Weil er gehört hat, dass in gerade in der letzten Woche drei Menschen über die Grenze geflohen sind, versucht Popiesch es nun wieder. Und so läuft er los, circa 150 Kilometer von Wien entfernt. In der Dunkelheit, ohne Karte schlägt er sich durchs Dickicht, fällt in den Fluss, friert. Nach gut sechs Stunden schläft er auf einem Hochsitz ein. Ein Förster entdeckt ihn und bestätigt: Er ist in Österreich angekommen. Popiesch sollte eine Bundesliga-Karriere im Eishockey hinlegen. 2019 wird er Trainer des DEL-Teams Fischtown Pinguins sein. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte von Thomas Popiesch, der 2019 in Bremerhaven arbeitet)

Wanderungen von Ost nach West: 5887, davon 4996 genehmigte Ausreisen

März 1989

8. März: Der 32-jährige Winfried Freudenberg stürzt beim Versuch, mit einem Heißluftballon aus der DDR zu flüchten, über West-Berlin ab und stirbt.

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13. März: Im Anschluss an ein Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche skandieren mehrere hundert Menschen „Wir wollen raus! Wir wollen raus!“. Beamte der Volkspolizei schreiten ein, es kommt zu Verhaftungen.

Wanderungen von Ost nach West: 5671, davon 4487 genehmigte Ausreisen

Februar 1989

5. Februar: Der 20-jährige Chris Gueffroy wird beim Versuch, nach West-Berlin zu fliehen, von Grenzsoldaten erschossen. Er hatte zuvor gehört, dass der Schießbefehl an der Grenze ausgesetzt worden sei. Es sollten die letzten Todesschüsse an der Berliner Mauer sein. In der Todesanzeige ist die Rede von einem „tragischen Unglücksfall“. Insgesamt starben an der Berliner Mauer mindestens 140 Todesopfer, andere Quellen gehen sogar von 245 Fällen aus.

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Ein Mahnmal mit dem Bild von Chris Gueffroy erinnert am ehemaligen Todesstreifen an der Bernauer Straße in Berlin an die Mauertoten. Foto: Christoph Soeder/dpa

11. Februar: Das Zentralkomitee der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (USAP) beschließt, das Ein-Parteien-System aufzugeben und den Stacheldraht an der Grenze zu Österreich abzubauen und durch eine normale Grenzsicherung zu ersetzen. Drei Wochen später sichert der sowjetische KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow dem ungarischen Ministerpräsidenten Miklós Németh zu, diese Reformbestrebungen nicht zu unterbinden.

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Wanderungen von Ost nach West: 5008, davon 4087 genehmigte Ausreisen

Januar 1989

3. Januar: Das Bundesinnenministerium gibt bekannt: Die Aufnahmelager für DDR-Übersiedler in der Bundesrepublik registrierten 1988 fast 40.000 Personen – im Vorjahr waren es noch knapp 19.000 gewesen.

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18. Januar: SED-Generalsekretär Erich Honecker kündigt öffentlich an, die Berliner Mauer werde „in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind.“

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Staats- und Parteichef Erich Honecker auf einem FDJ-Fest (FDJ = Freie Deutsche Jugend, DDR-Jugendorganisation) in Ost-Berlin. Bild: Imago

Wanderungen von Ost nach West: 4627, davon 3741 genehmigte Ausreisen

Deutschland am Jahreswechsel 1988/89

Das Land ist geteilt in die Bundesrepublik und die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Im Westen steht Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) seit sechs Jahren einer Koalition aus CDU/CSU und FDP vor, im Osten ist Erich Honecker Staatsratsvorsitzender und Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).

Die Partei hat verfassungsgemäß den Führungsanspruch in der DDR, ohne sie geht in dem Land nichts. Die Kontrolle der Bürger durch Massenorganisationen und Polizei ist total. Am Arbeitsplatz und im Privaten. Mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS, auch „Stasi“ genannt) wird jede oppositionelle oder kritische Regung unterdrückt. Dissidenten wandern in den geheimen Stasi-Knast in Hohenschönhausen. Die Ausreise in westliche Staaten ist nur in wenigen Ausnahmefällen gestattet. In Berlin trennt die Berliner Mauer seit mehr als 27 Jahren die Stadt.

Erhebliche Versorgungsengpässe belasten die Menschen allerorten, sogar in der Hauptstadt. Selbst Grundbedarfswaren, erst recht Genussmittel und Industriewaren sind zum Teil am Nachmittag schon ausverkauft. An Dienstleistungen und Reparaturen fehlt es an allen Ecken und Enden: Wartezeiten von 3 bis 6 Monaten für eine Autoreparatur beispielsweise sind an der Tagesordnung.

Warenknappheit: Solche Schlangen, wie hier vor einem Obst- und Gemüsestand in Leipzig, gehörten in der DDR zum Alltag. Foto: Wolfgang Weihs/dpa

Ausgehend von den Reformen des sowjetischen Staats- und Parteichefs Michail Gorbatschows ist das Jahr 1989 eines, das in vielen osteuropäischen Ländern hinter dem „Eisernen Vorhang“ zu tiefgreifenden Veränderungen führt. In Polen verhandeln Regierung und Opposition am Runden Tisch miteinander, in Ungarn wird ein Mehrparteien-System angekündigt.

Tausende flüchteten Monat für Monat aus der DDR in den Westen – und etliche Versuche endeten erfolglos, im Gefängnis, verletzt oder sogar mit dem Tod.

Christian Schwarz Redakteur / Online-Redaktion
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